Börsen-Kurs mit echtem Geld Spekulieren geht über Studieren

Planspiele? Das ist was für Weicheier, Risiko muss schon sein. Nach diesem Motto investiert ein Wirtschaftskurs der Europa-Uni Viadrina echtes Geld in Aktien - 30.000 Euro aus Sozialbeiträgen aller Studenten. Der Nervenkitzel soll den Lerneffekt steigern.
Von Kamil Majchrzak

Die Studenten der Europa-Universität Viadrina in Frankfurt/Oder müssten eigentlich derzeit gebannt auf die Weltbörsen schauen, denn dort gehen seit Wochen die Kurse in den Keller. Schmerzhaft für viele Anleger - und womöglich bald auch für die Viadrina-Studenten. Denn ab dem kommenden Semester wird dort mit ihren eigenen Semesterbeiträgen investiert.

Im Kurs "Active Portfolio Management" an der wirtschaftswissenschaftlichen Fakultät sollen die Teilnehmer demnächst mit echtem Geld spekulieren - unter anderem mit 30.000 Euro aus Semesterbeiträgen. Derzeit prüft das Brandenburger Ministerium, ob die Verwendung studentischer Gelder für das Projekt rechtmäßig ist.

Die Vorgeschichte: Im Dezember 2005 hatte das Gremium der Viadrina insgesamt 60.000 Euro für studentische Projekte ausgeschrieben. Das Geld stand wegen der Auflösung der Geschäftsfähigkeitsrücklage aus den Sozialbeiträgen der Studenten zur Verfügung. Als Voraussetzung für die Förderung galt, dass das Projekt den Studenten zugute kommen und "nachhaltig" sein müsse. Bis Ende Februar 2006 wurden beim Asta mehrere Anträge eingereicht, darunter einer zur Finanzierung des Wirtschaftskurses. Und im Mai erhielt das Portfolio-Projekt die Zustimmung des Studierendenparlaments.

Initiiert wurde vom es Fachschaftsrat der wirtschaftwissenschaftlichen Fakultät. "In diesem innovativen Studienkurs sollen Studierende aktiv ein Wertpapier-Portfolio verwalten. Die von uns beantragten Gelder in Höhe von 30.000 Euro sollen das Grundkapital dafür bilden", schrieben die Antragsteller.

Kein Risiko, kein Lerneffekt?

Mit dem "realitätsnahen Lernen durch aktives Handeln mit Wertpapieren" können 36 ausgewählte Studenten nun außerdem einen Schein erwerben. Eventuelle Gewinne werden aber nicht an die erfolgreichen Spekulanten ausgeschüttet: Zur Hälfte sollen sie für studienrelevante Reisen und Symposien verwendet werden, den Rest soll das Studierendenparlament selbst erhalten. Zusätzlich wollen die Studenten-Börsianer weitere Mittel einwerben, um sie an der Börse zu investieren.

Der Kurs sei "deutschlandweit einzigartig" und "prestigeträchtig", betonen die Initiatoren - denn üblicherweise begnügen sich studentische Börsenfans mit Planspielen. Doch der Handel mit Spielgeld habe wenig Lerneffekt, wie ein eigens angefertigtes psychologisches Gutachten beweisen soll: Anhand einer Leistungs-Stress-Kurve belegt die Diplompsychologin Karin Baltrusch von der Universität Rostock "den Zusammenhang zwischen Erregung und Leistung". Bei einem niedrigen Erregungsniveau bleibe auch die Leistung gering. Planspiele, so Baltrusch, "bergen die Gefahr, dass die Spielenden aufgrund des fehlenden Risikos negativer Konsequenzen kognitiv 'aussteigen' können".

Besser lernen mit echtem Geld - dagegen hat auch die Universitätsleitung nichts einzuwenden. Thymian Bussemer, persönlicher Referent der Universitätspräsidentin Gesine Schwan, ist der Meinung, dass ein solcher Kurs "durchaus zu einer modernen wirtschaftswissenschaftlichen Ausbildung dazugehört". Bei einer rechtlichen Prüfung machte Menekse Akyurt vom Dezernat I lediglich deutlich, "dass sich der Wert der eingesetzten öffentlichen Gelder um maximal 15 Prozent reduzieren dürfe, eine Ausschließung von Verlusten jedoch wünschenswert" sei.

Norbert Morach, Leiter des Dezernates für Studentische Angelegenheiten, unterstützt das Projekt ebenfalls: "Auch nach Wegfall der Zusage des Dozenten, einen etwaig möglichen Ausfall vollständig zu decken, halten wir das Vorhaben für rechtlich zulässig (…) Um einer u. U. politisch zu führenden Rechtfertigungsdebatte zuvor zu kommen, empfehlen wir nachdrücklich, zukünftig über Dritte eine volle Risikoabsicherung zu erreichen."

Manche Studenten sorgen sich dagegen weniger um die Absicherung des Depots. Sie stehen dem Projekt insgesamt kritisch gegenüber. "Wie damit Nachhaltigkeit gewährleistet werden soll, vermag ich nicht zu erkennen", sagt Antje Simnack, Studentin der Kulturwissenschaften. "Das Projekt reduziert die universitäre Forschung und Lehre auf ihren kapitalistischen Gebrauchswert", kritisiert Simnack.

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