Berliner Wohnbiotop Das große Pokern um ein Studentendorf

Die Querelen um das Studentendorf Schlachtensee sind es noch lange nicht passé. Der Berliner Senat hat sich zwar durchgerungen, das Areal jetzt für zehn Millionen Euro zu verkaufen. Doch die studentischen Bewohner finden den Preis für die maroden Häuser deutlich zu hoch.

Von Katrin Gröschel


Von Jubel kann in Berlin keine Rede sein: Nach langem Tauziehen will der Senat das Studentendorf Schlachtensee in Zehlendorf zwar verkaufen - und der glückliche neue Eigentümer soll auf Vorschlag von Berlins Wissenschaftssenator Thomas Flierl auch die Bietergemeinschaft Genossenschaft Studentendorf Schlachtensee (ArGE) sein. Aber zu diesem Preis wollen die Bewohner das Dorf eigentlich gar nicht haben.

Aufbauarbeit in den fünfziger Jahren: Studentinnen bauten an ihrem Dorf

Aufbauarbeit in den fünfziger Jahren: Studentinnen bauten an ihrem Dorf

Die Anlage wurde in den fünfziger Jahren von Stararchitekten erbaut und war ein Geschenk der Amerikaner an die zerbombte Stadt Berlin. Inzwischen stehen viele der denkmalgeschützten Häuser leer und verfallen zusehends - die verbliebenen Bewohner melden reichlich Frost- und Wasserschäden.

Dennoch kämpften die Mitglieder der Genossenschaft, die sich aus Studenten, Nachbarn und ehemaligen Bewohnern zusammensetzt, in den letzten vier Jahre energisch für den Erhalt des Areals. Der Senat diskutierte, ob die Häuser abgerissen oder doch saniert werden. Die Entscheidung wurde verschleppt. Vielen Studenten wurde gekündigt; wer nicht gehen wollten, bekam eine Räumungsklage ins Haus.

Mieter, keine Hausbesetzer

30 Studenten harrten aus und ließen sich nicht vertreiben. Und sie legen Wert darauf, dass sie die "Zerstörung unseres sozialen Biotops" verhindern wollen, so Sara Graben: "Ich zahle immer noch Miete, bin also keine Hausbesetzerin", sagte die 24-jährige Medizinstudentin im UniSPIEGEL-Interview. Als eine der letzten 30 von ursprünglich 1000 Bewohnern hat sie sich fest vorgenommen, das Dorf zu retten.

Häuschen im Grünen: Studenten kämpfen seit Jahren um den Erhalt

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"In der Zwischenzeit sind immer mehr Schäden an den Häusern entstanden. Die belaufen sich inzwischen auf 4,3 Millionen Euro", erklärt Johannes Prüssner, Geschäftsführer der Genossenschaft. "Vor zwei Jahren hätten wir auch die geforderten zwölf Millionen gezahlt. Aber jetzt liegen uns Untersuchungen vor, dass das ganze Areal nur noch etwa 7,7 Millionen Euro wert ist."

Die Entscheidung sei ein Schritt in die richtige Richtung, reiche aber einfach nicht weit genug, meint Prüssner. Nun verhandelt der Liegenschaftsfond mit der Bietergemeinschaft und deren Kooperationspartner Nippon Development Corporation, erst einmal bis Ende Juni.

Woher nehmen, wenn nicht stehlen?

Die Genossenschaft will das Projekt mit Hilfe von Privatinvestoren und Kleinanlegern finanzieren. Sie rechnet mit Kosten von insgesamt rund 24 Millionen Euro für Kauf, Behebung der Schäden, Vermarktung und anschließende fortlaufende Sanierung.

Die Mindesteinlage bei einer Genossenschaft beträgt 50 Euro. Prüssner ist aber zuversichtlich über, diesen Weg genügend Genossenschaftsmitglieder anwerben zu können. Um die 4600 Menschen müssten sich mit jeweils 5150 Euro beteiligen. Denn genau diese Summe ermöglicht eine staatliche Förderung über die Eigenheimzulage, die dem Anleger bis zu 13 Prozent Rendite bringt.

Die Zeit läuft den potenziellen Käufern allerdings davon: "Das müsste jetzt wirklich schnell gehen, denn die Bundesregierung will das Gesetz demnächst ändern", sagt Prüssner. Weitere Finanzierungsmöglichkeiten wären unter anderem Beteiligungen durch stille Teilhaber oder auch ein Kredit bei einer Bank. "Man würde uns das auch finanzieren, aber bei einer Bank müssen wir ja auch wieder dafür bezahlen", so Prüssner.

Studentendorf-Logo: Das Werben um Käufer kann beginnen

Studentendorf-Logo: Das Werben um Käufer kann beginnen

Um das Projekt überhaupt finanzieren zu können, ist die Genossenschaft nicht nur auf private Investitionen angewiesen, sondern auch auf die Mieterlöse. Je schneller sich alles regelt, desto eher kann also auch wieder vermietet werden. deshalb soll auch immer nur nach und nach saniert werden, immer etwa 25 Prozent der 23 maroden Häuser. Im Sommer soll es losgehen.

Trotzdem rechnet Prüssner nicht damit, dass die Verhandlungen mit dem Berliner Bausenator Peter Strieder einfach werden. "Vielleicht pokert er aber auch einfach nur hoch."




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