Der SPIEGEL

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01. August 2016, 12:58 Uhr

Gesellschaft in Brasilien

Zerrissenes Land

Von Peter Neitzsch

Brasilien ist gespalten: in Arm und Reich, Schwarz und Weiß, Norden und Süden. Wie groß die Unterschiede sind, lässt sich auch an den Unis des Landes beobachten.

Acácio freut sich auf Olympia. Freut sich auf die Sportler, die Wettkämpfe, die festliche Stimmung in seinem Land. Und darüber, dass es nicht Dilma Rousseff sein wird, die am 5. August die Spiele eröffnet - die verhasste Politikerin, die im Mai dieses Jahres nach fünfjähriger Regentschaft als Präsidentin suspendiert wurde.

Acácio Dorta de Souza Neto, 20 Jahre alt und Wirtschaftsstudent in São Paulo, half dabei, dass Rousseff gehen musste. Er und viele seiner Kommilitonen demonstrierten wochenlang in den Straßen ihrer Heimatstadt, sie gingen raus auf die Avenida Paulista, die zentrale Achse der Stadt. Es waren die größten Proteste seit Jahren, und sie waren ein Grund dafür, dass Rousseff ihre Amtsgeschäfte an ihren Vize übergeben musste.

"Dilma war nicht gut für Brasilien", schimpft Acácio. Sie habe viele schlechte Entscheidungen getroffen und Staatsgelder zweckentfremdet. "Deshalb musste sie gehen."

Acácio ist Mitglied der "Bewegung für ein freies Brasilien", deren Herz in einer Studentenbaracke in São Paulo schlägt: Vor Laptops sitzen bärtige junge Männer, die Wände sind mit Filzstiften bekritzelt und mit Graffiti besprüht, in Pappkartons lagern Transparente, Megafone und Guy-Fawkes-Masken. Die Suspendierung Rousseffs war ein Meilenstein für die Bewegung, aber ihre Arbeit sei "noch lange nicht beendet", sagt Acácio.

Brasilien ist in der Krise - politisch, wirtschaftlich und moralisch. Die Wirtschaft schrumpfte vergangenes Jahr um vier Prozent, elf Millionen Menschen sind arbeitslos. Es gibt kaum einen Politiker, der nicht in die große Korruptionsaffäre um den halbstaatlichen Ölkonzern Petrobras verwickelt ist. Und das Land ist tief gespalten: in Arm und Reich, Norden und Süden, Schwarze und Weiße.

Das Land soll und muss sich verändern, sagen Brasiliens Hochschüler. Nur sind sie sich nicht einig, wie das neue, andere Brasilien aussehen soll: Auch durch die Studentenschaft geht nämlich ein tiefer Riss.

Der Student und die "Bewegung für ein freies Brasilien" wollen mehr Markt und mehr Freiheit, sie wollen verhindern, dass das Land zu einem zweiten Venezuela wird, dessen sozialistische Regierung derzeit nicht einmal mehr die Lebensmittelversorgung der Bevölkerung sicherstellen kann. Doch es gibt auch Zehntausende Studenten, die es ganz anders sehen als Acácio und seine liberalen Mitstreiter.

Eine von ihnen ist Marielle Franco, Soziologiestudentin in Rio de Janeiro. Die 35-Jährige wuchs im Armenviertel Maré auf, einem Moloch mit fast 200.000 Einwohnern im Großraum Rio de Janeiros. Die Favela gilt als eine der gewalttätigsten der Stadt. Mehr als einmal spürte Marielle schon eine Waffe an ihrem Kopf. Sie sagt: "Die Bewohner von Maré werden doppelt bedroht: von der Polizei - und von den Dealern."

Vor wenigen Tagen gab Marielle ihre Masterarbeit ab, "endlich", wie sie sagt. Dass es Menschen wie sie nun schaffen, einen Uni-Abschluss zu machen, verdanken sie ausgerechnet der Partei von Dilma Rousseff. Vorher konnten sich nur die Jahrgangsbesten für die Uni qualifizieren, und das war für junge Menschen, die aus Geldnot nur eine öffentliche Schule besuchen konnten, praktisch unmöglich. Den Weg an die Uni beschritten fast ausschließlich Bewerber, die teure Privatschulen besucht hatten - und nur sehr wenige arme und dunkelhäutige Schüler. Dass es eine Quotenregelung für sie gibt, erscheint daher sinnvoll, doch Acácio und andere Studenten, die aus der Mittelschicht stammen, lehnen sie trotzdem ab. Acácio wuchs im reichen Süden des Landes auf, seine Eltern besitzen eine Kaffeefarm und zahlen hohe Steuern. "Ich bin gegen die Quote, weil jeder nach seinen Fähigkeiten beurteilt werden sollte", sagt er.

In São Paulo denken viele so wie er, die Stadt ist das wirtschaftliche Zentrum des Landes. Doch Acácio kennt auch die andere Seite: Vergangenes Jahr studierte er noch Ingenieurswissenschaften in Rio de Janeiro. Die Studenten dort seien sehr links, erzählt Acácio, "viel zu links" für seinen Geschmack. Ständig seien Lehrveranstaltungen ausgefallen, weil die Uni bestreikt wurde. Kommilitonen hätten ihn bedroht: "Denen hat meine Meinung nicht gepasst." Irgendwann hatte er die Nase voll, brach sein Studium ab und ging zurück nach São Paolo. Dort jobbt er nebenbei in einer Firma, die Finanzanalysen erstellt.

Für Acácio liegt die Lösung der meisten Probleme Brasiliens in der Privatwirtschaft - Marielle denkt ganz anders, sie wünscht sich mehr statt weniger Staat. Neben der Uni arbeitet sie für eine Organisation, die sich für die Schwachen der Gesellschaft einsetzt, etwa für die Opfer von Zwangsräumungen. Der Staat tue nach wie vor viel zu wenig für die Armen - und Großereignisse wie die Olympischen Spiele würden genutzt, um das Land nach den Interessen privater Investoren umzugestalten. "Für Olympia wird viel Geld ausgegeben, aber 80 Prozent der öffentlichen Schulen haben keine Sportplätze", beklagt die Studentin. Nein, sagt Marielle, sie denke anders als der Kommilitone Acácio: Sie könne sich nicht auf die Olympischen Spiele freuen. Sie lehnt sie ab.

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