Blacksburg nach dem Amoklauf "Niemand wusste, was geschehen wird"

In Blacksburg hat an der Universität der Unterricht wieder begonnen - eine Woche nach dem Amoklauf. "Ein Stück Normalität kehrt zurück", sagt der deutsche Student Christoph Ramöller, der das Massaker überlebt hat. Auf SPIEGEL ONLINE erzählt er von den Tagen danach.

Ich wusste, dass dieser Tag kein leichter wird. Blacksburg war eine Woche lang wie tot.

Heute haben an der Universität die Vorlesungen wieder begonnen. Ich musste schon frühmorgens zu einer Versammlung. Denn ich studiere hier nicht nur, sondern ich unterrichte auch als Tutor; unsere Betreuerin bat alle Tutoren zu einer Besprechung. Sie wollte uns vorbereiten: Was erwartet uns im Unterricht? Was könnte geschehen? Wie eröffnet man die Vorlesung?

Unsere Betreuerin hat uns geraten, möglichst flexibel zu sein. Wir sollten ausloten, was die Studenten wollen. Wollen sie über den Amoklauf sprechen? Oder ist es besser, zum Alltag überzugehen? Ich halte meine erste Unterrichtsstunde erst am Mittwoch, bis dahin kann ich mir noch überlegen, was ich sagen werde und wie ich mich verhalten werde. Jedenfalls habe ich schon einige Texte zum Thema Trauma-Bewältigung gepaukt.

Wirklich Stoff gepowert hat heute noch niemand. In vielen Vorlesungen wurde ausschließlich über das schreckliche Ereignis vom vergangenen Montag gesprochen. Ich glaube, einige Studenten haben immer noch großen Gesprächsbedarf. An der Universität sind deshalb auch viele Psychologen und Helfer, sie tragen gelbe und lila Armbänder. Es ist kein Problem, sie anzusprechen und seine Sorgen abzulassen.

Ich habe heute einen Kurs besucht. Auch dort haben wir zunächst über den Amoklauf gesprochen. Später ist unser Professor dann zu Mathe übergegangen. Komplexe Analysis steht zurzeit auf dem Stundenplan. Ich muss sagen, es hat gut getan, sich damit zu beschäftigen; es hatte etwas von Normalität.

Um 9.45 Uhr gab es eine Gedenkminute für die Opfer. Sie dauerte eine Viertelstunde. Die gesamte Universität hatte sich am Sportplatz versammelt. Die Uni-Glocke schlug 32 Mal, einmal für jedes Opfer. Zeitgleich zu jedem Schlag ließen die Organisatoren einen weißen Luftballon in den Himmel steigen. Ich habe jetzt erst gemerkt, wie viel 32 Tote sind. Einige Studenten hatten Tränen in den Augen, sie schluchzten und lagen sich in den Armen.

In der Mensa hatten sich die Köche besonders Mühe gegeben. Das Essen schmeckte so gut wie nie zuvor. Einige meiner Kommilitonen haben trotzdem kaum einen Bissen runter gekriegt. Auf den Tischen standen Schachteln voll mit Taschentüchern, im Hintergrund lief ruhige Instrumental-Musik.

Jeder Dozent kann einen Psychologen oder Kollegen bitten, beim Unterricht mitzuhelfen und während der Vorlesung dabei zu sein. Ich überlege noch, ob ich von diesem Angebot Gebrauch machen werde. Ich hoffe jedenfalls sehr, ich werde am Mittwoch die richtigen Worte finden.

Christoph Ramöller, 23, studiert Wirtschaftsmathematik an der Universität Karlsruhe und ist derzeit als Austauschstudent in Blacksburg

Protokoll: Maximilian Popp

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