Bezahlte Jubler Für die Uni auf die Straße

Bei kuriosen Doppel-Demos ziehen diesen Monat mehrmals gleich zwei studentische Protestzüge durch die Wuppertaler Innenstadt. Vorn wird für die Uni demonstriert, hinten gegen Studiengebühren. Vorn gibt's 7,50 Euro Stundenlohn, hinten Unverständnis und Ärger.

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Für den Wuppertaler Prorektor Wolfgang Spiegel ist es "die erste Demonstration meines Lebens", gut gelaunt zieht er durch die Fußgängerzone. "Tag der Forschung" steht auf dem Schild, das er den Passanten entgegenreckt. Rund 20 Studenten sind zusammen mit Spiegel unterwegs, halten Transparente hoch und verteilen Flugblätter. Doch obwohl vorn und hinten jeweils ein Polizist den kleinen Demonstrationszug begleitet, hat das Ganze mit Protest überhaupt nichts zu tun - es handelt sich um eine reine Werbemaßnahme.

Inszenierte Demo in Wuppertal: Reine Werbemaßnahme
Uni Wuppertal

Inszenierte Demo in Wuppertal: Reine Werbemaßnahme

"Wir demonstrieren hier nur in Anführungszeichen", sagt Florian Siegmund. In Wirklichkeit, so der Englisch- und Wiwi-Student, wolle man Werbung machen für den Tag der Forschung Anfang September. Dann will sich die Wuppertaler Uni mit ausgewählten Forschungsprojekten der Öffentlichkeit präsentieren.

Während anderswo Papierkörbe und Rektorenautos brennen oder aus Protest gegen die geplanten Studiengebühren ganze Autobahnen besetzt werden, nutzt der Wuppertaler Demonstrationszug als inszenierter Marketing-Gag die gesteigerte Aufmerksamkeit für Studentenproteste. Die Idee dazu stammt von drei Designstudenten, die damit "auch ein bisschen auf den Verwirrungseffekt setzen" wollten, wie Kendra Rickert einräumt.

Der angehenden Kommunikationsdesignerin geht es um Aufmerksamkeit, und die bekomme man nun einmal vor allem mit ungewöhnlichen Aktionen. Für die 27-Jährige und ihre beiden Kommilitonen Gereon Straatmann und Paulette von Pruszak ist die Umsetzung der Demo-Idee gleichzeitig auch eine Studienleistung, mit der sie unter Beweis stellen, was sie in Sachen Kommunikation schon gelernt haben. Insgesamt sei das doch "eine gute Aktion", findet Gereon Straatmann.

Bezahlte Claqueure

Christoph Grothe sieht das ganz anders. "Schockierend" findet es der Asta-Referent für Öffentlichkeitsarbeit, dass da von Seiten der Hochschule der studentische Anti-Gebühren-Protest gewissermaßen gekapert und "inhaltlich umgedreht" werde. Wie ein Schatten folgen daher Grothe und eine Handvoll Mitstreiter vom Asta und den Fachschaften der Werbe-Demo, um in 50 Meter Abstand - darauf hat die Polizei bestanden - gegen Ökonomisierung und Kommerzialisierung der Bildung zu protestieren.

Vorn, bei den offiziellen Uni-Demonstranten, reichen die Reaktionen auf die echte Protestgruppe von "völlig egal" bis "Gemeinheit, die hängen sich jetzt an unsere Aufmerksamkeit dran". Studentin Eleni Stefanidu, 27, hat sogar Verständnis: "Ich habe selber mal gegen Studiengebühren protestiert", sagt sie. Das sei ganz zu Anfang ihres Studiums gewesen, habe aber "nichts genutzt".

Dass sie heute für ihre Uni auf die Straße geht, habe im übrigen vor allem damit zu tun, dass sie Geld brauche: "Der Stundenlohn ist ganz nett", sagt Eleni Stefanidu. 7,50 Euro gibt's pro Demonstrationsstunde, insgesamt kommen bei den Einsätzen bis zum Tag der Forschung knapp 100 Euro für sie zusammen.

"Dieser Anreiz war leider nötig, um genügend Leute zusammenzubekommen", bedauert Initiatorin Kendra Rickert. Bezahlt werden die Schilderträger vom Hochschul-Marketing - offenbar scheint das Kommunikationskonzept mit der gekaperten Demo-Idee also aufzugehen.



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