Bildungszoff in Kolumbien Regierung beugt sich der Studentenwut

Kolumbiens Regierung gibt dem Druck der Straße nach. Präsident Juan Manuel Santos zog nach wochenlangen Uni-Streiks eine umstrittene Reform des Hochschulgesetzes zurück und verspricht: "Wir hauen euch nicht übers Ohr." Jetzt sollen Studentenvertreter am neuen Gesetz mitarbeiten.


Sie sehen es als Sieg über die Regierung. Einen Monat lang haben kolumbianische Studenten die 32 öffentlichen Hochschulen des Landes bestreikt. Zu Zehntausenden gingen sie auf die Straße, um gegen die Reform des Hochschulgesetzes, des Ley Número 30, zu demonstrieren. Sie befürchteten einen Verlust der Unabhängigkeit der Universitäten und eine schleichende Privatisierung des Bildungswesens - und waren deshalb erst am Freitag noch einmal zu Zehntausenden auf die Straßen der Hauptstadt Bogotá geströmt.

In Kürze dürften sie jetzt wieder in ihre Hörsäle und Seminarräume zurückkehren, denn viele Forderungen sind inzwischen erfüllt: Der mächtigste Mann des Landes, Kolumbiens Präsident Juan Manuel Santos, forderte am Freitag den Kongress auf, gemeinsam mit den Studenten eine Lösung zu finden.

"Wir laden die Studenten ein, sich mit uns zusammenzusetzen, um eine Hochschulreform auszuarbeiten, die alle zufriedenstellt. Wir werden niemanden übers Ohr hauen", sagte Santos auf einer Pressekonferenz. Der Staatschef forderte gleichzeitig die Rektoren der Universitäten auf, trotz des Streiks den Studenten den Abschluss des Semesters zu ermöglichen. Noch zwei Tage zuvor hatte der Präsident ein Ende des Streiks zur Voraussetzung für einen Dialog erklärt.

Am Sonntagabend entschieden Studentenvertreter des Nationalen Runden Tisches für die Bildung (Mesa), ihren Streik zu beenden und auf das Angebot einzugehen, sollte sich auch die zuständige Regierungskommission bei ihrer nächsten Sitzung am Mittwoch verpflichten, mit den Studenten zu kooperieren. Wilson Gómez, Sprecher der Kommission, kündigte in der Zeitung "El Tiempo" an, man werde der Rücknahme des Gesetzentwurfs zustimmen.

Unis sollten nur so stark wachsen wie die Wirtschaft

Mit der Reformierung des Ley Número 30 will Bildungsministerin María Fernando Campo die maroden Finanzen der öffentlichen Universitäten sanieren und deren Qualität verbessern. Dazu sollten in den nächsten zehn Jahren rund 2,5 Milliarden Euro investiert werden, allerdings wären sie vom Wirtschaftswachstum des Landes abhängig gewesen. Im gleichen Zeitraum sollten die öffentlichen Hochschulen 600.000 Studienplätze schaffen, da bislang nur ein Bruchteil der Studienbewerber an staatlichen Hochschulen aufgenommen wird.

Die Studentenvertreter fürchten, dass die vorgesehene Summe nicht gereicht hätte, um die Unis gleichzeitig auszubauen und die Lehre zu verbessern. Als Konsequenz fürchteten sie steigende Studiengebühren und eine sukzessive Privatisierung des Hochschulwesens. Das Gesetzespaket sah nämlich auch eine weitergehende Autonomie der Universitäten in Finanzfragen vor. Also auch die Möglichkeit, Studiengebühren zu erhöhen und Gelder von privaten Investoren einzuwerben, die sich nach Meinung der Studenten damit Einfluss auf Bildung und Forschung verschaffen könnten.

Trotz des absehbaren Streikendes bestehen die Studenten weiterhin auf ihr Demonstrationsrecht in Bildungsfragen. Eine Kundgebung ist für den 24. November geplant. Am gleichen Tag wollen auch die Demonstranten in Chile wieder auf die Straße gehen. In dem südamerikanischen Land protestieren Studenten, Schüler und Gewerkschaften seit Monaten gegen die Hochschulpolitik der konservativen Regierung, für kostenfreie Bildung und mehr staatliche Investitionen im Bildungswesen.

seh/dpa

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