Bildungsgipfel "Zukunftsinvestitionen helfen uns aus der Finanzkrise"

Angela Merkel lädt zum Bildungsgipfel nach Dresden - mitten in der beginnenden Wirtschaftskrise. Trotzdem braucht es gerade jetzt mehr Investitionen in kluge Köpfe, fordert Akademiepräsident und BMW-Aufsichtsratschef Joachim Milberg: Im Interview mit SPIEGEL ONLINE warnt er davor, jetzt Zukunftschancen kaputtzusparen.

SPIEGEL ONLINE: Herr Milberg, nach der Bankenkrise droht eine globale Wirtschaftsflaute. Werden die Milliarden, die den Banken zufließen, jetzt bei den Zukunftsaufgaben Bildung und Wissenschaft fehlen?

Joachim Milberg: Wenn es lichterloh brennt, muss man löschen. Politik und Wirtschaft sollten sich aber die Löschmittel gut einteilen. Denn wenn sich der Rauch des Großbrandes verzogen hat, treten die alten Brandherde wieder zutage. Deshalb wäre es fatal, wenn wir jetzt wie in früheren Wirtschaftskrisen zyklisch reagieren würden und anfingen, bei der Forschung und bei den Bildungsausgaben zu sparen. Gerade jetzt sollten wir auf unsere klugen jungen Menschen setzen. Sie sind es, die in den nächsten Jahren wieder für Wirtschaftswachstum sorgen können.

SPIEGEL ONLINE: Schon in guten Zeiten hat es der Staat nicht geschafft, ausreichend in den Nachwuchs zu investieren. Warum sollte das ausgerechnet jetzt anders sein?

Milberg: Weil die Krise sich sonst noch länger und schlimmer auswirkt. Jetzt werden die Grundlagen dafür gelegt, wer am besten aus der Krise herauskommt und vom nächsten Wirtschaftsaufschwung am stärksten profitieren kann. Stabilität werden am schnellsten die innovativsten Länder zurückgewinnen. Der Schlüssel dazu sind Investitionen in Forschung und Entwicklung, in Bildung für den Nachwuchs und natürlich auch in Bildung für die Beschäftigten. Also muss an anderer Stelle gespart werden, um Schulen und Universitäten besser zu finanzieren. Sonst stehen wir mit leeren Händen da.

SPIEGEL ONLINE: Das Vorhaben von Forschungsministerin Annette Schavan (CDU), die Budgets der großen Wissenschaftsorganisationen künftig um fünf Prozent jährlich zu steigern statt wie bisher um drei Prozent, wird aber von mehreren Bundesländern blockiert.

Milberg: Ich schätze vor allem Politiker, die auch in brenzligen Zeiten langfristig denken. Zu kurzfristiges Denken kommt uns teurer zu stehen.

SPIEGEL ONLINE: Also ist eine bessere Bildungs- und Forschungspolitik Teil der Krisenreaktion?

Milberg: Ja, wir müssen gezielt unsere Wettbewerbsfähigkeit erhöhen. Dazu gehört es, den Forschungsetat weiter deutlich zu steigern, damit wir den angepeilten drei Prozent Forschungsanteil am Bruttoinlandsprodukt, von denen so lange schon geredet wird, wirklich nahe kommen. Auch in Deutschland sollten wir Forschung in Firmen endlich steuerlich fördern und den Staat stärker als Erstanwender neuer Technologie marktstützend wirken lassen.

SPIEGEL ONLINE: Schon bisher hatten es einfallsreiche junge Wissenschaftler schwer, Risikokapital für ihre Projekte zu bekommen.

Milberg: Deshalb muss nach der Liquidität der Banken auch die Liquidität von Start-ups und kleinen und mittelgroßen Unternehmen sichergestellt werden, denn Risikokapital zu bekommen dürfte jetzt noch viel schwieriger werden, als es bisher in Deutschland ohnehin schon war. Dazu bedarf es Änderungen bei der Unternehmensteuer.

SPIEGEL ONLINE: Und wenn das alles nicht passiert?

Milberg: Nach der Krise ist immer auch vor der nächsten Krise. Nachlässigkeit in diesen Fragen können wir uns als Hochtechnologiestandort schlicht nicht leisten. Nur mit einer starken Stellung im globalen Wettbewerb und einer Wirtschaft, die vielen qualifizierten Arbeitnehmern Beschäftigung bietet, können wir unseren Wohlstand dauerhaft sichern. Und erst Beschäftigung schafft die Basis für einen funktionierenden Sozialstaat. Dieser Zusammenhang zwischen Innovation und Wohlstand gerät bei krisenhaften Situationen leider schnell in Vergessenheit. Wir müssen erkennen, dass gerade in einer Wirtschaftskrise in die Zukunft investiert werden muss.

SPIEGEL ONLINE: Was sollte beim Bildungsgipfel der Bundeskanzlerin am 22. Oktober angepackt werden?

Milberg: Der Mangel an Ingenieurs- und Naturwissenschaftlernachwuchs. Trotz vieler guter Initiativen haben wir es bisher nicht geschafft, mehr junge Menschen für technisch orientierte Studiengänge zu gewinnen. Besonders der Weg aus der praktischen Ausbildung und aus Arbeiterfamilien ins Ingenieurstudium funktioniert nicht mehr gut genug.

SPIEGEL ONLINE: Was tun?

Milberg: Die Entscheidung für oder gegen ein Ingenieur- und Naturwissenschaftsstudium fällt bei vielen schon mit zehn bis zwölf Jahren. Also sollten sich junge Menschen sehr viel früher mit Technik auseinander setzen. Wir brauchen hier eine Großoffensive von Bund, Ländern und Wirtschaft, sonst gehen uns mangels Nachwuchs die guten Ideen aus. Dann können wir uns unsere Stärken im Export abschminken.

SPIEGEL ONLINE: Mehrere Ministerpräsidenten haben Bundeskanzlerin Merkel die Zuständigkeit für Bildungspolitik abgestritten. Was halten Sie davon?

Milberg: Wenn wir beim Thema Bildung immer nur über Zuständigkeiten reden wollen, können wir auf Bildungsgipfel verzichten. Alle Beteiligten müssen kooperativ dafür arbeiten, dass wir unseren Schülerinnen und Schülern und den Studierenden künftig bessere Bedingungen bieten können. Das wird höchste Zeit.

SPIEGEL ONLINE: Was wäre angesichts der Finanzkrise der größte Fehler in der Innovationspolitik?

Milberg: Ein Sparkurs bei Forschungsinvestitionen. In den siebziger Jahren hat sich Deutschland in einer Wirtschaftsflaute aus der Mikroelektronik verabschiedet. Später wurde zwar in Deutschland das Komprimierungsformat MP3 erfunden, aber es gab dann kaum noch deutsche Unternehmen, die damit hätten Geld verdienen können. Die Lehre für heute: Staat und Wirtschaft müssen gerade jetzt antizyklisch handeln und in Bildung und Forschung investieren.

Das Interview führte Christian Schwägerl

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