Big Brother an der Uni Guck mal, wer da krümelt

Viele Hochschulen rüsten zum großen Spähangriff und überwachen den Campus mit Kameras, wie eine Umfrage belegt. Das hilft den Unis beim Kampf gegen Langfinger, nervt aber Studenten: Sie fühlen sich von 1000 Augen beobachtet - sogar beim Verzehr von Pausenbroten.

Von Oliver Voß


Von Aachen bis Zwickau nutzen Hochschulen Videoüberwachung. Während in Zwickau jedoch nur die Bibliothek der Fachhochschule kontrolliert wird, hat die RWTH Aachen kürzlich 150 Kameras auf dem Campus installiert. "Das ist die massivste Überwachung, die mir bekannt ist", sagt Axel Rüweler vom "Verein zur Förderung des öffentlichen bewegten und unbewegten Datenverkehrs" (FoeBuD e.V.). Er hat die deutschen Hochschulen befragt, um einen Überblick über das Ausmaß der Videoüberwachung zu bekommen.

Videoüberwachung an der Uni Trier: Zonen müssen gekennzeichnet sein
Dr. Werner Schäfer

Videoüberwachung an der Uni Trier: Zonen müssen gekennzeichnet sein

Von den 300 angeschriebenen Hochschulen meldeten sich 60 zurück. Noch geringer war die Resonanz bei Studentenvertretungen. Von den angeschriebenen Asten antworteten nur acht. Die Universitäten betonten ihre Erfolge im Kampf gegen Kriminalität und Vermüllung auf dem Campus. Der Diebstahl von Speicherchips und die Verschmutzung mit Speiseresten seien zurückgegangen, berichtet etwa die FH Nordakademie in Elmshorn.

Insgesamt fünfzehn Hochschulen gaben an, Videoüberwachung einzusetzen. Doch Datenschutz-Experte Rüweler glaubt, dass die Verbreitung in Wirklichkeit viel größer ist. Von Münster, Bremen, Köln, Berlin oder Paderborn ist bekannt, dass dort Kameras eingesetzt werden. An der Berliner Humboldt Universität (HU) gab es schon vor drei Jahren Zoff um den großen Bruder im Hörsaal.

Kriminalität im Blickpunkt

Wie SPIEGEL ONLINE berichtete, entdeckte ein Student in verschiedenen Hörsälen versteckte Kameras, die noch aus der DDR stammten. Nach Angaben der HU hatte man die Stasi-Altlasten in Betrieb gelassen, um die Tontechnik besser aussteuern zu können. Doch die Technik wurde teilweise zweckentfremdet: Ein Student wurde vom Hausmeister über Lautsprecher angeherrscht, er möge doch mit seinem Pausenbrot nicht die Bank bekrümeln.

Nach Beschwerden wurden die Kameras abgebaut, jetzt werden nur noch einige Garderoben und andere "Kriminalitätsschwerpunkte" überwacht, wie der HU-Datenschutzbeauftragte André Kuhring betont. Mit Hilfe der Videoaufnahmen konnte auch ein Mann überführt werden, der im PC-Saal manipulierte Tastaturen installierte, um an Passwörter der Studenten zu gelangen.

Auch in Paderborn wurde die Videoüberwachung nach Protesten reduziert. An der selbsternannten "Universität der Informationsgesellschaft" waren mehrere Hörsäle und Computerräume mit Kameras überwacht worden. Allerdings konnten sich Studenten in das System einhacken und auf die Videos zugreifen. Inzwischen wurden die Kameras in den Computerräumen abgeschaltet, in einigen Hörsälen wird aber weiter gefilmt.

Peinliche Details im Internet

Der Rektor der Universität Paderborn wurde daher 2004 mit dem "Big Brother Award" ausgezeichnet, den FoeBuD jährlich verleiht. In der Laudatio hieß es: "Welcher Student möchte sich schon in der Nase popelnd bei einem Privatsender in 'Die dümmsten Studierenden der Welt' wiederfinden?" Dieses Szenario scheint jedoch vielen egal. Rüweler erzählt, dass im Internet ein Video kursiert, auf dem zu sehen ist, wie sich ein Student im PC-Pool mit Pornofilmen vergnügt.

Rüweler ärgert sich über die Gleichgültigkeit der Studenten und der Asten, er sieht den Datenschutz in Gefahr: "Viele Studenten sind der Meinung, gegen Videoüberwachung kann man nichts machen, doch das stimmt nicht." Bei einer Überprüfung der Datenschutzrichtlinien seien die Rektorate schnell eingeschüchtert. Dies zeigten die Beispiele aus Berlin und Paderborn.

Die rechtlichen Rahmenbedingungen sind klar. "Es darf grundsätzlich nicht verdeckt überwacht werden", sagt der Berliner Datenschutzbeauftragte Alexander Dix. Zuvor müsse geprüft werden, ob die Überwachung zulässig sei, diese müsse dann auf deutlichen Hinweisschilder gekennzeichnet werden. Aufzeichnungen müssten innerhalb kurzer Zeit gelöscht werden.

Viele Hochschulen nehmen es allerdings mit solchen Bestimmungen nicht besonders genau. Die Hochschule für Musik in Würzburg gab etwa an, ihre Videos ein Jahr zu speichern. "Das ist mir unbegreiflich", sagt Axel Rüweler.

So stehen dem Siegeszug von Big Brother eigentlich nur die leeren Kassen der Unis im Wege. Viele Hochschulen antworteten auf die Frage, warum sie keine Videokameras einsetzen, ähnlich wie die Otto-Friedrich-Universität Bamberg: "Kostenfrage!" Allerdings fallen die Preise für Überwachungstechnik rapide.



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