Streit über Beschneidungsurteil "Wir haben die ganze Straße eingeladen"

Yamen Al-Khalaf, 33, studiert Medizin an der Uniklinik Bonn. Er wurde in seiner Heimat Syrien beschnitten und ist heute selbst Vater von zwei Söhnen. Bei seinem jüngsten Sohn, sieben Monate alt, steht das Ritual nun bevor.


"Ich kann mich eigentlich gar nicht an meine eigene Beschneidung damals in Aleppo erinnern. Ich kenne nur die Fotos, die mir meine Familie von dem Fest zeigen. Alle trugen ihre besten Kleider; es muss riesig gewesen sein. Wir haben die ganze Straße eingeladen, und meine Eltern verteilten überall Süßigkeiten. Sie meinten, alle wären sehr stolz gewesen und hätten uns beglückwünscht.

In Syrien ist die Beschneidung zwar eine Frage der Religion, aber wie und in welchem Alter das Ritual durchgeführt wird, bestimmt das kulturelle Umfeld. Die Väter in Syrien oder dem Libanon bringen ihre Söhne im ersten Lebensjahr zum mutahir, dem 'Beschneider'. In Nordafrika und in der Türkei wird damit bis zum vierten oder fünften Lebensjahr gewartet. Bei mir in Aleppo kannte ich sogar viele christliche Familien, die ihre Kinder beschneiden ließen. Die Botschaft, die der Junge dann irgendwann begreift, ist überall die gleiche: 'Du bist beschnitten - du bist ein Mann!' Ich könnte mir gar nicht vorstellen, wie es wäre, nicht beschnitten zu sein. Es ist einfach ein Verständnis, das tief in mir wohnt.

"Nicht zu lange mit der Operation warten"

Aber als Mediziner weiß ich natürlich, dass es zwei Seiten gibt. Auf der einen die Familie, die stolz auf ihre Tradition ist. Und auf der anderen Seite das Kind, das womöglich Schmerzen leidet oder vom Eingriff, wenn er im fortgeschrittenen Alter erfolgt, traumatisiert wird. Gerade deshalb finde ich es richtig, nicht zu lange mit der Operation zu warten. Bei einer Beschneidung wird mit Skalpell oder Chirurgenschere die Vorhaut abgetrennt, und danach wird der Schnitt am Schaft zugenäht. Bei Kleinkindern verheilt das innerhalb von ein bis zwei Tagen - und sie erinnern sich auch nicht an den Eingriff. Es gibt so gut wie nie Komplikationen.

Das Kölner Urteil ist daher, meiner Meinung nach, nicht ausreichend durchdacht. Eine Beschneidung ist eine kulturelle oder religiöse Tradition. Sie zu verbieten, bedeutet, das Problem nur zu verlagern: Muslimische Familien werden in Zukunft in deutsche Nachbarländer oder direkt in ihre Herkunftsländer im Orient fahren, um dort die Eingriffe machen zu lassen. Dort sind Operationen sehr viel unhygienischer und damit gefährlicher. Gemacht werden sie aber dennoch.

Ich stehe jetzt auch vor der Frage, ob und wann ich meinen zweiten Sohn beschneiden lassen soll. Er ist sieben Monate alt und eigentlich wäre jetzt die richtige Zeit. Warte ich, bis er im Jugendalter ist, dann wird die Beschneidung sehr schmerzen. Auch will ich meinem Sohn ersparen, dass er mit dem Ritual negative Erinnerungen verbindet. Aber ich weiß, wenn er nicht beschnitten ist, würde er irgendwann fragen: Papa, warum bin ich anders?

Bei meinem ersten Sohn, er wird bald fünf Jahre alt, war es damals einfacher: Ein befreundeter jüdischer Arzt hat ihn direkt im zweiten Monat beschnitten."

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DPA
Cihat, 23.

Er studiert BWL an einer privaten Uni in Süddeutschland. Für ihn gehört Beschneidung einfach zum religiösen und gesellschaftlichen Leben. Mit vier Jahren wurde er beschnitten - und die ganze Familie war dabei: "Ich war gekleidet wie ein kleiner Pascha"


Julia Nikschick

Avraham, 27.

Er studierte in England, den USA, Israel und Deutschland. Seit September 2011 ist er der Rabbiner der Einheitsgemeinde in Freiburg - und damit der erste in Deutschland ordinierte orthodoxe Rabbiner seit dem Zweiten Weltkrieg. "Als ich beschnitten wurde, war ich bereits 16"


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Mit Material von dpa und AFP

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