Bildungsvergleich Das Diplom ist ein erstklassiges Wertpapier

Ein Studium ist die beste Versicherung gegen Arbeitslosigkeit und rechnet sich zugleich auch für den Staat. Das zeigt ein neuer internationaler Vergleich der OECD. Dabei schneidet Deutschland abermals schlecht ab - mit viel zu wenigen Akademikern und zu vielen unzufriedenen Schülern.


Hörsäle: Zu viele Studenten? Im Gegenteil, meint die OECD
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Hörsäle: Zu viele Studenten? Im Gegenteil, meint die OECD

Die gute Nachricht zuerst: Ein Studium lohnt sich - für Abiturienten, die über ihren künftigen Berufsweg grübeln, ebenso wie für den Staat. Akademiker sind weit seltener arbeitslos als die übrige Bevölkerung. Zudem nimmt der Bedarf an hoch qualifizierten Arbeitnehmern stetig zu, obgleich auch Hochschulabsolventen in konjunkturellen Krisenzeiten mitunter von Gegenwind beim Berufsstart zerzaust werden.

Schlechte Nachrichten hat die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) aber ebenfalls, vor allem für Deutschland: In den wichtigsten Industrienationen schafft inzwischen mehr als jeder dritte junge Mensch einen Studienabschluss - vor allem bei Deutschlands Konkurrenten auf dem Weltmarkt wie in den USA, Japan und Großbritannien, aber auch in Finnland oder Polen.

Investition in Ausbildung lohnt sich

In Deutschland dagegen erwerben nur 19 Prozent eines Altersjahrgangs einen Hochschulabschluss. Das geht aus einer neuen Untersuchung hervor, in der die OECD die Bildungsentwicklung international vergleicht und einen weiter steigenden Fachkräftebedarf voraussagt.

"Mr. Pisa" Andreas Schleicher: Rüffel für die Deutschland AG
DDP

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Wegen der Zurückhaltung beim Studium drohe Deutschland ein Mangel, sagte der OECD-Bildungsexperte Andreas Schleicher am Dienstag - selbst wenn man berücksichtige, dass in Deutschland anders als in anderen Ländern ein Teil der hoch qualifizierten Techniker und Meister über eine betriebliche Lehre ausgebildet werde.

In allen OECD-Staaten zahlt sich ein Studium für die Absolventen auch in Euro und Cent aus: Männliche Akademiker zwischen 30 und 44 Jahren verdienen durchschnittlich 60 Prozent mehr als Beschäftigte ohne Studium; das Einkommens-Plus von Akademikerinnen liegt etwas niedriger. Und in Deutschland waren nur 3,4 Prozent der Akademiker, aber 15,6 Prozent der Ungelernten arbeitslos.

Das alles spricht nach Auffassung von Andreas Schleicher für eine höhere Akademikerquote. Er geht allerdings davon aus, dass das Potenzial für mehr Studenten in Deutschland weitgehend ausgeschöpft ist, solange nicht auch die Abiturientenzahl steigt - denn die ist im internationalen Vergleich niedrig: 37 Prozent der Jugendlichen schaffen in der Bundesrepublik die Hochschulzugangsberechtigung, im OECD-Schnitt sind es 64 Prozent.

Bundesbildungsministerin Edelgard Bulmahn kündigte weitere Anstrengungen der Regierung an. Schon in den vergangenen vier Jahren sei die Studienanfängerzahl von 28 auf über 32 Prozent gestiegen - nach Auffassung von Bulmahn auch ein Erfolg der Bafög-Reform. Die SPD-Politikerin warnte abermals vor einer Studiengebühren-Debatte, um das gerade wieder erwachte Interesse am Studium nicht zu beeinträchtigen. Wer nach dem Studium mehr verdiene, zahle im Übrigen auch mehr Steuern.

Arbeitslose Akademiker: Geringeres Risiko als beim Rest der Bevölkerung
IW Köln

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Unterdessen wandte sich die hessische Kultusministerin Karin Wolff (CDU) gegen eine neue Debatte über mehr Abiturienten. "Wir tun uns keinen Gefallen damit", sagte die Vize-Präsidentin der Kultusministerkonferenz. Wie Bulmahn forderte auch Wolff von den Hochschulen, die Zahl der Studienabbrecher zu reduzieren.

Einen positiven Trend meldet die OECD beim internationalen Studentenaustausch: Inzwischen ist Deutschland bei Gaststudenten populärer geworden und in der Liste der beliebtesten Gastländer auf Platz 3 aufgerückt. Nur die USA und Großbritannien rangieren noch davor. Inzwischen zieht es zwölf Prozent aller Studenten, die sich weltweit für ein Auslandsstudium entschieden, an deutsche Hochschulen.

Versäumnisse an den Schulen

Im Schulbereich indes warten auf Deutschland noch jede Menge Hausaufgaben. Schon die Pisa-Studie hatte verheerende Ergebnisse gebracht: Der internationale OECD-Schulvergleich förderte nicht nur erhebliche Schwächen deutscher Schüler beim Leseverständnis und Rechnen zutage, sondern zeigte auch, dass die Bildungschancen weit stärker als in anderen Staaten von der sozialen Herkunft abhängen.

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Die schwachen Pisa-Ergebnisse stehen in mehreren Ländern offenbar in direktem Zusammenhang mit der Unzufriedenheit von Schülern. In Deutschland zum Beispiel stellen Schüler ihren Lehrern kein gutes Zeugnis aus. So klagen sie über fehlende Unterstützung beim Lernen - nur 41 Prozent glauben, dass sich ihr Lehrer in fast jeder Unterrichtsstunde tatsächlich für ihren Lernfortschritt interessiert (OECD-Schnitt: 56 Prozent), sogar nur 34 Prozent sprechen von einer echten Hilfe beim Lernen. Bei der Kontrolle dagegen liegen deutsche Lehrer vorn: 61 Prozent der 15-Jährigen geben an, dass der Lehrer in fast jeder Unterrichtsstunde die Hausaufgaben überprüft.

Gleichwohl beurteilen deutsche Schüler das allgemeine Unterrichtsklima positiver als anderswo. Für 82 Prozent ist die Schule ein Ort, zu dem sie sich zugehörig fühlen (OECD-Schnitt: 77 Prozent). Allerdings langweilen sich auch 49 Prozent in ihrer Schule.

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Einen Spitzenplatz erreicht Deutschland bei der Lehrer-Bezahlung. Ein Grundschullehrer erhält im ersten Berufsjahr 31.200 Dollar, nur die Schweizer Lehrkräfte schneiden noch besser ab. 21.400 Dollar sind der internationale Durchschnitt. Dagegen liegen deutsche Pädagogen beim Arbeitspensum mit 738 Unterrichtsstunden jährlich im Mittelfeld. Ähnlich sieht es bei Lehrern an Gymnasien aus. Nur für 14 Prozent der Schüler bieten die Schulen Nachhilfe durch Lehrkräfte an - weit unter dem OECD-Schnitt von 72 Prozent.

Jochen Leffers



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