Bewerbung in Oxford Intellektuelles Schleudertrauma

Ausprobieren kostet nichts, dachte sich Felix Kusch kurz vor seinem Abitur - und bewarb sich für einen Studienplatz in Oxford. Dort musste er zuerst im Playstation-Fußball gegen seine Mitbewerber bestehen, dann im philosophischen Kreuzverhör.


Im Sommer 2004 fasste ich den Entschluss, mich an der altehrwürdigen Universität Oxford zu bewerben. Damals war ich noch Schüler und dachte mir, dass ich es einmal versuchen sollte. Zunächst orderte ich also die nötigen Formulare und sammelte die wichtigsten Schrifstücke: allgemeines Anmeldeformular, spezielles Oxford-Anmeldeformular, ein eigenes Motivationsschreiben, Lehrergutachten und so weiter.

Felix Kusch aus Düsseldorf landete erfolgreich am Lincoln College in Oxford
Felix Kusch

Felix Kusch aus Düsseldorf landete erfolgreich am Lincoln College in Oxford

Ich hätte auch noch die Qual der Wahl zwischen 39 verschiedenen Colleges gehabt, die ich mir aber ersparte und mir von der Universität ein College zuteilen ließ, das Lincoln College. Dann ging die Papierschlacht weiter: Das College forderte mich auf, zwei Essays von mir als Probetexte einzuschicken.

Entgegen der landläufigen Meinung, dass es schon allein wegen der bloßen Anzahl von exzellenten Bewerbern unmöglich sei, einen Platz in Oxford zu ergattern, stehen die Chancen auf eine erfolgreiche Bewerbung zumindest rechnerisch recht gut. Über alle Fächer verteilt, wird rund ein Viertel aller Bewerber angenommen. In weniger beliebten Fächern wie Theologie liegt die Zahl der erfolgreichen Bewerbungen wohl noch höher, während angehende Mediziner härter um einen Platz zu kämpfen haben.

Nervöse Mitbewerber

Mich reizte insbesondere der Studiengang "Philosophie, Politikwissenschaften und Ökonomie", ein interdisziplinäres Studium, das es in dieser Form nur in Oxford gibt.

Zu meiner großen Freude überstand meine Bewerbung die erste Auswahl, ich wurde vom Lincoln College zu den Bewerbertagen nach Oxford eingeladen. So stand ich Anfang Dezember vor dem imposanten Eingangstor des Colleges im Stadtzentrum von Oxford.

Der Abend des Ankunftstages war sehr entspannt, wir Bewerber verbrachten ihn mit Playstation-Spielen in einem Studentenaufenthaltsraum. Beim digitalen Fußballspiel kristallisierte sich auch schnell der englische Fußballsnobismus heraus, dem ich als Deutscher durch eine vernichtende Niederlage nur noch mehr Auftrieb gab.

Nach dem Spiel kam ich dann mit einem schüchtern und etwas nervös wirkenden englischen Mitbewerber ins Gespräch und versuchte, die Ursache seiner Nervosität zu ergründen. "Hier in Großbritannien arbeiten viele lange Zeit auf diesen Moment hin. Wenn man es nicht schafft, ist die Enttäuschung schon groß", erklärte er.

Kreuzverhör auf dem Sofa

Da ich die Bewerbertage damals schon als besonderes Bonbon ansah, war ich froh, dass ich diesen Druck nicht hatte. Mit dieser Einstellung ging ich dann auch in die schriftliche Prüfung am darauffolgenden Tag, die mir in 75 Minuten in den Bereichen Politik und Wirtschaft wirklich sehr viel abverlangte.

Am nächsten Tag folgten zwei jeweils 20-minütige Bewerbungsgespräche. Während ich das erste als überraschend entspannt empfand, war das zweite ein regelrechtes Verhör: Ich saß auf einem Sofa, mir gegenüber thronte ein gut angezogener Herr, zu seiner Rechten eine Frau im mittleren Alter, die etwas steif auf ihrem Stuhl verharrte und mich über den Rand ihrer Brille musterte.

Diese äußere Konstellation allein genügte, um mich innerlich zusammenschrumpfen zu lassen. Der stilsichere Akademiker stellte mir eine erste Aufgabe: "Stellen Sie sich vor, Sie hätten die Macht zu entscheiden, ob Sie einen völlig gesunden Menschen töten und seine Organe zwei Kranken einsetzen, die dadurch wieder gesund würden, aber sterben würden, wenn sie auf die Organe verzichten müssten. Was würden Sie tun?"

Eine fiese Frage. Ich sagte, dass ich den Gesunden nicht töten, sondern die zwei Kranken sterben lassen würde. Meine Begründung hierfür war zunächst etwas zaghaft, der gut gekleidete Herr Doktor nahm sie ohne große Mühe auseinander. So ging es die ganze Zeit. Ich sagte etwas, meinem Gegenüber fiel etwas scheinbar Besseres ein, die anwesende Frau schwieg und guckte mich mit einem bösen Blick an, während sie sich ihre Notizen machte.

Nach den 20 Minuten fühlte ich mich, als hätte ich einen intellektuellen Schleuderwaschgang hinter mir und machte mich mit dementsprechend gemischten Gefühlen wieder auf den Heimweg nach Deutschland.

Als ich zwei Wochen später den Antwortbrief aus Oxford in Händen hielt, hatte ich mich schon damit abgefunden, dass die Bewerbertage mein einziger Abstecher in ein Oxford-College gewesen sein würden. Umso überraschter und erfreuter war ich, als ich den Brief öffnete und las, dass ich es geschafft hatte. Einzige verbleibende Bedingung: Ich musste das Abitur mit einem Notendurchschnitt von mindestens 1,3 bestehen, was ich zum Glück auch hinbekam.



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