Bildungsgipfel Studiengebühren-Untersuchung sorgt für Streit

Eine Kuschel-Veranstaltung wird das kaum: Kurz vor Beginn von Merkels Bildungsgipfel ist ein Zwist in der Koalition entbrannt, wie stark Studiengebühren Abiturienten vom Uni-Besuch abschrecken. Das Bildungsministerium hält eine Studie darüber zurück. Skandalös, zürnt die SPD.

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Einen Tag vor dem Bildungsgipfel hat SPD-Fraktionschef Peter Struck die "schonungslose Offenlegung" der hemmenden Wirkung von Studiengebühren auf die Studierbereitschaft junger Menschen verlangt. Es wäre "verlogen, wenn in Dresden Krokodilstränen darüber geweint werden, dass uns in Natur- und Ingenieurswissenschaften, Medizin und Pädagogik die Studenten fehlen und Studiengebühren als wesentliche Hemmschwelle außer Acht gelassen werden", sagte Struck.

Kanzlerin Merkel (mit Bildungsministerin Schavan, Berlins Bürgermeister Wowereit): Ärger kurz vor dem Bildungsgipfel
DPA

Kanzlerin Merkel (mit Bildungsministerin Schavan, Berlins Bürgermeister Wowereit): Ärger kurz vor dem Bildungsgipfel

Er forderte Bundesbildungsministerin Annette Schavan (CDU) auf, diese Frage "nicht aus parteitaktischen Gründen und aus Vorlieben der Unions-Ministerpräsidenten auszusparen". Der Bildungsgipfel sei insgesamt ein zu wichtiges Signal "als dass er in parteipolitischen Überlegungen untergehen darf". Es gehe um "konkrete Absprachen, wie wir die Zahl der Schulabgänger ohne Abschluss verringern können und gleichzeitig für mehr Studierende sorgen", sagte Struck weiter. Da müssten sich alle ihrer gemeinsamen Verantwortung bewusst sein. "Ich habe das ungute Gefühl, dass Frau Merkel den Gipfel als Kanzlerin einberufen hat, mit den Ergebnissen aber als CDU-Vorsitzende nach Hause gehen möchte", so Struck.

Die Sozialdemokraten grollen schon seit Monaten darüber, wie die Union das Thema Bildung zu besetzen versucht: Kanzlerin Angela Merkel rief Deutschland zur "Bildungsrepublik" aus und startete dann zur sommerlichen "Bildungsreise", die hauptsächlich Fotografen schöne Bildmotive lieferte. Das Murren über die "Showveranstaltung" Bildungsgipfel ist unüberhörbar. Und nun hat die SPD ein Thema gefunden, um die CDU unmittelbar vor dem Treffen der Regierungschefs von Bund und Ländern unter Druck zu setzen: die noch unveröffentlichte Untersuchung über Studiengebühren.

"Unliebsame Ergebnisse zu unterdrücken, ist ein Skandal"

Es handelt sich um eine Studie des Hochschul-Informations-Systems (HIS), in Auftrag gegeben von Bildungsministerin Schavan. Die Hannoveraner Wissenschaftler sind spezialisiert auf Bildungsforschung und befragen Abiturienten, Studenten, Absolventen regelmäßig zu allen denkbaren Themen aus dem Campus-Dunstkreis. Für die strittige Untersuchung wurden Studienberechtigte des Abiturjahrgangs 2006 befragt, wie sie auf die Einführung von Studiengebühren reagieren. Die Nachrichtenagentur dpa nannte das zentrale Ergebnis: Bis zu 18.000 jungen Menschen haben sich 2006 gegen ein Studium entschieden, weil sie keine 500 Euro pro Semester Eintrittsgeld an der Hochschule zahlen wollen oder können.

Die Studie liegt dem Bundesbildungsministerium offenbar schon seit geraumer Zeit vor ("seit dem Sommer", sagte eine Sprecherin SPIEGEL ONLINE), ist aber bisher unveröffentlicht. Aus Sicht der SPD ist die Sache klar: Die Ergebnisse belegen die abschreckende Wirkung von Studiengebühren - darum bleiben sie unter Verschluss. So warf SPD-Präsidiumsmitglied Christoph Matschie Bildungsministerin Schavan vor, die Umfrage aus parteitaktischen Gründen zu verheimlichen. "Es ist ein Skandal, wenn unliebsame Ergebnisse unterdrückt werden", sagte Matschie der "Berliner Zeitung". Die Studie müsse sofort auf den Tisch.

Gegen den Vorwurf der Geheimniskrämerei hatte sich das Bildungsministerium bereits am Montag gewehrt. In einer etwas gewundenen Erklärung heißt es, die Studie werde keineswegs unter Verschluss gehalten. Sie solle zusammen mit einer zweiten Studie, einer Befragung von Studienanfängern im Jahr 2007, veröffentlicht werden, und zwar in "spätestens vier Wochen" - also lange nach dem Bildungsgipfel.

"Wir wollen der Gesamtanalyse nicht vorgreifen", lautet die Sprachregelung des Ministeriums. Die Datenbasis beider Untersuchungen reiche ohnehin nicht aus, um "endgültige Schlüsse" über Studiengebühren zu ziehen. Schavan sagte, sie wisse aus den Studien, dass für 91 Prozent der jungen Menschen Gebühren bei der Studienentscheidung keine entscheidende Rolle spielten.

SPD trifft wunden Punkt

Die SPD sieht das anders. Die Abgeordnete Ulla Burchardt forderte die unverzügliche Veröffentlichung: Die Ergebnisse dürften "nicht vertuscht werden", das Thema gehöre auf den Bildungsgipfel. Auch SPD-Chef Franz Müntefering sagte, es ergebe "keinen Sinn, einen großen Bildungsgipfel zu veranstalten, wenn man auf der anderen Seite Studienzugänge durch Studiengebühren schwer macht".

Damit treffen die Sozialdemokraten einen wunden Punkt: In Deutschland ist die Quote der Studenten an einem Jahrgang deutlich niedriger als in den meisten anderen westlichen Industriestaaten; in den vergangenen Jahren gab es auch keinen klaren Aufwärtstrend, obwohl die Abiturientenzahlen deutlich gestiegen sind. Die Bildungspolitik ist fast ausschließlich Sache der Länder. Und sieben unionsgeführte Länder haben bereits Studiengebühren eingeführt: 2006 zuerst Niedersachsen und Nordrhein-Westfalen, danach fünf weitere Länder; in Hessen haben SPD, Grüne und Linke die Campusmaut im Sommer wieder abgeräumt.

Vertragen sich neue finanzielle Belastungen für Studenten mit dem Ziel, Abiturienten an die Hochschulen zu locken? Warum werden sie für ihre Entscheidung pro Studium bestraft? Und wieso müssen alle Studenten zahlen, nicht nur jene, die es sich leisten können, weil sie aus wohlhabenden Elternhäusern kommen? Darüber wird seit Jahren erbittert debattiert - insbesondere über die Frage, welche sozialen Gruppen die Campusmaut von den Hochschulen fernhält.

Autoren halten Studiengebühren für nicht entscheidend

Die umstrittene Studie soll dazu Daten liefern. Die Autoren allerdings haben die Abschreckungswirkung von Studiengebühren inzwischen relativiert. Negative Effekte seien nachweisbar, aber nur in geringem Maße, sagte HIS-Geschäftsführer Martin Leitner am Dienstag. Von den jungen Leuten, die 2006 in Deutschland studienberechtigt waren, wollten 6000 bis 18.000 wegen der Gebühren kein Studium beginnen, sagte Leitner. Dies seien jedoch nur 1,5 bis 3,8 Prozent aller Studienberechtigten gewesen. Im Gegenzug hätten zwei Prozent gezielt zu einer Hochschule mit Studiengebühren gehen wollen, weil sie sich dort eine bessere Ausstattung und Betreuung erhofft hätten.

"Man muss das differenziert sehen", mahnte Leitner. Andere Ursachen hielten junge Menschen viel stärker von einem Studium ab: "Viel wichtiger ist der Wunsch, möglichst schnell Geld zu verdienen", was zwei Drittel der Befragten als Motiv für ihre Entscheidung gegen ein Studium angegeben hätten. Als weiteren Grund habe über die Hälfte das Interesse an einer praktischen Tätigkeit genannt. "Es geht nicht darum, Ergebnisse zu frisieren oder zu tricksen", sagte Leitner; die Studie werde derzeit noch abgestimmt.

Die Untersuchung datiert indes aus der Studiengebühren-Frühphase: 2006 hatten erst zwei Länder das Inkasso eröffnet, erst 2007 zogen weitere Länder nach. Die SPD war einst mit dem Versuch gescheitert, Studiengebühren bundesweit zu verbieten - die Entscheidung falle in die Zuständigkeit der Länder, hatte das Bundesverfassungsgericht entschieden.

Nun nehmen die Sozialdemokraten den Krach um die HIS-Untersuchung zum Anlass, das Reizthema erneut auf die Agenda zu setzen. Bildung und soziale Gerechtigkeit: Das sind Traditionsthemen der Partei, die will sie sich nicht wegschnappen lassen. Allein mit wolkigen Ausführungen über die "Bildungsrepublik", mit Mittwochsreden über den Stellenwert von Schulen und Hochschulen für den Standort Deutschland, mit vagen Zielvorgaben über eine höhere Studentenquote, die drei Wochen später wieder vergessen sind - damit wollen sie sich beim Bildungsgipfel nicht zufriedengeben.

Mit Material von dpa, ddp und AP

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Seite 1
Anke, 11.06.2008
1.
keine Studiengebühren. Die Studenten zahlen ohnehin schon Verwaltungsgebühren und ihr Semesterticket. Bei letzterem unterscheiden sich die Beträge abhängig vom Verhandlungsgeschick der Uni mit den ansässigen Nahverkehrsunternehmen ganz erheblich in Höhe und Reichweite. Ein Studium ernsthaft betrieben erfordert eine 60-Stunden-Woche. Meines Erachtens sollten Studenten deshalb während ihres Studiums finanziell unterstützt werden - und zwar alle - um die Notwendigkeit des Nebenjobs zu minimieren und die Möglichkeit, das Studium innerhalb der gesetzten Regelstudienzeit abzuschließen zu maximieren. Nach Beendigung des Studiums sollten die frischgebackenen Absolventen ihrerseits die während ihres Studiums entstandenen Kosten zurückzahlen - innerhalb eines festzulegenden Zeitraumes selbstverständlich und in einem angemessenen Rahmen.
eiffe, 11.06.2008
2.
Lösung: Studiengebühren abschaffen. So wäre eine weitere Hürde, ein Studium zu beginnen, beseitigt. Gegenüber anderen Industrienationen könnte man die Studentenzahl noch ordentlich steigern. Die Universitäten sollten mit den Steuergeldern der Allgemeinheit finanziert werden, schließlich sind es auch die Studenten, die später einen nicht unerheblichen Teil an Steuern zahlen. Auch ansonsten sind viele Studierende eine Bereicherung für die Gesellschaft, Bildung schützt vor vielerlei Ungemach. Ob steuerfinanzierte Universitäten auch "Eliteuniversitäten" im weltweiten Vergleich werden können, hängt allein von der Menge der Gelder und der Organisation ab.
jojo1987 11.06.2008
3. ...
Wie in einigen Bundesländern praktiziert, ist es doch sehr sinnvoll, Dauerstudenten (also ab Regelstudienzeit + x Semester) zahlen zu lassen. Das Erststudium muss kostenlos bleiben, denn in Deutschland werden händeringend hochqualifizierte Kräfte gesucht, und die bekommt man gewiss nicht, indem man weitere Hürden aufstellt. (Abgesehen davon, dass hochqualifizierte Kräfte später meist mehr verdienen und somit mehr Steuern zahlen + die Wirtschaft ankurbeln) Was mich aber wirklich ärgert, sind die Einzellösungen je Bundesland. Es sollte eine einheitliche Regelung beschlossen werden, denn nichts ärgert mich mehr, wenn ich hier (in Hessen) Studiengebühren zahlen muss, während Berliner Studenten umsonst studieren - wenn man daran denkt, wieviel Geld Berlin vom Bund und über Solidarausgleich etc. bekommt, eine wirkliche Frechheit
karaokefreak01 11.06.2008
4. Gebühren: Ja! - So hoch: Nein
Ich sehe durchaus einen Sinn in Studiengebühren, sofern sie auch da ankommen, wo sie gebraucht werden. Allerdings verstehe ich die Höhe von 500 Euro nicht. Ich selbst erwäge gerade zu studieren, doch was mich davon abhält, sind die Kosten. Denn neben der Kampusmaut muss ich schließlich noch Bücher kaufen (und selbst das kopieren meines Materials kostet ein Schweinegeld) und irgendwie sollte ich vllt. noch in der Lage sein, meine Miete zu bezahlen. Und jetzt soll mir bitte keiner mit einem Studentenkredit ankommen. Aufgrund meiner finanziellen Lage bin ich nicht kreditwürdig, bekomme also von niemandem eine Anleihe. Um zu studieren und nebenbei nicht am Hungertuch nagen zu müssen, benötige ich also einen Vollzeit-Job, denn mit 400 Euro monatlich wird das ja schonmal mal nix. Demnach kann ich also schonmal 10 - 12 Semester einplanen, oder wie?!? Somit ist es ziemlich wahrscheinlich, dass ich nicht studieren KANN, obwohl mir der Staat Bildung zusagt und ich die nötige Qualifikation habe. Herzlichen Dank!
barry60 11.06.2008
5. Stipendien!
Zitat von sysopStudiengebühren bleiben in der Diskussion. Welches ist Ihrer Meinung nach die beste Lösung zur Finanzierung des Hochschulstudiums?
Die beste Lösung sind in meinen Augen viel mehr Stipendien. Und nicht nur für Abiturienten mit 1,0 - 1,3. Hier muss m. E. seitens der Wirtschaft umgedacht werden. Nicht jeder Abiturient mit 3,3 ist schlechter als mit 1,0. Es muss hier viel differenzierter gedacht werden. Es gab z. B. in unserem Studiengang eine Menge Leute, die mit 1,x abgeschlossen haben, die ich aber nie und nimmer in meinem Unternehmen haben wollen würde, da sie praktisch fast nicht zu gebrauchen sind. Ich denke, so ähnlich sieht es auch mit Abiturienten aus. Aber solange fast überall nur die Note zählt, ist sowas anscheinend nicht möglich.
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