Blitzstart ins Semester Frühe Uni fängt den Wurm

Als erste deutsche Universität krempelt die Mannheimer Uni ihre Vorlesungsphasen völlig um und zieht den Semesterbeginn auf September vor. So will sie ihre Auslandskontakte stärken - und auch erfolgreicher um die besten Studienanfänger buhlen.

Von Frank van Bebber und


In einem Alleingang lässt die Universität Mannheim das Wintersemester künftig bereits Anfang September statt Mitte Oktober anlaufen. "Wir verlegen die Vorlesungszeiten auf die international üblichen Monate", sagte Rektor Hans-Wolfgang Arndt. Der neue Studienkalender erleichtere den Studenten den Austausch mit internationalen Partnern. Damit wird in Mannheim von September bis Dezember und von Februar bis Juni gelehrt. Üblich ist an deutschen Universitäten ein Semesterstart Mitte Oktober und Mitte April.

Arndt bezeichnete die Reaktion ausländischer Hochschulen auf den neuen Zeitplan als "überwältigend". Dadurch sei es möglich, Bachelor-Studenten in Betriebswirtschaft und Wirtschaftsinformatik ein Auslandssemester vorzuschreiben. Erwartet werde das von jedem Mannheimer Studenten. "Wir sind international in einer Aufholjagd", so Arndt. Am Montag hat die Bewerbungsphase für Studienanfänger begonnen.

Arndt rechnet mit Nachahmern; andere deutsche Rektoren hätten zustimmend reagiert. "Bislang scheuen jedoch alle den Aufwand", erklärt er den Alleingang. "Wer Internationalität ernst nimmt, kommt um diesen Schritt nicht herum." Die Hochschulrektorenkonferenz (HRK) erklärte, sie beobachte den Mannheimer Weg mit großem Interesse, äußerte aber keine klare Meinung.

Vorsprung vor der Konkurrenz

Der Konstanzer Uni-Rektor Gerhart von Graevenitz sagte dagegen, seine Universität habe gerade mit Rücksicht auf internationale Kontakte die alten Termine beibehalten. Die zwischen Deutschland und USA versetzten Zeiten erleichterten Gast-Professuren, weil Hochschullehrer sich an ihrer Heimatuniversität nicht beurlauben lassen müssten. "Das ist aber eine ideologiefreie Debatte", so von Graevenitz, derzeit auch Vorsitzender der Landes-Rektorenkonferenz.

In Mannheim wird künftig von Herbst- und Frühlingssemester gesprochen, nicht mehr von Winter- und Sommersemester. Baden-Württembergs Wissenschaftsministerium hatte die Vorlesungszeiten bis zu diesem Sommer per Erlass festgelegt. Nach dem neuen Hochschulgesetz können die Universitäten darüber nun frei entscheiden.

Die Universität Mannheim erhofft sich vom frühen Start einen weiteren Vorteil: Sie will die besten Anfänger binden, bevor die Konkurrenz überhaupt gestartet ist. Allerdings muss sie dazu die Bewerbungen deutlich schneller bearbeiten. Die Universität Mannheim will den Stundenplan für 12.000 Studenten auch während der Vorlesungszeit ausdehnen. Sie erklärte, Dozenten sollten ihre Veranstaltungen Montag bis Samstag zwischen 8 und 21 Uhr anbieten.

Lästige Lehre - sechs bis sieben Monate sind zu viel

Die Universität Kiel hatte sich bereits zum Anfang des Sommersemesters über die aus ihrer Sicht übertrieben lange Vorlesungsphase beschwert und den schleswig-holsteinischen Wissenschaftsminister Dietrich Austermann zu einer Verkürzung aufgefordert. Dort ist das Sommersemester eine Kleinigkeit länger als in anderen Bundesländern, das Wintersemester gleich lang.

Die Argumente aus Kiel klingen angesichts von gut fünf Monaten Semesterferien kurios: Im nördlichsten Bundesland stimme die Balance zwischen Forschung und Lehre nicht, Hochschullehrer seien zu lange in Vorlesungen und Seminaren gebunden, so der Kieler Prorektor Gerhard Fouquet - und auch die Studenten bräuchten mehr Zeit für die Vorbereitung von Klausuren und Seminaren oder für Hausarbeiten. Verwegen verknüpft die Kieler Uni die Semesterdauer gar mit ihren Chancen beim Wettbewerb der Elite-Unis.

Der Kieler Frauenbeauftragten Andrea Eickmeier fiel gleich noch ein weiterer Grund ein: In der arbeitsintensiven Zeit um den Vorlesungsstart gebe es für das wissenschaftliche Personal "keine Möglichkeit, die Schulferien mit den Kindern zu verbringen", sekundierte sie. Das Rektorat schlug dem Minister vor, "die Vorlesungszeit auf 14 Wochen zu verkürzen und den Vorlesungsbeginn zukünftig zwei Wochen nach hinten zu verlegen. Dann wäre sowohl der Forschung als auch dem Familienleben der Uniangehörigen gedient."

In der Regel beginnt das Sommersemester an Universitäten - Fachhochschulen haben andere Zeiten - am 1. April und endet am 30. September; das Wintersemester reicht vom 1. Oktober bis 31. März. Die Vorlesungszeiten sind deutlich kürzer, mit satten fünf Monate Pause pro Jahr: Regulär laufen die Lehrveranstaltungen meist von Mitte April (in Kiel Anfang April) bis Mitte Juli im Sommer, von Mitte Oktober bis Mitte Februar im Winter.

Die Idee von Trimestern konnte sich an deutschen Hochschulen nie durchsetzen. Und um die Last der Lehrveranstaltungen zu mindern, haben Deutschlands Dozenten noch stets ihre eigenen Strategien gefunden. Gern lassen manche Professoren mit hartnäckiger Studenten-Allergie - so sie ihre Lehrverpflichtung überhaupt persönlich erfüllen - ihr Seminar mit einer Verzögerung von zwei, drei Wochen anfangen. Zum Ausgleich hören sie dann einfach ein, zwei Wochen früher auf.



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