Bettelbrief vom Dekan Haben Sie mal 125 Euro?

Die Studenten eines Masterstudiengangs an der Fachhochschule München bekamen ungewöhnliche E-Mails. Die Dekane des Fachbereichs pumpen die angehenden Wirtschaftsingenieure energisch um Geld an - denn ohne Spenden sehen sie für den Studienbetrieb schwarz.

Von


Proteste gegen Sparmaßnahmen (in Halle): "Steuerlich voll abzugsfähig"
DDP

Proteste gegen Sparmaßnahmen (in Halle): "Steuerlich voll abzugsfähig"

Das Rundschreiben richtet sich an die "sehr geehrte Studentin" und den "sehr geehrten Studenten" und kommt ohne Umschweife zur Sache: "Die problematische Finanzsituation der bayrischen Fachhochschulen und Universitäten ist Ihnen bekannt." Durch die Kürzungen seien Sachmittel und Gelder für Lehraufträge auf ein Niveau heruntergefahren, das "ohne Sonderaktionen" keinen geordneten Lehrbetrieb erlaube.

Weiter unten folgt der entscheidende Satz, der auch erklärt, um welche "Sonderaktion" es sich handelt: "Unter dem Diktat der knappen Mittel sehen wir uns gezwungen, Sie zu bitten, durch einen freiwilligen finanziellen Beitrag den Studienbetrieb im Masterstudiengang sicherzustellen".

Geldspritzen "selbstverständlich willkommen"

Adressaten des Bettelbriefes sind die rund 175 eingeschriebenen angehenden Wirtschaftsingenieure im Masterstudiengang, die meisten von ihnen berufstätig, unter anderem bei renommierten Unternehmen wie BMW oder Siemens. Sie sollen, so der Wunsch der beiden Dekane Winfried Schauer und Wolfgang Döhl, zwischen 125 und 200 Euro abdrücken. Auch höhere Beiträge seien "selbstverständlich willkommen".

Schrumpft die Unis: Bayerns Wissenschaftzsminister Thomas Goppel
DPA

Schrumpft die Unis: Bayerns Wissenschaftzsminister Thomas Goppel

Schauer begründet die Aktion damit, dass der Studiengang "noch gebührenfrei" sei und die meisten Studenten schon im Berufsleben stünden. "Wir erhoffen uns Einnahmen von rund 10.000 Euro", sagt der Dekan. Von den Almosen könne der Fachbereich die Hälfte der Lehraufträge finanzieren, die dem Masterstudiengang bislang zur Verfügung standen. Ohne Spenden stünden dem Fachbereich, so wird im Schreiben vorgerechnet, weniger als halb so viel Geld für Lehraufträge zur Verfügung wie vor den Kürzungen.

Die Gelder sollen nicht direkt an die Fachhochschule, sondern auf das Konto des "Vereins zur Förderung des Wirtschaftsingenieurwesens" (VFWI) überwiesen werden. Über ihre Verwendung werde selbstverständlich Rechenschaft abgelegt, die Spenden seien "steuerlich voll abzugsfähig".

Spendierlaune aus Notwendigkeit

Mit der Gründung eines ähnlichen Fördervereines hatten unlängst die Wirtschaftswissenschaftler an der Katholischen Universität Eichstätt-Ingolstadt auf sich aufmerksam gemacht. Sie sammelten seit Jahresanfang über 10.000 Euro für ihre Fakultät.

Die wachsende Spendierfreudigkeit entspringt allerdings weniger einer Barmherzigkeits-Welle für die eigene Hochschule als purer Notwendigkeit. Laut der Münchner Rundmail sind die fünfprozentigen Mittelkürzungen des Landes für die leeren Kassen des Fachbereichs verantwortlich. Da bei den Personalkosten nicht von heute auf morgen gespart werden könne, kämen vor allem Sachmittel und Gelder für Lehraufträge unter die Räder.

An den bayrischen Hochschulen herrscht nach wie vor großer Unmut über den Sparkurs der weiß-blauen Staatsregierung, mit dem diese an den Hochschulen 150 Millionen Euro einsparen will. Die Staatsregierung hatte Ende letzten Jahres angekündigt, die bayrischen Hochschulen müssten 2004 mit deutlich weniger Geld auskommen.

Sollten die erhofften milden Gaben von den Teilzeitstudenten ausbleiben, sehen die Dekane der Münchner Fachhochschule schwarz: Der Vorlesungsbetrieb könne dann "nicht in vollem Umfange erfolgen". Mit negativen Folgen für die karriereorientierten Kunden - sie müssten länger studieren.



© SPIEGEL ONLINE 2004
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.