Bildungs-Bericht Und jährlich warnt die OECD

International holt Deutschland gegenüber anderen Industriestaaten auf, sagt die OECD in einer neuen Bildungsstudie - gut, dass wir verglichen haben. Aber es fehlt an Akademikern. Und offenbar auch an angstfreien Abiturienten, die Studiengebühren zu zahlen bereit sind.


Uni-Absolventen: "Keine neuen Hürden" für Studenten
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Uni-Absolventen: "Keine neuen Hürden" für Studenten

"Bildung auf einen Blick 2005" heißt der Bericht, den die OECD am heutigen Dienstag in Berlin präsentierte. Und auf den ersten Blick gibt es allen Grund zur Freude, vor allem für die rot-grünen Bildungspolitiker: Die Zahl der Studienanfänger erreicht mit 38 Prozent eines Jahrgangs ein Rekordniveau, die Bafög-Reform und die Förderung von Ganztagsschulen werden von den Experten gelobt. Eine deutliche "Trendwende" hat Andreas Schleicher von der OECD, Autor der Studie, beobachtet - in Deutschland gehe es aufwärts.

Der Haken: "Es geht aber in vielen anderen Ländern deutlich schneller aufwärts", sagte Schleicher bei der Vorstellung der Studie. Die steigende Nachfrage nach Hochschulabsolventen könne mit den derzeitigen Quoten gar nicht bedient werden: Der Studie zufolge gibt es zu wenige Abiturienten und Schüler mit Fachhochschulreife, die überhaupt für ein Studium in Frage kämen, das Potenzial ist weitgehend ausgeschöpft. Denn in Deutschland bringen es nur 35 Prozent der Schulabgänger bis zur Hochschulreife, im OECD-Mittel liegt der Anteil bei 53 Prozent. Zwar kommen in Deutschland noch etwa 14 Prozent dazu, die auf dem zweiten Bildungsweg das Abitur nachholen. Doch der Bedarf an Akademikern wird in den nächsten Jahren wohl kaum gestillt werden können.

Denn bei der Zahl der erfolgreichen Uni-Absolventen ist Deutschland im internationalen Vergleich schon jetzt weit abgeschlagen. Bis zum Ende der neunziger Jahre belegte Deutschland noch den 14. Platz in dieser Kategorie und ist inzwischen auf den 23. Platz unter 28 Nationen im Vergleich abgerutscht. "Offenbar haben die Panikmache von der Akademikerschwemme und der hochschulpolitische Kahlschlag der Kohl-Ära Wirkung gezeigt", kommentierte die Bildungsgewerkschaft GEW die OECD-Studie.

An die Raten früherer Generationen reiche Deutschland damit nur schwer heran, so die GEW: In der Gruppe der 45- bis 54-Jährigen haben 25 Prozent einen Hochschulabschluss, bei den 25- bis 34-Jährigen sind es nur noch 22 Prozent. "Die aktuellen Steigerungsraten zu Grunde gelegt, wird es in Deutschland noch 30 Jahre dauern, bis wir die Absolventenquoten der Pisa-Sieger wie Finnland erreichen", sagte die stellvertretende GEW-Vorsitzende Marianne Demmer.

Wie stark schrecken Studiengebühren ab?

Doch es sind nicht nur die Abschlüsse, die den Experten Sorgen machen. Auch der Anteil der Staatsausgaben für die Bildung sei zwischen 1995 und 2002 kaum gestiegen, heißt es in der Studie. Vor zehn Jahren flossen noch 9,7 Prozent der staatlichen Gesamtausgaben in die Bildungstöpfe, 2002 waren es 9,8 Prozent - Stagnation also. Damit liegt Deutschland nur auf Platz 20, im Durchschnitt geben die 28 verglichenen OECD-Staaten 12,9 Prozent für Bildung aus.

Andreas Schleicher: Immer gut für ein Wort der Kritik an Deutschland
AP / Fritz Reiss

Andreas Schleicher: Immer gut für ein Wort der Kritik an Deutschland

Trotzdem feiert Bildungsministerin Edelgard Bulmahn den OECD-Bericht als Erfolg: Die Bildungschancen in Deutschland seien "so groß wie nie", sagte Bulmahn bei der Vorstellung der Studie. Der Anteil von Studenten aus Arbeiterfamilien sei in den letzten Jahren von 13 Prozent im Jahr 1998 auf 17 Prozent in 2004 gestiegen. Bulmahn sieht sich vor allem in ihrer Bafög-Reform von 2001 bestätigt: Die Zahl der geförderten Studenten sei seitdem um 50 Prozent gestiegen, die Fördersumme habe sich von 1,2 Milliarden auf über zwei Milliarden Euro erhöht.

Abermals sprach sich die Ministerin gegen Studiengebühren aus: "Unser Land braucht mehr gut ausgebildete junge Menschen - nicht weniger", sagte Bulmahn. Und auch OECD-Experte Schleicher forderte, es dürften nun "keine neuen Hürden errichtet werden".

In der Reaktion auf die Ergebnisse der OECD-Studie werden die Politiker jedoch schon von der Gegenwart überholt: Erstmals seit vier Jahren sei die Zahl der Studienanfänger zum Wintersemester 2004/2005 rapide gesunken, heißt es in einem internen Bericht der Kultusministerkonferenz (KMK). Die größten Rückgänge verzeichneten demnach Niedersachsen und Berlin mit jeweils 12 Prozent.

Und die KMK liefert auch gleich die Analyse zur bildungspolitischen Hiobsbotschaft: Die Pläne einiger Bundesländer, Studiengebühren einzuführen, hätten einen deutlichen "Abschreckungseffekt" - Studieninteressenten haben demnach schlicht Angst vor hoher Verschuldung. Weitere Ursache seien die Ausweitung des Numerus clausus sowie die Schließung von Fakultäten und ganzen Studiengängen im Zuge der Sparmaßnahmen in den Bundesländern.

Deutschland beliebt bei ausländischen Studenten

Die Bundesländer weisen die Kritik der KMK jedoch zurück. Der Abschreckungseffekt von Studienbeiträgen sei empirisch nicht nachweisbar, erklärte Nordrhein-Westfalens Wissenschaftsminister Andreas Pinkwart (FDP) in einer Pressemitteilung. NRW hatte in der vergangenen Woche ein erstes Eckpunktepapier zur geplanten Einführung von Studiengebühren präsentiert. Pinkwart verwies auf eine Studie des Hochschul-Informations-Systems (HIS), bei der Abiturienten befragt wurden, ob sie ein Studium aufnehmen wollten oder nicht. Nur vier Prozent der Befragten hätten geantwortet, dass sie wegen "drohender Studiengebühren" nicht studieren wollten. Weit häufiger hätten die Schüler "größeres Interesse an einer praktischen Tätigkeit" oder "zu lange Studiendauer" angegeben.

Auch Baden-Württemberg, wo Studenten ab 2007 ebenfalls zahlen sollen, wies die Warnung vor Studiengebühren zurück. Es handele sich "um eine zumindest fahrlässige Fehlinterpretation einer KMK-Umfrage bei den Ländern wegen zurückgegangener Studienanfängerzahlen", so Wissenschaftsminister Peter Frankenberg (CDU). Der Zusammenhang des Rückgangs mit der geplanten Einführung von Studiengebühren sei in dieser Studie keinesfalls belegt, sondern eine bloße Vermutung.

Trotz der eher mittelmäßigen Ergebnisse im OECD-Bericht ist zumindest das Image Deutschlands als Bildungsstandort gestiegen: Seit 1998 hat sich der Anteil der ausländischen Studierenden an deutschen Unis und Fachhochschulen um 32 Prozent erhöht. Deutschland liegt damit nun auf dem dritten Platz hinter Großbritannien und den USA.



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