Betriebswirt auf Tour Warum Olivier Genkin alle 46 Staaten Europas besuchte

Von Albanien bis Weißrussland: Olivier Genkin, 29, hat eine besondere Passion - er reist kreuz und quer durch Europa. Inzwischen hat der Betriebswirt aus Frankfurt sämtliche Staaten des Kontinents in seiner Sammlung und damit eine Wette gewonnen.

Von Matthias Klein


Ballack kennen alle. Wenn Olivier Genkin fremde Menschen trifft, die seine Sprachen nicht sprechen, dann packt er eine Landkarte aus. Zeigt auf Frankfurt, sagt "Germany" und dass er da herkomme. "Ah, Ballack", sagen dann viele und lachen. Oder "ah, Bayern München".

Fußball aus Deutschland, das kennt einfach jeder, egal wo. Olivier Genkin lacht dann mit. Eigentlich ist er ja gar kein Fußballfan. Aber das Eis ist gebrochen, und er lernt wieder neue Leute kennen.

Der Frankfurter ist Reisender aus Passion. Wenn die Woche auf Freitag zugeht, packt ihn regelmäßig das Fernweh. Im ganzen letzten Jahr war er gerade einmal an drei Wochenenden zu Hause. Mindestens zwei Mal pro Jahr unternimmt er größere Touren in die entlegensten Gegenden. Er fährt dahin, wo ihn auch die vier Sprachen, die er fließend spricht, nicht mehr weiterbringen. Einmal wettete er mit einem Freund aus den Niederlanden darum, wer von ihnen zuerst alle 49 Staaten Europas besucht hat - offiziell sind es 46, aber Genkin rechnet auch Aserbaidschan, Armenien und Georgien hinzu. Aserbaidschan war sein letztes Land.

Ist das noch Reisevorbereitung oder schon ein Businessplan?

"Ich habe gewonnen", freut sich Genkin. Der 29-Jährige hat einen deutschen Vater und eine französische Mutter. Aufgewachsen ist er in beiden Ländern. Er ist klein und schlank und sieht gar nicht wie ein Abenteurer aus. Genkin trägt einen feinen schwarzen Anzug mit roter Krawatte und eine randlose Brille. Schließlich macht er auch Karriere: Der studierte Betriebswirt arbeitet in der Konzernentwicklung der Deutschen Bahn.

Wenn er von den Vorbereitungen seiner Reisen spricht, klingt das wie das Aufstellen eines Businessplans: Er setze sich klare Ziele, was er sehen wolle, und überlege, wie er dort am besten hinkommen könne. "Nein, ich bin wirklich kein gesellschaftlicher Aussteiger, der sich einfach treiben lassen will", sagt Genkin. Aber Abenteuer, die will er schon erleben.

Und die Geschichten gehen Olivier so schnell nicht aus: Als er vor sechs Jahren mit dem Zug in Mazedonien unterwegs war, hallte plötzlich ein Schuss durch die Nacht, eine Fensterscheibe splitterte. Der Zug blieb stehen, quälende Minuten lang tat sich nichts. "Was genau geschehen war, konnte ich nicht herausfinden", sagt Genkin, "passiert ist zum Glück nichts Schlimmes." Irgendwann fuhr der Zug einfach weiter. "Ich hatte gar keine Zeit, Angst zu haben."

Wenn Genkin von seinen Reisen erzählt, lebt er auf, seine Augen strahlen. Da war zum Beispiel dieses Erlebnis kurz hinter der rumänischen Grenze zu Bulgarien. Er war auf dem Weg nach Sofia, als sein Zug an einem kleinen Bahnhof hielt. Alle Passagiere stiegen aus. Genkin war unsicher: Musste er auch raus? "Ich konnte nur ein Wort auf Bulgarisch, nämlich Sofia", sagt Genkin und lacht. "Ich dachte, das muss reichen, denn da wollte ich hin."

Sprung aus dem fahrenden Zug

Er versuchte, sich mit einer Frau per Zeichensprache zu verständigen. Sie deutete ihm an, dass er sitzen bleiben solle. Plötzlich fuhr der Zug an - zurück Richtung Rumänien. "Ich wusste nicht, was ich machen sollte", erzählt Genkin. Ohne lange zu überlegen, packte er seine Tasche, riss die Tür auf, sprang aus dem fahrenden Zug in die dunkle Nacht und landete auf einer Brücke: "Leider ist es nicht so wie in einem Film, es tut verdammt weh."

Kaum hatte er sich aufgerappelt, blendete ihn auch schon der Strahl einer Taschenlampe, ein Grenzpolizist richtete ein Gewehr auf ihn. Er wollte nur den Pass sehen. Zu Fuß machte sich Genkin auf den Weg zurück zum Bahnhof, als ihn sein Zug überholte. Es war nur eine Rangierfahrt. An der offenen Tür stand der Schaffner - und zeigte ihm im Vorbeifahren den Vogel.

"Spannend wird es auch oft an den Grenzen", sagt Genkin. Gerade in abgelegenen Regionen rechnet keiner mit Touristen. Ein albanischer Grenzpolizist fragte ihn einmal, warum er denn einreisen wolle. "Ich will mir das Land ansehen", antwortete Genkin fröhlich - was den Mann völlig aus der Fassung brachte. Stundenlang musste der Frankfurter warten, ehe der Polizist ihn schließlich passieren ließ.

Mit dem Nachtzug zur Abschlussprüfung

Wer 46 europäische Staaten besucht hat, kann sagen: Abenteuer machen süchtig. Und die Sucht sorgte dann auch dafür, dass Genkin zu seiner Abschlussprüfung an der Uni mit dem Nachtzug anreiste, direkt aus Südeuropa. Bei einem Freund duschte er schnell, dann ging's zur Hochschule. Seine große blaue Reisetasche nahm er natürlich mit. "Die haben ganz schön geschaut", sagt Genkin und lacht. Gelernt habe er im Zug, "ich war lange unterwegs und hatte ja viel Zeit."

Viele seiner Touren ermöglichte ihm die Studenteninitiative AEGEE, Genkin ist mittlerweile Ehrenmitlied. Weit über 1000 Einträge hat er in seinem E-Mail-Adressbuch und sagt, trotz der großen kulturellen Unterschiede fühle er sich überall gut aufgehoben und sicher. Am größten sei die Gastfreundschaft in Südosteuropa. "Die Leute dort teilen sofort ihr Brot, auch wenn sie arm sind." In Rumänien lud ihn ein Schaffner im Zug zu einem Schnaps ein und trank selbst gleich mit. Olivier Genkin lacht.

Dann muss er schnell weiter. Schließlich steht bald das Wochenende an, die nächste Reise ist schon geplant. Diesmal geht es in die Niederlande, eine Kleinigkeit. Aber bald folgt eine neue Herausforderung: Ägypten. Er wird wieder seine Landkarte brauchen. Wahrscheinlich ist Ballack auch dort bekannt.



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