"Bielefake"-Satire Wir sehen uns nur in dieser Welt…

…und auf keinen Fall in Bielefeld. Denn die Stadt gibt's doch gar nicht: alles Lüge, pure Kulisse, üble Täuschung. Zur Verschwörungstheorie läuft jetzt ein Studentenfilm. Volker Backes war bei der Premiere in der Phantomstadt - und hat mit dem Erfinder der Bielefeld-Legende gesprochen.
Fotostrecke

"Bielefake": Der Film zur Phantomstadt

Foto: Federico Gambarini/ dpa

B*e*e*e*d - Am Mittwochabend feierte der Studentenfilm "Die Bielefeld-Verschwörung" sein Kino-Debüt. In Bielefeld, der Stadt, die es einer Satire zufolge nicht gibt, bestaunte die lokale Prominenz vom Oberbürgermeister bis zum Stadtmarketingchef den 105-minütigen Actionthriller des Uni-Filmemachers Fabio Magnifico.

Was als Partyscherz startete, endet nun 16 Jahre später als Abendfüller auf der Kinoleinwand. Achim Held studierte 1994 in Kiel Informatik und traf auf einer Feier jemanden, der aus Bielefeld kam. Weil niemand der restlichen Anwesenden jemals zuvor mit Bielefeld in Berührung gekommen war, entstand im Laufe der Nacht der Running-Gag, Bielefeld existiere gar nicht.

Tags darauf warf Held diverse Verschwörungstheorien in den Formulierungsmixer und schusterte unter Einbeziehung von CIA, Mossad und Commander Ashtar Sheran die schräge Legende, dass Bielefeld gar nicht existiere, sondern als Kulisse diene für dunkle Machenschaften der genannten Akteure, kurz: für "SIE".

Uni-Diplome aus Bielefeld? Gut gefälscht. Ex-Kanzler Gerhard Schröder mit 65er-Abitur am Westfalen-Kolleg? Ja sicher… eine glatte Lüge. Die Fahrstuhlfußballer der Arminen, die "BI"-Kennzeichen der Autos, das Bielefelder Telefonbuch? Nichts als ein gigantischer Gehirnwäsche-Versuch. Die Verschwörungstheoretiker funken auf der Web-Seite  Gewissheit: "Bielefeld gibt es nicht!!!"

Argh... Manche Bielefelder können's nicht mehr hören

Die Satire entwickelte ein quirliges Eigenleben und geisterte anderthalb Dekaden mit periodisch wechselnder Intensität durchs Internet und durch die Medien. Bielefelder sahen sich alsbald in der Fremde permanent mit ihrer vermeintlichen Nichtexistenz konfrontiert. Und bis heute sitzen Comedians dem Irrtum auf, die Geschichte könne ihren Auftritten in Bielefeld noch eine originelle Note verleihen.

Empfohlener externer Inhalt
An dieser Stelle finden Sie einen externen Inhalt von YouTube, der den Artikel ergänzt und von der Redaktion empfohlen wird. Sie können ihn sich mit einem Klick anzeigen lassen und wieder ausblenden.
Externer Inhalt

Ich bin damit einverstanden, dass mir externe Inhalte angezeigt werden. Damit können personenbezogene Daten an Drittplattformen übermittelt werden. Mehr dazu in unserer Datenschutzerklärung.

Im vergangenen Jahr schließlich erlangte der Studentengag eine neue Projektreife. Diesmal waren es Bielefelder Studenten, die im Anschluss an einige Seminare des Filmemachers Fabio Magnifico an der Idee mitwirkten, den Verschwörungsstoff zu verfilmen. Der Medienpädagoge Thomas Walden steuerte das Drehbuch bei, jüngst auch als Roman und Comic erschienen. Der freie Kameramann Alexander Böke komplettierte das Produktionsteam, das 60.000 Euro bei der Uni Bielefeld, der Filmförderung und zahlreichen weiteren Sponsoren auftrieb.

Damit sei auch schon vorgegeben, mit welcher Erwartung der Betrachter den Film sehen dürfe, erklärt Böke: "Es ist ein absolut zeigbarer Studentenfilm geworden, den man allerdings nicht mit Filmen wie 'Avatar' vergleichen sollte." Die rund 200 Mitwirkenden und 800 Statisten rekrutieren sich aus Studentenkreisen und Laien mit größeren und kleineren Ambitionen. Lediglich Julia Kahl als mit einem Lara-Croft-Outfit ausgestattete Archäologin Dr. Rita Lihn und Thomas Huber in der Rolle des Ashtar Sheran verfügen über filmische Profi-Erfahrungen. Selbstbewusst siedelt Drehbuchautor Walden den Streifen im Actiongenre zwischen James Bond und Indiana Jones an, dennoch will "Die Bielefeld-Verschwörung" mit einem großen Augenzwinkern betrachtet werden.

Die Story ist etwas dünn, dafür umso verworrener: Die geheimnisvolle Organisation S.I.E.-Kom hat Bielefeld unter Kontrolle. Die Bösewichte wollen eine Waffe entwickeln und damit zunächst Bielefeld, später den Rest der Welt in Schutt und Asche legen. Warum? Das weiß niemand so genau. Klar ist nur, dass hinter den Gangstern Commander Ashtar Sheran steckt, den die Esoterik-Szene im wirklichen Leben als Heilsbringer aus dem All vergöttert. Klar wird auch, wie einer der Gangster im Film freimütig bekennt, dass sich Bielefeld für dunkle Machenschaften besonders eigne, weil niemand eine so langweilige Stadt vermissen würde.

Vielleicht existiert nur Bielefeld - und der Rest der Welt ist Fake

Nur ein Professor, die Archäologin sowie drei Studenten, die stark an die "Drei ???" erinnern, kommen hinter die bösen Machenschaften und leisten Widerstand. Am Ende finden die Helden im Aristoteles-Grab auf der Halbinsel Chalkidiki eine Wunderwaffe - und retten Bielefeld, nebenbei auch die Welt.

Handwerklich ist der Film gut gemacht. Kameramann Alexander Böke produzierte schöne Bilder, die Schnitte sind schlüssig. Ortsunkundige könnten tatsächlich der Illusion unterliegen, ein unterirdischer Gang führe von der Bielefelder Sparrenburg direkt zur Ausgrabungsstelle in Griechenland. Ortskundige dagegen erfreuen sich an bekannten Plätzen und bekannten Personen. Anders jedoch als der Name Rita Lihn verspricht, ist der Film keineswegs auf Speed - vielmehr fließt er dem Produktionsort angemessen mit ostwestfälischer Gemütlichkeit dahin.

Das ist manchmal richtig lustig, auch prima für lokale Unternehmen, deren Namenszüge mit Telefonnummern hin und wieder gut sichtbar in Szene gesetzt werden. Eine eigene Lyrik entfalten auch die zuweilen hölzern vorgetragenen Sätze aus dem Kreis der Bösewichte. "Ein Befehl ist wie ein Pfeil, er wird abgeschossen und trifft", sagt Killerin Luci Fair. Darauf muss man erst einmal kommen. Manchmal allerdings wünscht man sich eine Fernbedienung zum Vorspulen der reichlich vorhandenen Längen.

Achim Held, Schöpfer der Bielefeld-Verschwörung, tritt in einer Nebenrolle auf. Ob der Film die Grenzen der fest umrissenen Bielewelt verlassen und auch anderswo geliebt wird, ist noch nicht klar. Die Macher hoffen auf einen überregionalen Verleih. Bis zum 9. Juni ist der Film zweimal täglich zu sehen, zunächst nur in Bielefeld.

Vielleicht ist ja auch alles ganz anders: Bielefeld ist die einzige Stadt, die wirklich existiert - und der Rest der Welt ist die Kulisse.

Mehr lesen über Verwandte Artikel