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13. März 2019, 17:03 Uhr

Betrugsskandal an US-Unis

"Völlig außer Kontrolle"

Ein Interview von

Dutzende Eltern in den USA sind angeklagt, weil sie ihre Kinder durch Bestechung an Eliteunis untergebracht haben sollen. Droht auch an deutschen Hochschulen eine solche Entwicklung?

SPIEGEL ONLINE: Herr Günther, Sie waren im letzten Jahr Ihres Studiums und während Ihrer Doktorarbeit an der Uni in Berkeley. Wie viel haben Sie dort bezahlen müssen?

Oliver Günther: Gar nichts - aber nur, weil ich Stipendiat der Studienstiftung des Deutschen Volkes war und die Stiftung die Gebühren übernommen hat. Ich hatte als Student ein Praktikum bei Hewlett Packard im Silicon Valley gemacht. Für mich als junger Informatiker war der Aufenthalt in den USA natürlich das Größte. Deshalb habe ich mich für das letzte Studienjahr in Stanford und Berkeley beworben und hätte auch an beiden Unis anfangen können.

Stanford nahm damals, in den Achtzigerjahren, rund 16.000 Dollar für ein Jahr, Berkeley war mit 10.000 Dollar etwas preiswerter. Dann kamen noch Lebenshaltungskosten von rund 12.000 Dollar dazu - wie gesagt, in meinem Fall hat das alles die Studienstiftung bezahlt. Sonst wäre mir der Aufenthalt auch gar nicht möglich gewesen.

SPIEGEL ONLINE: Im Vergleich zu heutigen Studiengebühren war das ja noch ein regelrechtes Schnäppchen.

Günther: Das stimmt, mittlerweile ist das Preis-Leistungs-Verhältnis an einigen US-Unis völlig außer Kontrolle geraten. Ich frage mich schon, ob ein Master of Engineering am MIT wirklich 50.000 Dollar wert ist oder ein MBA-Abschluss sogar 80.000 Dollar. Da haben sich die amerikanischen Freunde meiner Meinung nach an manchen Stellen vergaloppiert. Was hilft mir das, wenn ich am Ende einen schönen Abschluss habe und dazu einen riesigen Schuldenberg, den ich nie mehr abtragen kann?

SPIEGEL ONLINE: Trotzdem sind jetzt etliche Fälle aufgeflogen, in denen reiche Eltern ihren Kindern mit sehr viel Geld einen Studienplatz an Elitehochschulen erkauft haben sollen. Warum haben die Eltern das gemacht?

Günther: Ach, menschlich kann ich das teilweise schon verstehen. Als Vater oder Mutter hat man ja in aller Regel das Ziel, den eigenen Kindern ein möglichst gutes Leben zu ermöglichen. Ein renommierter Bildungsabschluss kann dazu gehören, und wenn man dann Geld ohne Ende hat, ist das vielleicht sogar nachvollziehbar. Keinerlei Verständnis habe ich aber dafür, dass dabei Gesetze gebrochen werden, dass Bestechung und Korruption eingesetzt wurden. Da müssen die Behörden jetzt durchgreifen, auch im Sinne der Unis.

SPIEGEL ONLINE: Inwiefern?

Günther: Die Universitäten haben ja auch selbst ein Interesse daran, gute Studentinnen und Studenten zu finden und nicht einfach nur die Leute mit dem meisten Geld auszubilden. Früher war es zum Beispiel oft üblich, dass die Kinder von Absolventen bevorzugt zum Studium zugelassen wurden. Das ist wohl etwas weniger geworden, auch wenn die Alumni-Vereinigungen immer noch eine große Rolle spielen. Tatsächlich dürfte das einen Teil der Motivation solcher Eltern ausmachen: dass ihre Kinder als Studenten und Absolventen später auch zu den einflussreichen Netzwerken der jeweiligen Unis gehören.

SPIEGEL ONLINE: Droht uns eine solche Entwicklung in Deutschland auch?

Günther: Nein, das sehe ich nicht. Wir haben ja eher die umgekehrte Situation: dass es bei uns eine sehr gute Ausbildung mit Master und Promotion ohne Studiengebühren gibt. Das halte ich auch für richtig. In den USA konnten wir krasse Fehlentwicklungen beobachten, in England zeichnet sich mittlerweile ein ähnlicher Trend ab. Da können wir in Deutschland eigentlich als Vorbild einer anderen Hochschulpolitik dienen - und mit Studienangeboten auf Englisch eine Marktlücke füllen. Bei uns in Potsdam haben wir ein Viertel der Masterstudiengänge auf Englisch umgestellt. Damit sprechen wir gezielt internationale Studierende an, die sich eben nicht mit Zehntausenden Dollar für ein Studium in den USA verschulden wollen. Und da müssen die Eltern auch keine krummen Dinger drehen, um einen Studienplatz zu bekommen.

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