Bildungs-Studie Wütende Attacken gegen die OECD

Nachdem die OECD der deutschen Bildungspolitik abermals ein miserables Zeugnis ausgestellt hat, wehren sich die Kultusminister und der Lehrerverband nach Kräften. Sie wollen sich nicht länger rüffeln lassen und halten die Untersuchung für schlicht wertlos.


Andreas Schleicher: Konter der Kultusminister
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Andreas Schleicher: Konter der Kultusminister

Seit dem Pisa-Debakel im Dezember 2001, als die Deutschlands Schüler in einem internationalen Leistungsvergleich verheerend schlechte Noten einsammelten, stehen deutsche Bildungspolitiker unter Rechtfertigungsdruck. Vor allem Andreas Schleicher, Bildungs-Koordinator der OECD in Paris und als "Mr. Pisa" bekannt, ließ kein gutes Haar am deutschen Bildungssystem. Am Dienstag legte die OECD (Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung) nach und veröffentlichte ihre neue Jahresstudie. Aus der Untersuchung geht unter anderem hervor, dass in Deutschland der Anteil der Hochschulabsolventen weit unter dem internationalen Durchschnitt liegt. Zudem sieht die Organisation einen Zusammenhang zwischen niedriger Studentenzahl und schlechten Wirtschaftsdaten.

Das alles ist nicht gerade neu - bereits vor einem Jahr hatte die OECD ähnlich argumentiert und ihre Kritik seitdem mehrfach wiederholt. Dennoch löste die Veröffentlichung der Studie jetzt heftige Kritik aus: Vor allem die Kultusminister aus Süddeutschland, Österreich und der Schweiz schmiedeten eine Allianz. Gemeinsam übten sie scharfe Kritik und warfen den Autoren der Studie Ignoranz vor. Der Bericht ignoriere Berufs- und Fachschulen und dokumentiere geringe Kenntnisse der Bildungssysteme im deutschsprachigen Raum, sagte die bayerische Kultusministerin Monika Hohlmeier am Mittwoch in München. Auch der Deutsche Lehrerverband bezeichnete die Untersuchung als "nicht aussagekräftig".

"Behauptung abenteuerlich und realitätsfern"

Andreas Schleicher, Autor der OECD-Studie, hatte am Dienstag darauf verwiesen, dass alle anderen Industrienationen der Welt außer Deutschland in den vergangenen zwei Jahrzehnten den Bildungsstand ihrer Erwerbsbevölkerung erheblich gesteigert hätten. Dies habe überall zur Erhöhung der Arbeitsproduktivität beigetragen. Nach Schleichers Auffassung hat Deutschland vor allem einen Mangel an Höchstqualifizierten, vor allem in Technik und Naturwissenschaften.

Bayerns Ministerin Hohlmeier: Jetzt red' i!
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Bayerns Ministerin Hohlmeier: Jetzt red' i!

Die Behauptung, ein Mangel an Abiturienten und Akademikern habe die Wirtschaftskrise mit verursacht, sei abenteuerlich und realitätsfern, erklärte indes Hohlmeier. Die Südländer hätten weniger Abiturienten, lägen aber wirtschaftlich an der Spitze und hätten die geringste Jugendarbeitslosigkeit. Die OECD müsse den Stellenwert der Lehrlingsausbildung, Fachschulen und Fachakademien "endlich anerkennen".

Der Generalsekretär der Schweizerischen Konferenz der Erziehungsdirektoren, Hans Ambühl, sagte in Bern, zwei Drittel aller Jugendlichen in der Schweiz machten eine Lehre. Viele gingen anschließend auf Meisterschulen und Fachhochschulen. Die OECD müsse dies in ihren Bildungsvergleichen endlich zur Kenntnis nehmen. Auch die österreichische Bildungsministerin Elisabeth Gehrer forderte die OECD auf, die im deutschsprachigen Raum stark ausgebaute Berufsausbildung künftig zu berücksichtigen.

Auch die Lehrer sind verärgert

Die hessische Bildungsministerin Karin Wolff warnte davor, die Zahl der Studienanfänger wie "eine Monstranz der Bildungspolitik" vor sich her zu tragen. "Die Quote sagt nichts, wir brauchen Qualität", so Wolff, die derzeit Präsidentin der Kultusministerkonferenz ist. Von einseitigen Bildungsstudien werde sich Deutschland nicht von seinem bewährten System aus Abitur und Dualer Ausbildung abbringen lassen. Die Stuttgarter Kultusministerin Annette Schavan sagte, der OECD-Bericht verzerre das Gesamtbild. Dank der Berufsschulen gehöre Baden-Württemberg europaweit zu den Ländern mit der geringsten Jugendarbeitslosigkeit.

Josef Kraus, Vorsitzender des Deutschen Lehrerverbandes, bemängelte, dass derartige Studien lediglich Hochschulabschlüsse werteten. Dabei bleibe unberücksichtigt, dass es Berufe gebe, die in Deutschland über die betriebliche Ausbildung vermittelt würden, während in anderen Ländern dafür ein Hochschulstudium nötig sei.

"Solche Untersuchungen gehen völlig am Markt vorbei", kritisierte Kraus. So sei etwa in Finnland und den USA für den Beruf der Krankenschwester ein Hochschulstudium nötig, während es in Deutschland ein Lehrberuf sei. Zudem ärgere ihn die "monokausale Betrachtungsweise" der Studie, derzufolge Wirtschaftsdaten mit der Abiturientenquote korrelierten.

GEW-Chefin Eva-Maria Stange: Schulen bauen statt Straßen
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GEW-Chefin Eva-Maria Stange: Schulen bauen statt Straßen

Dagegen macht die Studie nach Ansicht von FDP-Generalsekretärin Cornelia Pieper deutlich, "dass die Politik endlich handeln muss". Pieper forderte vor allem ein Umsteuern bei der Bildungsfinanzierung: "Wir sind auf dem Holzweg, wenn wir weiterhin 7,5 Prozent des Bruttoinlandsprodukts für Subventionen ausgeben und nur 5,3 Prozent für die Bildung." Diese Schieflage müsse endlich beseitigt werden.

Auch Eva-Maria Stange, Vorsitzende der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW), forderte als Konsequenz aus der OECD-Studie verstärkte Investitionen in die Bildung. Es "kann nicht sein", dass der Bau von Straßen wichtiger sei als der Bau von Schulen. Bei der Lehrerausbildung müsse zudem mehr auf die pädagogischen Konzepte als auf die Fachausbildung geachtet werden.



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