Big in Japan Wie ein Altpunk zum gefragten Model wurde

Er kam als Sprachstudent, er ging als Dolce&Gabbana-Model. Der leicht verlotterte Kölner Altpunk David Schumann wollte in Tokio nur sein Japanisch verbessern - und schmückt jetzt die Cover der Modemagazine. Seine Tattoos halfen dabei. Die Geschichte einer bizarren Karriere.

Von Heiko Behr


Er steht wie verabredet pünktlich vor seiner Haustür, mitten im unübersichtlichen Straßengewirr Tokios. Ein riesiger schwarzer Bus fährt vor. Acht Leute steigen aus und starren ihn an. Und schweigen. Er wartet. Eine Frau erklärt ihm, die Fahrt gehe nach Yokohama. An den Namen dieser Stadt erinnert er sich vage, mehr weiß er nicht. Er nickt. Er steigt in den Bus. Noch mehr Schweigen. Die Fahrt beginnt.

David Schumann, 31, lacht laut in der Erinnerung an diese Episode, die mittlerweile schon zwei Jahre zurückliegt: "Ich kannte diese Leute ja überhaupt nicht. Ich war gerade erst nach Tokio gezogen, niemand würde mich dort vermissen. Würden sie mich umbringen? Würde ich dann später in irgendeinem obskuren Video als Opfer auftauchen?"

Zwei Monate zuvor hatte eine wildfremde Frau den damals 29-jährigen Studenten der Japanologie auf den Straßen von Japans Hauptstadt angesprochen. "You look cool", wiederholte sie in gebrochenem Englisch und fragte ihn, ob sie Fotos machen dürfe. Gerade erst war er frisch in Tokio angekommen, wollte seine Sprachkenntnisse vertiefen und die Kultur aus erster Hand kennenlernen. Er willigte ein.

"Guck gelangweilt, guckt verträumt, zeige deine Zähne"

"Ich dachte, es ginge ihr um Erinnerungsfotos eines Europäers", erinnert sich der Kölner heute. "Sie wollte die Fotos allerdings nicht auf der Straße machen. Ich zögerte, mir kam das seltsam vor. Trotzdem gab ich ihr meine Telefonnummer. Wir verabschiedeten uns. Nach zwei Monaten, ich hatte die Geschichte schon wieder vergessen, rief sie wieder an und fragte, ob sie mich nächste Woche abholen könne wegen den Fotoaufnahmen." Wieder muss er lachen.

Und so fand sich David im schwarzen Riesenbus wieder. Nach 30 Kilometer langem Schweigen erreichte man Yokohama, zog Kleiderstangen aus dem Bus, platzierte David auf einem Stuhl. Anweisungen folgten: "Dreh deinen Körper mal hierhin, schau mal so, jetzt verzieh das Gesicht, guck gelangweilt, guck verträumt. Zeig mir deine Zähne."

Erst langsam merkten die Japaner, dass dieser Mann ihre eigene Sprache sprach, eine ungewöhnliche Erfahrung für sie. "Die meisten Japaner verlassen ihre Insel nicht - Amerika ist weit, Europa ist weit. Dazu gehört Japan unter den wirtschaftlich weit entwickelten Staaten sicherlich zu den schlechtesten Englischsprechern", erklärt David achselzuckend. "Das führt dann zu vielen Vorurteilen gegenüber anderen Ländern. 'Neuschwanstein' gehört zu den wenigen deutschen Wörtern, die jeder Japaner kennt. Dass man also von so weit herkommt und Japanisch spricht - darauf sind sie überhaupt nicht vorbereitet."

"Ich als Model? Ein extrem absurder Gedanke"

Auf dem Rückweg von den Modeaufnahmen überreichte ihm die Fotografin dann einen Umschlag mit 300 Euro. Die Episode war damit für David vorbei, an eine berufliche Zukunft dachte er nicht. Bis ihn ein Freund aus Deutschland in Tokio besuchte, ein Fotograf. Er sah Davids Modeaufnahmen und bestärkte ihn, eine Modelkarriere zu beginnen.

"Ich als Model? Das war für mich ein extrem absurder Gedanke", erzählt David. "Mich interessieren diese etablierten Modemarken überhaupt nicht! Ich ließ mich dennoch überreden und bewarb mich bei einer Agentur, sie machten Probeaufnahmen. Auf dem Rückweg nach Hause klingelte bereits mein Telefon: 'Kannst du morgen zu Castings kommen'?"

David fiel jedoch immer wieder durch. Dabei hatte er sich extra rasiert, ein gebügeltes Hemd angezogen - "bis ich irgendwann verschlief und unrasiert und ungekämmt vor den Fotografen erschien. Sie waren begeistert, ich hatte den Job. Und plötzlich verstand ich, was die von mir wollten: Sie wollten genau diesen für mich völlig alltäglichen Look, der für sie rebellisch rüberkam."

Tatsächlich mag man kaum glauben, dass dieser schlaksige, etwas verlotterte Typus Mann, der noch nie professionell vor einer Kamera stand, binnen kürzester Zeit in Japan zu einem gefragten Model avancieren konnte. Er trägt gern leicht zerfledderte Chucks-Turnschuhe, umgekrempelte Jeans und T-Shirt. So weit, so durchschnittlich.

Tattoos für den diskreten Knast-Charme

Erst die zahllosen Tattoos auf seinem Körper verweisen auf seine Zugehörigkeit zur Punk- und Hardcore-Szene. "Ja, die Tattoos machen mich einzigartig", sagt David. "Meine Modelagentur Exileshype hat mir gesagt, ich sei in ganz Tokio einmalig. So einen Typen wie mich gibt es da einfach nicht." Im Westen sind Tattoos längst Mainstream, in Japan dagegen werden sie immer noch mit Kriminellen verbunden; immerhin wurden Verbrecher so einst markiert. Die Modefirmen versprachen sich also einen Flirt mit einer dort immer noch tabuisierten Ästhetik.

"Mein ganz großer Vorteil war allerdings, dass ich Japanisch spreche", so David weiter. "Ich konnte auf einer Ebene mit den Leuten reden, nicht nur über den Umweg Englisch kommunizieren. Das hat mich in ziemlich kurzer Zeit ziemlich weit gebracht: Ich bin exklusiv auf der Tokyo Fashion Week gelaufen, hab für Dolce&Gabbana und Stüssy gemodelt, war auf einigen Titelblättern."

Und so fand sich dieser Punk, der in seiner Jugend klassischerweise inklusive Irokesenhaarschnitt am Bonner Hauptbahnhof abhing, auf T-Shirts wieder. "Zum Schluss musste ich Autogramme auf Modemagazine mit meinen Fotos darin schreiben, hatte einen kleinen schwulen Fanclub, ich wurde sogar auf der Straße erkannt."

David Schumann hat sich mittlerweile an seinen neuen Lifestyle gewöhnt. Er befindet sich schon wieder auf dem Weg nach Japan - neue Aufträge warten.

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