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15. Mai 2006, 17:51 Uhr

Bewegungsmelder

Von Frankreich lernen

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Spaß-Aktionen gegen Studiengebühren reichen nicht, härtere Proteste müssen her, meinen zornige Studenten - wie einst in Frankreich. Heute aus dem Campus-Dunstkreis: Barrikaden für den Rektor, Stillstand für Autofahrer, ein Fanclub für den Minister.

Die Bildung zu Grabe tragen oder baden gehen lassen, sich bis aufs letzte Hemd ausziehen, für die Uni bluten? Alles schon vielfach da gewesen. Solche studentischen Protestaktionen kommen oft geradewegs aus der Mottenkiste, sind immer gut für ein spontanes Gähnen oder ein debiles Grinsen.

In Hessen, wo Regierungschef Roland Koch und Wissenschaftsminister Udo Corts möglichst bald das Gebühren-Inkasso starten wollen, ist das Studenten offenbar zu lahm, sie wollen ein härteres Protestkaliber. An der Fachhochschule Fulda, der kleinsten hessischen Hochschule, verrammelten Studenten zum Beispiel am Montagmorgen die Türen des Hochschulgebäudes mit Eisenketten und Fahrradständern. Anschließend demonstrierten sie in der Innenstadt gegen die Einführung von Studiengebühren, Sitzblockaden inklusive. Der Asta-Vorsitzende Jürgen Reuther sagte, Fulda sei derzeit "die einzige Hochschule in Deutschland, die im Streik ist".

Streiks und Vorlesungsboykott - viele zornige Studenten sehen das nicht mehr als probates Mittel, publikumswirksame Spaß-Aktionen ebensowenig. Der Darmstädter Soziologe Michael Hartmann, Spezialgebiet Elitenforschung, formuliert es so: "Die Erfahrungen von 2003 sind, dass man mit witzigen Aktionen zwar Aufmerksamkeit erzielt, aber keinen Druck entfaltet." Vor drei Jahren hatten Hessens Studenten vor allem gegen die Einführung von Langzeitstudiengebühren protestiert, gern in weißen Koch-Mützen als Anspielung auf den Ministerpräsidenten; der Frankfurter Asta hielt sich gar ein schwarzes Ferkel namens "Roland".

Darmstädter Studenten haben jetzt, natürlich in satirischer Absicht, einen Fanclub für Wissenschaftsminister Udo Corts gegründet, feiern ihn als "charismatischen Helden", veröffentlichen seine Termine und fordern: "Bitte! Studiengebühren schon ab WS 2006!" Andere Protestler sind mehr auf Krawall gebürstet. In Marburg etwa hatten sie bereits letzte Woche das Uni-Verwaltungsgebäude mit Holz und Ketten abgeriegelt. Der Uni-Präsident musste draußen bleiben: "Ausgesperrt - heute Sie, morgen wir?" Am Donnerstagabend skandierten sie "Bildung für alle, sonst gibt's Krawalle" und blockierten zum ersten Mal stundenlang die Marburger Stadtautobahn, am Freitagnachmittag gleich noch einmal. Auch in Darmstadt wurde eine Straße blockiert. In anderen hessischen Städten sind für diese Woche weitere Demonstrationen geplant. In Frankfurt wurden bereits am letzten Mittwoch Straßen und Gleise blockiert, in Kassel zogen am Montag etwa 500 Studenten vor das Rathaus.

Den Studenten geht es offenbar darum, über putzige Aktionen hinaus mit härteren Protestformen Druck auf die Landesregierung zu erzeugen. "Einfach einen Flyer zu schmeißen, beeindruckt nicht so", sagte die Marburger Asta-Vorsitzende Lena Behrendes. "Dabei haben viele Studenten im Kopf, dass in Frankreich auf der Straße politischer Druck gemacht wurde." Dort hatten Studenten mit monatelangen Protesten ein Gesetz zum Abbau des Kündigungsschutzes für Berufsanfänger gekippt.

Deftig geht es auch in anderen Bundesländern zur Sache, etwa in Nordrhein-Westfalen. So besetzten, wie zuvor zum Beispiel schon in Köln, am Mittwoch Studenten das Rektorat in Siegen, am Donnerstag an der Universität Duisburg-Essen. Dort wurde die Rektoratsbesetzung aber gleich von der Polizei wieder aufgelöst. Ebenfalls am Donnerstag stürmten rund 60 Studenten die Geschäftsstelle der Kölner FDP. In Hamburg wurde das Hauptgebäude der Universität am Mittwoch verbarrikadiert. In Bayern dürfte es am Donnerstag hoch hergehen, wenn der Landtag über die Einführung von Studiengebühren beschließen will.

Ungemütliche Zeiten also für die Wissenschaftsminister der Länder und für die Rektoren. Große Ähnlichkeiten mit dem Aufstand in Frankreich sind allerdings noch nicht zu erkennen - dort wurde die Rebellion gegen das Heuern-und-Feuern-Gesetz schnell zu einer Massenbewegung von Millionen. In Deutschland führten die geplanten Studiengebühren bisher zu einem Protestgeflacker, noch nicht zu einem Flächenbrand.

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