Bildungsbericht Seit Pisa kaum Neues

Zu viele Schulabbrecher, zu wenige Abiturienten: Der erste "Bildungsbericht für Deutschland", der heute in Darmstadt von den Kultusministern der Länder verabschiedet wurde, fasst zusammen, was seit "Pisa" längst bekannt ist. Wieder einmal werden dem deutschen Schulsystem miserable Noten ausgestellt - Versetzung gefährdet.


Bildung in Deutschland: Vergeudung menschlicher Potenziale
DPA

Bildung in Deutschland: Vergeudung menschlicher Potenziale

Darmstadt - Vor "schwerwiegenden Fehlentwicklungen" im Bildungssystem warnen die mit der Studie beauftragten Wissenschaftler auf der Kultusministerkonferenz (KMK). In Deutschland stagniere die sowieso schon zu geringe Akademikerzahl, während weltweit der Bedarf an Hochqualifizierten weiter steige, schreiben die Autoren den Kultusministern ins Stammbuch. Wegen des deutlichen Geburtenrückganges könne sich gerade die Bundesrepublik solche Entwicklungen nicht leisten. Anspruchsvolle Bildungsziele zu verwirklichen, sei so zum Scheitern verurteilt.

Trotz aller Sparmaßnahmen dürften notwenige Reformen nicht ausgesetzt werden, heißt es im 300 Seiten umfassenden Bildungsbericht. Deutliche Unterschiede bei der Bildungsfinanzierung zwischen reichen und armen Bundesländern gefährdeten zudem "die Wahrung gleichwertiger Lebensverhältnisse überall in Deutschland". International bleibe die Bundesrepublik bei den Bildungsausgaben mit 5,3 Prozent des Bruttoinlandsproduktes deutlich hinter dem Mittelwert der anderen Industriestaaten (5,9 Prozent) zurück.

Die Klassengröße liegt nach Angaben der Foscher über dem internationalen Durchschnitt, die Bücher, aus denen die Schüler lernen, sind überaltert und Förderungen von wenig wie auch hoch begabten Schülern eher selten. Leistungsstärkere Schüler blieben im Unterricht oft unterfordert. Solche Defizite hätten auch in der Öffentlichkeit Wirkung hinterlassen, die Zufriedenheit der Bevölkerung mit dem Schulsystem sei in den letzten Jahren rapide zurückgegangen.

Angesichts einer weltweit einmaligen Vielzahl von Stundentafeln und Rahmenplänen fällt es den Verfassern des Bildungsberichtes schwer, überhaupt noch ein deutsches Schulsystem zu erkennen. Damit es in Deutschland eine Verständigung auf qualitativ anspruchsvolle Bildungsziele geben kann, plädieren sie daher für die Einführung nationaler Bildungsstandards. Das für die Bildung vorhandene Geld müsse trotz klammer Kassen zielgerichteter eingesetzt werden.

Laut Karin Wolff (CDU), hessische Kultusministerin und derzeitige Vorsitzende der KMK, liegen die Kultusminister der Länder zumindest bei dieser letzten Forderung auf einer Linie: "Auch wenn gespart werden muss, ist es notwendig, die Priorität in Bildungsaufgaben zu setzen", sagte Wolff im "ARD-Morgenmagazin". Die KMK-Vorsitzende stellte zugleich klar, dass der "Bildungsbericht für Deutschland" keine neuen Erkenntnisse enthält, sondern die aus der Pisa-Studie, einer Untersuchung der OECD und weiterer Erhebungen zusammenfasst.

Die KMK-Vorsitzende verwies auf erste Folgerungen, die nach dem Bekannt werden der Pisa-Studie getroffen wurden. Die Förderung für Kinder aus Migrantenfamilien sei mittlerweile verbessert worden, es gebe im Kindergarten und Vorschulereich eine verstärkte Sprachförderung und auch in Sachen Lehrerfortbildung sei man einen Schritt weiter gekommen. Wolff dämpfte dennoch die Hoffnung auf schnelle Lösungen in der Bildungsproblematik: "Es ist eine Illusion zu glauben, dass mit bloßem Hebelumlegen schon alles getan ist. Entsprechende Programme bracuhen in der Regel zehn bis 15 Jahre, um zu wirken." Was viele Jahre falsch gelaufen sei, dauere womöglich genauso lange, um wieder auf Kurs zu kommen.



© SPIEGEL ONLINE 2003
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.