Bewerberrekord Harvard ködert die Armen

Die amerikanische Nobel-Universität Harvard entdeckt ihr Herz für mittellose Bewerber. Seit sie mit kräftigen Sozialrabatten oder sogar mit einem Gratis-Studium winkt, melden sich noch mehr Interessenten - so hart war der Kampf um die rund 2000 Studienplätze noch nie.


Begehrtes Ziel: Harvard
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Begehrtes Ziel: Harvard

Soziale Maßnahmen können mitunter die Konkurrenz kräftig ankurbeln. Seit die US-Elituni Harvard den Erlass von Studiengebühren für Bedürftige angekündigt hat, wetteifern noch mehr Bewerber um einen der jährlich rund 2000 Studienplätze für Erstsemester.

Viele tausend Anträge mehr als im letzten Jahr seien eingegangen, teilte die Universität mit. Die Bilanz des Auswahlverfahrens: Unter 23.000 Antwortschreiben der Universität fanden sich lediglich 2074 Zusagen. Damit waren nur 9,1 Prozent der Bewerbungen erfolgreich; so hoch lag die Zahl der Absagen noch nie. Im letzten Jahr erhielten immerhin noch über zehn Prozent das Harvard-Ticket zum Erfolg.

Die US-Hochschulen erleben derzeit einen Bewerberzustrom, der voraussichtlich noch einige Jahre anhalten wird. Einer der Gründe: Die Kinder der "Baby Boomer", der geburtenstarken Jahrgänge", verlassen die Schulen und kommen an die Universitäten. Zudem streuen die Studieninteressenten ihre Bewerbungen nach Einschätzung von Bildungsexperten an mehr Hochschulen als bisher, um ihre Chancen zu erhöhen.

Die reichste Uni der Welt

Der Ansturm speziell auf Harvard hat einen konkreten Grund: Vor knapp einem Jahr kündigte Universitäts-Präsident Lawrence Summers an, Studenten aus einkommensschwachen Verhältnissen künftig die Studiengebühren zu erlassen. Er wolle auf diesem Wege zeigen, dass Harvard wirklich allen Ausnahmetalenten eine Chance gebe - nicht nur Töchtern und Söhnen aus reichem Elternhaus.

Endlich "good news": Uni-Präsident Summers
REUTERS

Endlich "good news": Uni-Präsident Summers

Es sei befriedigend zu sehen, dass das Programm Anklang finde und sich nun noch mehr junge Menschen um einen Studienplatz bewerben, sagte Summers. Die Möglichkeit, eine frohe Botschaft zu verkünden, kommt ihm gelegen: Seit er Zweifel an der Eignung von Frauen für die akademische Karriere äußerte, wird der ruppige Uni-Präsident und frühere US-Finanzminister von scharfer Kritik umtost und muss sich gegen vehemente Rücktrittsforderungen wehren.

Havard kann sich etwas Mildtätigkeit gegenüber Bewerbern aus ärmeren Familien leisten. Die Edel-Universität verfügt über ein Stiftungsvermögen von über 22 Milliarden Dollar - so viel Reichtum kann keine andere Universität der Welt vorzeigen.

41.675 Dollar pro Jahr

Amerikanische Elitehochschulen sind für horrende Studiengebühren bekannt: Gut 40.000 Dollar kann ein Jahr an einer Uni der "Ivy League" kosten. Mit der neuen Harvard-Beihilfe zahlen Studenten aus Familien mit einem Jahreseinkommen unter 40.000 Dollar keine Studiengebühren mehr, und auch Familien, die bis 60.000 Dollar jährlich verdienen, entrichten weit weniger als in den letzten Jahren.

Harvard-Studenten: Teure Ausbildung
Stephanie Mitchell / Harvard News Office

Harvard-Studenten: Teure Ausbildung

Zwei Drittel der Harvard-Studenten müssen dazu verdienen oder finanzieren sich durch Darlehen und Stipendien. Nun gewährt die Universität zwar Sozialrabatte, erhöht aber auch die Gebühren abermals. Für das das akademische Jahr 2005/2006 werden sie um 4,5 Prozent steigen - ein Harvard-Student muss dann jährlich 41.675 Dollar fürs Studium inklusive Unterkunft und Krankenversicherung hinlegen.

Damit liegt Harvard im Trend: Ebenfalls um die fünf Prozent mehr Gebühren kassieren künftig auch andere hochkarätige Universitäten wie Princeton, Brown und Dartmouth.




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