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Biologische Studiengänge: Wo es ohne Sezieren geht

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Biologiestudium Ohne sezierte Maus geht's auch

Kann man Biologie studieren, ohne ein Tier aufzuschlitzen? Ja, sagen Tierschützer und auch Wissenschaftler. Die Uni Mainz wird die Sezierpflicht im dem Fach bald abschaffen. Doch ein wenig Druck bleibt: Im Zeugnis wird vermerkt, wer nicht im Innenleben einer Maus stöbern wollte.
Von Heike Sonnberger

Botanik im ersten Semester, das war kein Problem. Doch als Kevin Lenz im zweiten Semester Regenwürmer, Seesterne und Mäuse aufschneiden sollte, war es mit seiner Begeisterung fürs Fach Biologie vorbei. "Ich wollte und konnte das nicht", sagt der 21-Jährige. Er musste es aber, um an der Johannes Gutenberg-Universität in Mainz Biologie zu lernen. Daraufhin brach er das Studium ab, zog nach Koblenz und studiert dort nun Chemie und Geschichte auf Lehramt.

Eigentlich könnte Lenz jetzt nach Mainz zurückkommen - wenn er sich in Koblenz nicht so gut eingelebt hätte. Denn seine alte Uni schafft die Sezierpflicht zum Sommersemester ab. Sie reagiert damit auf den Protest einiger Studenten, den Lenz ins Rollen gebracht hatte. Er hatte sich in Mainz in der Hochschulgruppe CampusGrün engagiert. Und als Lenz die Uni verließ, starteten die Grünen und die Tierschutz-AG des Asta  eine Kampagne gegen Tierverbrauch - mit Plakaten, Flyern und einer Online-Petition. Das war im Juli.

"Die Uni hat uns gleich Gespräche angeboten und ist auf uns eingegangen", sagt Laura-Luise Hammel, 24, Fraktionssprecherin von CampusGrün . Im Oktober verkündete die Hochschule, ein Verweigerungsrecht einführen zu wollen. Mainzer Biostudenten können also bald wählen, ob sie Tiere sezieren - oder sich das Wissen mithilfe von Gewebeschnitten, Computermodellen und Lehrfilmen aneignen. "Wir waren überrascht, wie schnell das ging", sagt Hammel. Viele der geplanten Protestaktionen seien ausgefallen.

Bisher habe keine andere deutsche Uni die Sezierpflicht für den Bachelor Biologie offiziell abgeschafft, sagt Jürgen Markl, Leiter des Instituts für Zoologie. Dabei hält der 64-Jährige eigentlich nichts von Alternativmethoden. "Tiere sind innen viel komplizierter, als man das virtuell darstellen kann", sagt er. Wer in der Biologie vernünftig arbeiten wolle, müsse sezieren können. Lediglich eine Minderheit der Studenten sträube sich dagegen - "fast durchweg strenge Vegetarier". Doch über die Jahre, sagt Markl, sei ihm klargeworden: Zwingen sollte man keinen.

Geht doch - zumindest ein bisschen

Wer klassisch Biologie studiert, muss an deutschen Unis in der Regel einige tote Tiere zerlegen. Christian Zerfaß, 23, promoviert in Mainz im Fach Biologie und findet, man sollte das Sezieren immerhin ausprobiert haben. "Am Anfang kostet es ohne Zweifel Überwindung", sagt er. Doch wenn der erste Ekel verflogen sei, könne das Sezieren neben wissenschaftlichen Erkenntnissen auch mehr Respekt vor Lebewesen vermitteln. "Man macht sich viele Gedanken darüber, was Leben ist und woher die Zellproben eigentlich kommen, mit denen man später arbeitet", sagt Zerfaß. "Wir zerlegen Tiere ja nicht zum Spaß."

Ob nur Biologe werden kann, wer Schnecke und Seestern aufgeschnitten hat, wird an Fachhochschulen und Universitäten seit langem und immer wieder leidenschaftlich diskutiert. Meist ist Biologie ohne Sezierpflicht nur dort möglich, wo die Lebenswissenschaft Teilaspekt etwa eines Lehramtsstudiums ist.

An der Universität Hildesheim studiert man Biologie zum Beispiel in einem sogenannten Zwei-Fächer-Bachelorstudiengang mit Lehramtsoption. Seit einigen Jahren müssen Studenten dafür keine Fische oder Regenwürmer mehr präparieren. "Es gab immer wieder Fragen, ob es zu umgehen ist", sagt Horst Kierdorf, Leiter des Instituts für Biologie und Chemie. Er halte es zwar für sinnvoll, bestimmte Dinge im Original anzuschauen. "Aber ich kann verstehen, wenn jemand nicht will, dass Tiere für die Lehre getötet werden." Für solche Fälle gebe es Fertigpräparate und Gewebeschnitte, mit denen man gute Erfahrungen gemacht habe.

Dittmar Graf, 56, sollte damals im Studium noch selbst Frösche töten. "Alle haben sich geweigert", erinnert sich der Leiter der Fachgruppe Biologie an der Technischen Universität Dortmund. Er und seine Kommilitonen haben die Frösche dann tot auf den Tisch bekommen. "Wir haben ein ganzes Semester lang nur Tiere aufgeschnitten." Heute kommen die rund 80 Studenten eines Jahrgangs aus Lehramtsstudiengängen mit Unterrichtsfach Biologie nur einmal im Jahr zusammen, um Tieraugen oder -herzen vom Schlachthof zu präparieren. Ein richtiger "Schnippelkurs" sei überflüssig. Denn: "Wir bilden für Schulen aus, und da ist das auch nicht Teil des Curriculums."

Lernen ohne Sezieren: "Manche Studenten sehen darin einen Mangel"

An der Universität Trier bestimmen angehende Biolehrer bislang nur Tiere, die in Alkohol eingelegt sind. Doch das möchte Michael Veith, 54 und zuständig für den zoologischen Teil der Lehramtsausbildung, ändern: "Lehrer sollen ihren Schülern vermitteln, wie Tiere aufgebaut sind. Dafür müssen sie wissen, wie die Tiere innen aussehen." Zum Wintersemester 2013 soll nach seinem Willen ein Pflichtkurs für Studenten auf Lehramt Biologie starten, in dem Frösche, Schnecken, Ratten und Fische präpariert werden. Abbildungen oder Modelle seien kein guter Ersatz dafür, sagt Veith, der in seinem Studium selbst Tiere präparierte und das spannend und lehrreich fand.

An der Fachhochschule Gelsenkirchen leitet ein anderer Michael Veith, 46 und nicht verwandt mit seinem Trierer Kollegen, den Studiengang Molekulare Biologie. Er studierte Physik, promovierte in Biophysik und musste dafür nicht sezieren. "Ich weiß nicht, ob ich das fertiggebracht hätte", sagt er. "Für die Lehre Tiere zu schlachten, erschloss sich mir nie." Im Studiengang Molekulare Biologie beschäftigen sich Studenten nicht mit Zoologie oder Botanik, sondern lernen unter anderem, wie Stoffwechsel und Immunsystem funktionieren und wie Erbinformation gespeichert werden. Tiere müssen sie nicht aufschneiden. "Manche Studenten sehen darin einen Mangel", sagt Veith. Doch wer sich bessere Jobchancen verspreche, wenn er sezieren gelernt habe, könne an einer anderen Uni unkompliziert einen Tierversuchsschein machen.

"Ein Biologe, der später molekularbiologisch arbeitet, muss kein Tier präpariert haben", sagt auch Karl-Herbert Schäfer, Professor für Biotechnologie an der Fachhochschule Kaiserslautern. Dort hat er den Studiengang Applied Life Sciences entwickelt, eine Mischung aus Biologie, Medizin, Pharmazie, Nanotechnologie und anderen Disziplinen. "Das kann man studieren, ohne ein Tier getötet oder an einem toten Tier gearbeitet zu haben", sagt Schäfer. Von einer Sezierpflicht hält er wenig. Manche Studenten präparierten gern Tiere und lernten viel daraus. Andere profitierten mehr von Modellen, PC-Simulationen und Videos. "Es muss heute niemand mehr mit Abscheu und spitzen Fingern im Bauch einer Ratte herumstöbern, wenn er nichts davon hat."

Der Mainzer Professor Jürgen Markl entlässt die Studenten in seinem Kurs aus der Pflicht, ehemals lebendige Studienobjekte zu zerlegen. Er warnt allerdings, dass es die Berufschancen im Bereich Biologie schmälern könnte, wenn jemand nicht in tote Tiere schneiden mag. Auch weil seine Uni den Studenten, die sich dagegen entschieden haben, dies ins Zeugnis schreibt.

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