Bremer Lokalpatriotismus Landeskinder leben billiger

Studenten an Bremer Universitäten müssen sich in Zukunft sehr genau überlegen, wo sie leben wollen. Wählen sie ihren Wohnsitz zu weit entfernt von ihrer Studienstadt, droht ihnen eine Grenzerfahrung, nämlich die, eine Studiengebühr für Nicht-Landeskinder zu zahlen - saftige 500 Euro pro Semester.

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Bremer Rathaus: 30-Kilometer-Zone für Landeskinder?
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Zwei Dörfer in Niedersachsen, nennen wir sie Glückshaven und Pechsen. Außer Schweinezucht geht nicht viel, wer was werden will, muss ins nahe Bremen pendeln, am besten zum Studieren. Kein Problem, denn Glückshaven liegt nur 29 Kilometer von der Hansestadt entfernt, Pechsen noch zwei Kilometer mehr, mit der Regionalbahn ein Katzensprung. Einst trafen sich im Zug nach Bremen Glückshavener und Pechsener Studenten in trauter Eintracht, tauschten Panini-Bilder von Ailton und Miroslav Klose und bereiteten sich nebenbei auf ihre Seminare vor.

Doch mit der Harmonie ist es seit geraumer Zeit vorbei, denn das Pendlerabteil zerfällt in zwei Klassen: Die Pechsener Studenten neiden ihren Glückshavener Kommilitonen die 1000 Euro mehr pro Jahr, die sie ausgeben können. Denn Glückshaven liegt gerade noch innerhalb der magischen Grenze für Landeskinder, die Pechsener gelten dagegen als Auswärtige - und müssen deshalb 500 Euro pro Semester an ihre Alma Mater spenden.

Neubremer verzweifelt gesucht

Das Szenario könnte bald Wirklichkeit und Glückshaven und Pechsen durch reale Gemeindenamen ersetzt werden: Das Bundesland Bremen will nämlich von auswärtigen Studenten künftig 500 Euro Studiengebühren pro Semester kassieren. Darauf haben sich die Regierungsfraktionen in der Bremischen Bürgerschaft, CDU und SPD, geeinigt. Wissenschaftssenator Willi Lemke (SPD) soll jetzt dazu einen Gesetzesentwurf vorbereiten.

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Studenten mit erstem Wohnsitz in Bremen oder Bremerhaven sollen dagegen von dem Zwangsobolus verschont bleiben. Als Landeskind geht auch noch durch, wer im niedersächsischen Umland seinen Wohnsitz nahe genug an die beiden Städte verlegt - also "in Bremen und umzu" wohnt, wie man in der Hansestadt zu sagen pflegt. Wo die Grenzen genau verlaufen sollen, sei noch unklar, sagt Lemke-Sprecher Rainer Gausepohl. Im Gespräch für die magische Zonengrenze ist ein Umkreis von 20 bis 30 Kilometern.

Wer als Student seiner Studienstadt Bremen nicht nahe genug auf die Pelle rückt, soll ab dem dritten Semester Studiengebühren zahlen. Das Geld will Bremen für eine bessere Ausstattung der Hochschulen mit Büchern und Computern und für die Studienberatung ausgeben. Von den rund 33.000 Studenten an Bremer Hochschulen sollen nach Angaben der Wissenschaftsbehörde bis zu 14.000 als Auswärtige zählen, davon 9500 aus Niedersachsen.

118 Millionen Euro für Privatuniversität

Die Zahlungen der Pendler-Studenten allein werden den Stadtsäckel indes nicht entscheidend auffüllen. Das Land hofft auf zusätzliche Mittel durch Studenten, die ihren Erstwohnsitz in Bremen oder Bremerhaven anmelden. Denn jeder Neueinwohner bringt 3000 Euro aus dem Länderfinanzausgleich. Würden sich alle 14.000 auswärtigen Studenten in Bremen anmelden, würde das dem Land Einnahmen von 42 Millionen Euro bescheren.

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Zusätzlich zur geplanten Abgabe für Auswärtige führt das Bundesland zum kommenden Wintersemester einen Verwaltungskostenbeitrag von 50 Euro pro Semester ein. Vom Sommersemester 2005 an sollen Langzeitstudenten nach dem Studienkontenmodell ab dem 15. Semester mit ebenfalls 500 Euro zur Kasse gebeten werden. Auswärtige Langzeitstudenten sollen allerdings nicht doppelt bezahlen.

Bremen folgt mit dem Modell dem Vorbild Hamburgs. Dort sind aufgrund einer ähnlichen Regelung, die zum Sommersemester 2004 in Kraft trat, angeblich von insgesamt 60.000 Studenten nur noch 1500 nicht in der Metropolregion gemeldet.

Für ihr Studium bezahlen müssen schon seit zwei Jahren Studenten der International University Bremen (IUB) - 15.000 Euro pro Jahr. Die private Universität ist nach dem Muster amerikanischer Elite-Unis aufgebaut. Ein System aus Stipendien und Darlehen stellt sicher, dass geeignete Bewerber unabhängig von ihren finanziellen Möglichkeiten an der IUB studieren können. Das chronisch klamme Bundesland Bremen hatte den Start der Privathochschule mit rund 118 Millionen Euro unterstützt.

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