Boomfach Theologie Gottes junge Hirtinnen

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2. Teil: "Wir lernen, über alles zu reden."


Aber welche Einblicke kann das Bibelstudium noch liefern, wie passt der Deutungsanspruch der Theologie zu einer komplizierten Welt? Der theologische Nachwuchs sieht jedenfalls keinen Widerspruch zwischen Wissenschaft und Glauben. Es gehe doch um Wissenschaft, meint Eva: "Um die Wissenschaft, die sich mit Gott beschäftigt und den Glauben mit wissenschaftlichen Methoden reflektiert."

Das ist dem vierten Koch im Team, dem 22-jährigen Marcus Töpfer, zu nüchtern ausgedrückt. "Theologie verbindet einfach die aktuellen Fragen unseres heutigen Lebens, jedes Einzelnen, der Gesellschaft und der ganzen Welt."

Marcus und Eva verbindet noch etwas anderes: Sie haben sich ineinander verliebt, ausgerechnet im Lateinkurs. "Omnia vincit amor" zitieren sie, Liebe besiegt alles, die Jungtheologen geben gern lateinische Weisheiten von sich. Das Paar hat sich gerade für ein Studienjahr in Jerusalem beworben. Wie bei anderen Berufsanfängern ist auch bei Pfarrern Auslandserfahrung gefragt, der Blick von Gemeindegeistlichen, der nicht über den Dorfrand hinausgeht, reicht nicht mehr aus. Evas Vater war als Seelsorger für die Soldaten in Afghanistan und betreute die Heimkehrer in Deutschland.

Einsatz in Krisengebieten, im Auftrag des Herrn

Auch der weltweit mögliche Einsatz als Pfarrer gilt als ein Grund für den neuen Aufschwung beim Theologiestudium. Was früher Mission hieß, ist heute häufig die Hilfe für Menschen in Krisengebieten. Dem Nachwuchs passt der Sendungsauftrag der Kirche gut: So lassen sich Abenteuer, Fernweh und Theologie kombinieren.

Hanna Schramm war gerade längere Zeit in Chile, hat dort "ein anderes Leben kennengelernt". Die 23-Jährige, inzwischen mit Fernbeziehung nach Chile, will alles auf sich zukommen lassen. Pfarrerin? "Kann ich mir vorstellen." Zehn Dörfer betreuen in der Uckermark? "Auch das." Oder vielleicht doch lieber zum chilenischen Freund? "Auch möglich. Vielleicht Pfarrerin in der deutschen Gemeinde von Santiago de Chile oder an eine dortige Schule als Religionslehrerin."

Zu den Attraktionen des Pfarrberufs rechnet Hanna vor allem, dass man "sehr viel selbst gestalten kann, dass man sich - nicht nur für die Predigten - eine Meinung bilden, sie vor den Leuten vertreten und verantworten muss."

In diesem Moment ist die Plenarsitzung ein paar Stockwerke tiefer zu Ende. Die Theologiestudenten drängen sich in ihre provisorische Kantine, zu zweierlei Käse-Lauch-Suppe, vegetarisch und normal mit Hackfleisch.

Reden lernen, in der Gruppe klarkommen

Tinka Diehl, 20, Drittsemester aus Göttingen, hatte ursprünglich keinen direkten Bezug zur Kirche. Ihr Vater ist Kaufmann, die Mutter Gymnastiklehrerin. Immerhin, der Großvater war Pfarrer. Intensive Teilnahme an der kirchlichen Jugendarbeit trieb sie der Theologie in die Arme. "Es war diese Mischung aus Freiraum und Freizeit, lange Abende und Nächte mit Diskussionen und Momente des gemeinsamen Glücks mit anderen Jugendlichen." Lagerfeuergeprassel, Gitarrenakkorde schwingen mit, wenn Tinka schwärmt. Man werde selbstbewusster, sagt sie. "Man lernt zu reden, man lernt, mit der Gruppe umzugehen." Ihre Eltern waren zunächst nicht begeistert von ihrer Hinwendung zur Theologie. Jetzt aber teilen sie ihren Entschluss, Tinka ist glücklich. "Was ich studiere, soll doch den Menschen dienen."

Ihre Kommilitonin Johanna Gorka, 24, ist schon im neunten Semester, die Regelstudienzeit beträgt zwölf. Von Anfang an habe sie gewusst, für wen sie später arbeiten werde, sagt die Hildesheimerin - eine seltene Sicherheit in Zeiten der Krise, nicht nur aus Arbeitnehmersicht: "Wer sich in die Listen der Landeskirchen einträgt, auf den richtet sich der Blick des zukünftigen Arbeitgebers." Ab und zu schaut die Ausbildungsreferentin der Landeskirche bei den Studenten vorbei, es gibt Tagungen und Praktika. Johanna hat bereits vier Wochen erste Erfahrungen in einer Gemeinde gesammelt. Während des Praktikums nahm sie auch an einer Beerdigung teil. "Das gehört dazu, das muss man abkönnen".

Die 22-jährige Nathalie Wolk aus Göttingen hat schon vielen Freunden und Mitstudenten versprechen müssen, später einmal, als Pfarrerin, deren Hochzeit oder Kindstaufe zu zelebrieren. Später, das heißt: Nach den zwölf Semestern folgen noch mehrere Jahre Vikarszeit und Probedienst, dann erst ist die Ordination möglich.

Frauen machen Karriere in der evangelischen Kirche

Dieses Amt steht Frauen auch in der evangelischen Kirche noch nicht sehr lange offen. In der Bundesrepublik wurde erst 1958 die erste Pfarrerin in der Evangelischen Kirche der Pfalz zugelassen. Heirat beendete damals noch die Karriere.

Vollständig gleichgestellt waren die Theologinnen in den evangelischen Landeskirchen jedoch erst in den sechziger und siebziger Jahren. Inzwischen haben weibliche Geistliche auch höhere kirchliche Ämter inne, allen voran die hannoversche Bischöfin Margot Käßmann, eine protestantische Karrieretheologin mit Vorbildfunktion. Sie hat gute Chancen, Ende des Jahres die erste Ratsvorsitzende der EKD zu werden.

Theologiestudentin Nathalie glaubt fest daran, dass sich die Kirche weiter verändern wird und Frauen wie sie dabei mithelfen können. Sie schwärmt von aufregenden, jungen Ideen zur Glaubensvermittlung, von den Filmgottesdiensten etwa, die sie während ihres Praktikums in einer Gemeinde miterlebt hat. "Adams Äpfel" wurde dort gezeigt, "Das Leben ist schön" und der "Fluch der Karibik". Fluch der Karibik in der Kirche? "Theologisch kein Problem", sagt die Studentin. "Wir lernen doch, über alles zu reden."

© UniSPIEGEL 1/2009
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