Bologna-Reform Bachelor-Studenten hetzen durchs Studium

Zu viel, zu voll, zu stressig: Viele Nachwuchsakademiker klagen über ihr Studium nach der Bologna-Reform. Der Wissenschaftsrat fand nun heraus: Viele schließen schneller ab, als sie müssten. Fix wollten es die Reformer haben - ob das gut ist, steht auf einem anderen Blatt.
Absolventen: Bachelor- und Masterstudenten beenden ihr Studium sehr schnell

Absolventen: Bachelor- und Masterstudenten beenden ihr Studium sehr schnell

Foto: ddp

Studenten, Professoren und Bildungspolitiker haben schon viel über Bachelor und Master geschimpft - nicht immer zu Recht. Eine neue Studie des Wissenschaftsrates zeigt: Zumindest die Studiendauer scheint die Bologna-Reform erfolgreich verkürzt zu haben. Denn viele Studenten in den neuen Abschlussarten absolvieren ihr Studium sehr zügig. "Viele haben befürchtet, dass die neuen Studiengänge zu voll und damit nicht studierbar sind", sagt der Vorsitzende des Wissenschaftsrates Wolfgang Marquardt. "Die Zahlen belegen das nicht, sie deuten vielmehr darauf hin, dass wir auf dem richtigen Weg sind."

Denn ein Ziel der Bologna-Reform war, dass Akademiker die Hochschulen früher verlassen. Schließlich sind sie im internationalen Vergleich ziemlich alt: So ist ein Student eines fünf- bis sechsjährigen Studiengangs zwischen 25 und 27 Jahre alt, wenn er die Hochschule verlässt. In den USA ist er im Schnitt 23 Jahre alt.

Die Zahlen des Wissenschaftsrates zeigen nun: Die mittlere Studiendauer an Unis betrug im Jahr 2009 nur 5,8 Semester für den Bachelor und 3,9 Semester für den Master. Damit bleiben die Studenten sogar oft unter der Regelstudienzeit - anders bei den alten Studiengängen: Magister-Absolventen überschritten die Regelstudienzeit um 2,4 Semester, Diplom-Absolventen um 1,7 Semester.

"Die Zahlen hätte niemand so erwartet", sagt Marquardt und schränkt gleichzeitig ein: "Wir dürfen sie nicht überinterpretieren, weil die Umstellung auf das neue Bachelor- und Master-System noch nicht abgeschlossen ist." Zudem sei die Datenlage zu den neuen Studiengängen noch zu gering, um belastbare Schlüsse zu ziehen, sagte er dem Hochschulmagazin "duz".

Nur Absolventen werden berücksichtigt

Denn der Wissenschaftsrat greift in seinen Untersuchungen über die Fachstudiendauer an Universitäten (hier als pdf)  und Fachhochschulen (hier als pdf) , die er seit Mitte der achtziger Jahre durchführt, auf Daten des Statistischen Bundesamtes zur Prüfungsstatistik zurück. Das heißt: Es werden nur die Fachsemester jener Studenten berücksichtigt, die ihr Studium auch abgeschlossen haben. Langsame Studenten, die ihr Studium noch gar nicht beendet haben, konnten also nicht berücksichtigt werden.

Die Zahlen des Wissenschaftsrates beziehen sich auf die Jahre 2007 bis 2009 - erstmals mit Bachelor- und Master-Absolventen. Auch wenn die neuen Abschlussarten inzwischen drei Viertel aller Studiengänge an Hochschulen ausmachen, gehörten die Absolventen im untersuchten Zeitrum immer noch zur Minderheit: 2009 schlossen insgesamt 36.392 Bachelor- und 15.215 Masterabsolventen ihr Studium ab, das entspricht beim Bachelor einem knappen Fünftel (19 Prozent), beim Master weniger als einem Zehntel (acht Prozent) aller Absolventen. An FHs waren es in dem Jahr 32 Prozent Bachelor- und sieben Prozent Masterabsolventen.

Agrar-, Forst- und Ernährungswissenschaftler besonders schnell

In ihrer aktuellen Auswertung differenzieren die Wissenschaftler nicht nur zwischen FH und Uni, sie betrachten auch einzelne Hochschulen und zeigen, wie schnell die Absolventen der verschiedenen Fächergruppen studierten. Das Ergebnis für Unis:

  • In der Fächergruppe Agrar-, Forst- und Ernährungswissenschaften schlossen 100 Prozent der Absolventen ihren Bachelor in sechs Semestern ab,
  • in der Fächergruppe Medizin und Gesundheitswissenschaften 99 Prozent,
  • bei den Sprach- und Kulturwissenschaften 98 Prozent,
  • bei Mathematik und Naturwissenschaften 96 Prozent,
  • bei den Rechts-, Wirtschafts- und Sozialwissenschaften 93 Prozent,
  • in der Fächergruppe Kunst und Musik 87 Prozent und
  • bei den Ingenieurwissenschaften schlossen noch 80 Prozent der Absolventen ihr Studium in sechs Semestern ab.

An den Fachhochschulen studierten die Absolventen insgesamt etwas länger:

  • Nur 58 Prozent der Absolventen der Fächergruppen Sprach- und Kulturwissenschaften sowie Medizin und Gesundheitswissenschaften schlossen ihr Bachelorstudium in sechs Semestern ab,
  • nur 55 Prozent der Absolventen der Fächergruppen Agrar-, Forst- und Ernährungswissenschaften, Mathematik und Naturwissenschaften sowie Kunst und Musik,
  • nur 51 Prozent bei den Rechts-, Wirtschafts- und Sozialwissenschaften und
  • nur 41 Prozent der Ingenieurwissenschaftsstudenten beendeten ihr Studium nach sechs Semestern.

Erst kürzlich veröffentlichte das Institut für Hochschulforschung (HIS) eine Studie, die zu ähnlich positiven Ergebnissen kam. Unter anderem fragten sie, was Absolventen rückblickend über ihr Studium denken. Das Ergebnis: Sie bewerteten ihr Studium insgesamt positiver als bisher befragte Jahrgänge - das galt auch für Bachelor-Studenten. Trotz der stark vorgegebenen Strukturen sahen zwei Drittel ihr Studium als gut gegliedert an. Somit sei eine "Steigerung der Studienqualität zu verzeichnen", schrieben die Autoren.

Diese Schlussfolgerung möchte Marquardt aus seinen Zahlen allerdings nicht ziehen: Die Studiendauer sei kein Maß für die Qualität des Studiums, sagt er. "Das Wissen wächst und die Anforderungen an die Absolventen werden höher", sagte er. Fraglich sei, wie sehr sich Inhalte komprimieren ließen. "Die Verdichtung von Lehrstoff kann auch Defizite hervorbringen", warnt er im Hochschulmagazin "duz". 

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