Uni-Projekt mit Papa Und plötzlich macht Chemie Spaß

Kinder panschen und tüfteln gern. Chemie müsste also ein beliebtes Fach sein - ist es aber nicht. Schuld daran sind die Eltern, wie man jetzt weiß. Deshalb müssen Mama und Papa in einem Projekt in Bochum mit ran.

Jan-Martin Wiarda

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Das kleine Mädchen mit den roten Haarspangen hält sich die Nase zu. Dabei hat ihr Vater den Behälter mit dem Aceton noch gar nicht aufgeschraubt. "Puh, Papa, vorsichtig", sagt Lea Feinermann, zehn, und ruckelt ihren Augenschutz zurecht. Der IT-Spezialist beginnt zu drehen.

Freitagnachmittag an der Ruhr-Universität in Bochum: Auf dem Labortisch liegt eine zersägte Blechdose. Da war Kakao drin, der, wenn man oben den Deckel drückt, von selbst warm wird. Aber warum tut er das? Was Vater und Tochter schon herausgefunden haben: Unter dem Kakao befindet sich, natürlich separat, eine Schicht weißen Pulvers - das ist Kalziumoxid. Und noch weiter unten, getrennt durch Alufolie, gluckert eine gelbliche Flüssigkeit. Kommen Pulver und Flüssigkeit zusammen, werden sie heiß, richtig heiß. Doch was für eine Flüssigkeit ist das? An der Stelle kommt das Aceton ins Spiel.

"Kinder erleben Chemie mit ihren Eltern", kurz: KEMIE. So heißt das Projekt, das sich die Chemiedidaktik-Professorin Katrin Sommer ausgedacht hat. Bildungsforscher haben nachgewiesen, dass Grundschulkinder eine hohe Motivation mitbringen, sich mit Naturwissenschaften zu beschäftigen - unabhängig von ihren schulischen Leistungen. Allerdings weiß die Wissenschaft auch, dass sich Kinder langfristig vor allem für das interessieren, was ihre Eltern interessiert. Das bedeutet für ein schon bei vielen Eltern unbeliebtes Fach wie Chemie: Will man die Kinder bei der Stange halten, muss man ihre Eltern mit begeistern - und zwar frühzeitig.

Die teilnehmenden Kinder gehen in die 3. bis 6. Klasse.
Jan-Martin Wiarda

Die teilnehmenden Kinder gehen in die 3. bis 6. Klasse.

Jeweils neun Monate gehen die KEMIE-Kurse. Einmal im Monat kommt Lea mit ihrem Vater in das Labor weit hinten im Betongewirr der Uni, um, wie Sommer es ausdrückt, "mit den Augen eines Forschers zu sehen". Wobei: Eigentlich kommen Lea, ihr Vater und die 95 anderen Eltern-Kind-Paare einfach, weil es ihnen Spaß macht.

"Papa, lass mich mal", sagt Lea augenrollend, nimmt ihm den Acetonbehälter aus der Hand und kippt etwas von der Lösung auf das Häufchen Kupfersulfat in der Petrischale. Den Geruch hat sie vergessen, während sie beobachtet, wie sich das Kupfersulfat durch das Aceton blau färbt.

Zwei Tischreihen weiter gerät Jakob, neun, in Stress. Nicht, weil so viel passiert, sondern weil gar nichts passiert. Alle 15 Sekunden soll er die Temperatur messen, nachdem sein Vater das Kalziumoxid und "das andere Zeugs", wie Jakob es nennt, zusammengekippt hat. Immer wieder steckt er den Messfühler in die Pampe, doch die Werte ändern sich kaum. 29 Grad, 30, 34. "Die da drüben sind schon bei 39 Grad!" ruft Jakob. "Und wir schon bei 69!" schreit ein Mädchen. "Reib mal am Glas", sagt Jakob zu seinem Vater. Doktorand Bert Schlüter steht daneben und zuckt bedauernd mit den Achseln. "Manchmal klappt der Versuch nicht, wenn die Dose alt ist."

"Wir erreichen die Richtigen"

Schlüter ist 26 und promoviert bei Katrin Sommer. Er leitet das Projekt in fünfter Generation: Immer ein Doktorand ist verantwortlich für das Team von Lehramtsstudenten, die den Eltern und Kindern bei ihren Versuchen zur Seite stehen. Zwischen den Versuchsphasen steht er an der Tafel, umringt von einer Traube kleiner Menschen in weißen Kitteln, und lässt sich den Aufbau der Kakaodose erklären. Dann fragt Schlüter, ob alle wissen, was eine "Eigenschaft" sei. Als einige Kinder den Kopf schütteln, sagt er: "Ich bin 1,75 Meter groß, habe wenige blonde Haare und soll hin und wieder ganz lustig sein."

Jakob und sein Vater sind nicht glücklich mit ihren Messergebnissen. Einmal im Monat kommen sie in die Uni.
Jan-Martin Wiarda

Jakob und sein Vater sind nicht glücklich mit ihren Messergebnissen. Einmal im Monat kommen sie in die Uni.

Da müssen sie kichern angesichts von Schlüters Glatze. Nebenbei haben sie kapiert, was er meint, und rufen ihm die Eigenschaften der unbekannten Flüssigkeit zu: gelb, durchsichtig, und irgendwie, finden einige, dufte sie nach Zitrone.

Alles sehr nett, aber machen bei KEMIE nicht vor allem Kinder mit, die es nicht nötig haben? Jakobs Vater etwa arbeitet für eine Chemiefirma. Nein, sagt Sommer und verweist auf ihre Auswertungen: "Wir erreichen die Richtigen." Allerdings steht da auch, dass 58 Prozent der Eltern studiert und 37 Prozent einen naturwissenschaftlichen Hintergrund haben.

Vergangenes Jahr hat KEMIE den Hauptpreis der Stiftung Polytechnische Gesellschaft erhalten, eine der höchstdotierten Auszeichnungen im Bildungsbereich. Nicht nur die Kinder und Eltern profitieren, sondern auch die Wissenschaft: Bert Schlüter promoviert über das Projekt, so wie seine vier Vorgänger es auch getan haben. So nimmt das Wissen über die Eltern-Kind-Beziehungen beim Lernen weiter zu.

Apropos: Lea Feinermann ist am Ende doch ganz zufrieden mit der Performance ihres Vaters. Zwar war das mit der Blaufärbung ein Reinfall, denn eine Blaufärbung deutet auf Wasser hin, und die Acetonlösung sollte wasserfrei sein. Doch, wie Bert Schlüter erklärte, "da haben wohl schon ein paar andere Eltern-Kind-Paare herumgepantscht."

Als die beiden den Versuch mit Wasser wiederholen, signalisiert ihnen das satte Blau: Alles klar. Oder, wie Bert Schlüter es später formuliert: "Bringt man Wasser zusammen mit dem Kalziumoxid, folgt die exotherme Reaktion zu Kalziumhydroxid." Und die 15 Kinder im Raum wissen genau, wovon er spricht.



insgesamt 28 Beiträge
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citizen01 22.02.2017
1. Kinder in dieser Altersgruppe sind meist noch nicht von den Vorurteilen ...
... gegen die schlimme Chemie befallen.
Geographus 22.02.2017
2.
Zitat von citizen01... gegen die schlimme Chemie befallen.
Das ist der Punk! Es ist einfacher Interesse zu wecken und aufrecht zu erhalten als bereits bestehende Vorurteile abzubauen, vor allem wenn diese oft von Seiten der Eltern kommen.
Flugzeugfreak1 22.02.2017
3. Es gibt viele Gründe die Chemie zu lieben
Leider sehen viele Leute die Chemie per se als böse und etwas verzichtbares. Schuld daran haben einerseits die Eltern, Umweltschützer, andererseits auch die Schulen. Eltern kann ich verstehen, schließlich sind sie auch nur Menschen. Und Umweltschützer, welche Gruppe würde ihrem Erzfeind positive Attribute ungefragt zugestehen. Am schlimmsten sind allerdings die Schulen. Ich hatte das Glück, zwei verschiedene Schulsysteme erleben zu dürfen, einmal das englische, andererseits das Deutsche. Das war 2012. In Deutschland bin ich zum ersten Mal in der 7. Klasse mit Chemie als Schulfach in Berührung gekommen. Vorher gab es Bio und Physik. 1 Stunde wöchentlich. Die Ausrüstung von 1990, nicht nur Bücher, sondern auch Chemikalien. Experimentiert konnte in so wenig Zeit nicht, daher ist diese alte Ausrüstung sogar als positives Beispiel von Sparen zu sehen. Kein Lehrer kann innerhalb einer Stunde Schülern Chemie beibringen, oder Interesse wecken. Ich selber war immer sehr an der Chemie interessiert, habe Bücher von Oberstufen in der 6. gelesen und konnte Reaktionsgleichungen aus der 12. lösen. Periodensystem kannte ich auswendig. Aber selbst mir ging dieser halbherzige Unterricht auf die Nerven. Es lohnte sich doch gar nicht für die anderen, etwas zu machen. Niemand konnte verstehen, was gerade passierte. Dann ging ich nach GB und war einfach nur begeistert. Ab der weiterführenden Schule hatten die Kinder dort mindestens 3 Schulstunden Chemie die Woche. Die Ausrüstung war ideal, keine Chemikalien von 1990. Mittlerweile hat man sogar ein Massenspektrometer für die Oberstufe angeschafft. Es wurde in der Doppelstunde experimentiert, Theorie fand in der Einzelstunde statt. Einfach um Potenzen besser als hier zulande. Dabei hat Deutschland wie kaum ein Land von der Chemie profitiert und entwickelt. Haber, Ehrlich, wie viele Deutsche Chemiker wurden mit Nobelpreisen in Chemie ausgezeichnet. Chemie ist eines der wichtigsten Exportprodukte in Deutschland. Und wir verspielen das, in einem völlig unzeitgemäßen Schulsystem, welches Kindern Kunst in der Doppelstunde bietet, aber nicht die Fähigkeiten und Bildung, die sie heute brauchen. Kunstgeschichtler mögen dieses Land kulturell, aber nicht wirtschaftlich und wissenschaftlich nach vorne gebracht haben. Gott sei dank bin ich aus diesem System rausgekommen.
asgardel 22.02.2017
4.
Das hat ja auch erstmal sehr wenig mit Chemie zu tun. Sonst könnte man ja auch behaupten Kochen ist Chemie. Erst wenn man auch die Theorie hinter den Versuchen versteht, diese einordnen kann und Voraussagen für ähnliche Versuche stellen kann wird es richtige Chemie. Dabei steigen dann auch die meisten Menschen aus, weil sie keine Lust haben erstmal elementare Grundlagen wie Orbitalmodelle, Verständnis über den Aufbau des PSE, Struktur und Eigenschaften organischer Moleküle usw. usf. zu pauken. Mir zB hat Chemie in der Schule immer sehr gefallen. Habe meine W-Seminararbeit sogar im Fach Chemie gemacht und habe bis zum Ende der Oberstufe auch Chemie gewählt. Jetzt studiere ich Physikalische Technik und habe immer noch Chemie. Nur, dass es mir inzwischen gehörig auf den Keks geht, weil der Stoffumfang einfach unglaublich ist. Erst jetzt merke ich, dass man selbst auf dem Gymnasium nur an der Oberfläche kratzt. Das ganze mag ja für Kinder sehr unterhaltsam sein und das sei ihnen auch gegönnt, aber man kann sicherlich nicht voraussagen, ob es ihnen später immer noch genauso viel Spaß bereiten wird. "Oder, wie Bert Schlüter es später formuliert: "Bringt man Wasser zusammen mit dem Kalziumoxid, folgt die exotherme Reaktion zu Kalziumhydroxid." Und die 15 Kinder im Raum wissen genau, wovon er spricht." Ich bezweifel mal, dass sie wirklich "genau" wissen was es mit einer exothermen Reaktion auf sich hat und weshalb CaO + H2O ----> Ca(OH)2 überhaupt exotherm ist.
tetsuomorepills 22.02.2017
5. Chemikum Marburg: Mitmachlabor seit 2005
An dieser Stelle möchte ich auf das "Chemikum Marburg" (http://www.chemikum-marburg.de) verweisen, dass seit 2005 im Betrieb ist. Das Chemikum Marburg ist eine MINT-Bildungseinrichtung für Kinder, Jugendliche und Erwachsene mit dem Schwerpunkt Chemie. Es ist kein Museum, sondern ausdrücklich ein Mitmachlabor, in dem der handlungsorientierte Umgang mit Fragestellungen aus Chemie, Biologie, Pharmazie, Physik und Informatik stark im Vordergrund steht. Das Kinderchemikum wendet sich an Kinder aus Kindergarten und Grundschule im Alter von etwa 4 – 10 Jahren. Wir bieten ausserdem für Kinder im Vor- und Grundschulalter jahreszeitlich passende Sonder-Experimentierrunden an. Für Kinder im Alter von 9-12 Jahren bieten wir derzeit mit dem Krimilabor eine spannende Einführung ins naturwissenschaftliche Arbeiten. Im Fortgeschrittenen Labor des Chemikum experimentieren Jugendliche und Erwachsene ab 11 Jahren aller Bildungs- Alters- oder Begabungstufen. Eine besondere Gruppe von Experimenten, deren Ergebnisse akustisch oder mit dem Geruchs- oder mit dem Tastsinn wahrgenommen werden können, wendet sich gezielt an Blinde und stark sehbehinderte Besucher, steht aber auch allen anderen Besuchern offen. Für SchülerInnen im Leistungskurs Chemie bieten wir spezielle Workshops in unserer Aussenstelle am Fachbereich Chemie der Philipps Universität auf den Lahnbergen an. Außerdem finden im Chemikum nach Anfrage Fortbildungsveranstaltungen für LehrerInnen und ErzieherInnen statt, und wir erweitern ständig unser Angebot an Schüler-Workshops zu schulrelevanten und oft auch fachübergreifenden Themen. Die beliebten Experimentalvorträge finden immer am ersten Samstag im Monat kostenfrei für alle interessierten Bürger statt. Das Konzept, eine breite Öffentlichkeit mit und ohne Chemiekenntnisse unter Aufsicht selbstständig chemische Experimente ausführen zu lassen und so die Besucher emotional mit den vielfältigen Phänomenen der Chemie vertraut zu machen, erwies sich als auch heute noch dauerhaft tragfähig. Nach dem Staunen und Wundern der emotionalen Phase folgt mit den Erklärungen die kognitive Phase – wie kommt denn das? – und schließlich für Fortgeschrittene die Phase der schöpferischen Fantasie mit eigenen Ideen und mit dem Blick auf das Tor zur Wissenschaft in der Universität. Nach einer herzhaften Entscheidung aus Anlass des Konjunkturprogramms der Bundesregierung gelang Stadt, Universität und Landesregierung die Sanierung und der Umbau eines stattlichen traditionsreichen Gebäudes, dem alten Chemischen Institut in der Bahnhofstraße 7, in exzellenter Lage der Innenstadt für die Zwecke des Chemikums Marburg bereitzustellen. Neben den neuen Laboren und Ausstellunsgräumen wurde auch das didaktische Konzept vorgestellt . Inzwischen ist auch der Fachbereich Biologie mit einer Reihe ideenreicher Experimente und mit Experimentalvorlesungen im Chemikum vertreten, so dass ein erster Schritt der Ausdehnung auch in die übrigen naturwissenschaftlichen Fachgebiete Physik und Pharmazie aussichtsreich ist und teilweise schon umgesetzt wurde.
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