Bizarres Brettspiel "Kein Pass, kein Spaß"

Der Weimarer Student Benjamin Franken, 26, hat eine schräge Diplomarbeit eingereicht: Bei "Unter uns" schlüpfen die Mitspieler in die Rollen von Ausländern, die illegal in Deutschland leben. Das Brettspiel ist höchst unfair - und das Feld "Abschiebehaft" gefürchtet.


Sein Asylantrag wurde abgelehnt. Doch da in seinem Heimatland ein Bürgerkrieg tobt, hat er sich entschieden, illegal in Deutschland zu bleiben. Was nach einer wahren Biografie klingt, ist in diesem Fall nur die Beschreibung eines Charakters in einem Spiel. Bei dem Brettspiel "Unter uns" geht es um die Schwierigkeiten, denen so genannte Illegale in Deutschland begegnen.

Die Spieler schlüpfen in die Rolle eines Ausländers ohne gültige Aufenthaltsgenehmigung und müssen auf dem Weg zum Ziel der Legalisierung versuchen, sich mit Schwarzarbeit oder falschen Papieren durchzuschlagen, Polizeikontrollen zu entgehen und bloß nicht auf dem gefürchteten Spielfeld "Abschiebehaft" zu landen.

Erfunden hat dieses Spiel Benjamin Franken, 26. Der Student entwickelte es im Rahmen seiner Diplomarbeit im Studiengang Visuelle Kommunikation an der Universität Weimar. Dort sind kuriose Projekte eine schöne Tradition: Mit viel schwarzem Humor gestalteten Weimarer Designstudenten zum Beispiel fiese Werbung und eine drastische Plakatkampagne zum Thema Gewaltopfer. Sie machten auch eine plakative "Deutschland im Herbst"-Inventur, starteten die Aktion "Adoptieren Sie einen Studenten" und entwarfen KZ-Souvenirs für die Gedenkstätte Buchenwald.

"Die bravsten Bürger, die es gibt"

Anstatt nur auf ästhetisches Design zu setzen, wollte er sich künstlerisch mit einem Thema von gesellschaftlicher Relevanz auseinandersetzen. Es habe ihn gereizt, so Franken, "ein ernstes Thema auf ein Medium zu projizieren, das eigentlich Vergnügen bereiten soll". Von den Problemen von Flüchtlingen und Illegalen hatte er zunächst nicht viel Ahnung und suchte erst mal in Bibliotheken und bei Hilfsorganisationen nach Informationen. "Dann hat es auf einmal Klick gemacht", erzählt der Grafikdesigner.

"Unter uns", das nichts mit der gleichnamigen RTL-Soap zu tun hat, erinnert daran, dass in Deutschland viele Illegale unbemerkt leben. "Das sind oft die bravsten Bürger, die es gibt", sagt Franken. Aus Angst vor Polizeikontrollen würden sie nicht schwarz fahren und auch nicht bei Rot über die Ampel gehen. Expertenschätzungen zufolge gibt es in Deutschland zwischen 500.000 und einer Million Menschen, die nicht bei den Behörden registriert sind.

Frankens Spiel ist als einfaches Laufspiel konzipiert, in dem das Glück entscheidet, ob und wann ein Spieler ans Ziel kommt. Anfangs wollte Franken auch strategische Elemente einbauen, doch das hätte die Vermittlung von möglichst vielen Informationen über das "illegale Leben" erschwert. "Ein Glücksspiel steht der Situation der Illegalen auch am nächsten", findet Franken. Schließlich seien sie nicht mehr Herr ihres Schicksals, fühlten sich ohnmächtig und orientierungslos.

Ungleiche Bedingungen für die Spieler

So wie im echten Leben haben bei "Unter uns" nicht alle die gleiche Chance. "Das fängt ja schon so unfair an", sagten Freunde, mit denen Franken das Spiel testete. Tatsächlich richtet sich der Startpunkt nach dem Charakter, der dem Spieler zu Beginn per Identitätskarte zugewiesen wird. Hat er viele Bekannte mit Aufenthaltsrecht in Deutschland, beginnt er näher am Ziel als jemand, der weder Kontakte noch Sprachkenntnisse hat.

Franken hat eine Vielzahl von Charakteren in sein Spiel aufgenommen, um die Vielzahl der individuellen Schicksale bei Illegalen zu zeigen. Die Bandbreite reicht vom Mafia-Mitglied bis zur Zwangsprostituierten, vom Student mit abgelaufener Aufenthaltsgenehmigung bis zum Flüchtling, der in seiner Heimat wegen seines Glaubens verfolgt wurde.

Um daran zu erinnern, dass viele bereits bei ihrer Flucht beispielsweise durch Erfrieren oder das Kentern des Flüchtlingsboots ums Leben kommen, gibt es auch Identitätskarten, die schlicht den Tod des Charakters mitteilen. "Ziehe eine neue Identitätskarte", heißt es dann nüchtern.

Franken gibt offen zu, "dass das Spiel überhaupt keinen Spaß macht, so wie das Leben ohne Pass keinen Spaß macht". Entsprechend hat er die Internetseite zu dem Spiel auch "Kein Pass - kein Spaß" genannt. Dieser Verzicht aufs Vergnügen zugunsten der ernsthaften Auseinandersetzung mit der Lage von Illegalen wird es Franken nicht gerade leicht machen, einen Verlag für das Spiel zu finden.

Er kann sich jedoch vorstellen, dass Flüchtlingsorganisationen es als Promotionmaterial verwenden oder Schulklassen damit an das Thema herangeführt werden. Probeweise könnten sie sich dann in Abschiebehaft begeben - für sie wäre jedoch ein Entkommen möglich, denn anders als im richtigen Leben gibt es im Spiel dafür eine Konterkarte.

Von Yvonne Brandenberg, AFP

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