Brexit-Folgen Was EU-Studenten in England fürchten müssen

Können Ausländer und Erasmus-Studenten auch nach dem Brexit in Großbritannien studieren? Wird das Studium teurer? Uni-Rektoren müssen nun erklären, was sie selbst nicht wissen.
Studenten im Hörsaal

Studenten im Hörsaal

Foto: Gaetan Bally/ picture alliance / dpa

Chris Brink muss einen Satz in diesen Tagen ziemlich oft wiederholen. "Es wird keine Änderungen bei der Anmeldung oder bei den Gebühren für EU-Studenten geben, die in diesem Jahr an der Universität Newcastle anfangen", sagt der Vizekanzler der Hochschule fast ständig und immer wieder. Dies gelte ausdrücklich für die gesamte Dauer des Studiums - also auch über einen Brexit hinaus.

Aber gilt das auch für ausländische Studienanfänger im kommenden Jahr? Brink zuckt mit den Schultern, da will er sich lieber nicht festlegen - denn es geht ihm wie allen britischen Uni-Chefs derzeit: Er weiß es einfach nicht. Obwohl sie noch kurz vor der Abstimmung zu mehr als 80 Prozent den Verbleib Großbritanniens in der EU unterstützt hatten, müssen die Rektoren und Kanzler plötzlich zwei neue Aufgabe wahrnehmen: beruhigen und werben.

Beruhigt werden müssen zunächst die rund 125.000 Studenten aus der EU, die sich zurzeit in England aufhalten. Sie sind eine nicht zu unterschätzende Einnahmequelle für die britischen Hochschulen. Mehr als 27.000 von ihnen erhalten ein Erasmus-Stipendium, dazu kommen noch einmal 3500 geförderte Nachwuchsforscher.

Zweifel an der Entscheidung für England

Zweite große Aufgabe: Weil der Austritt aus der EU sich noch mindestens zwei Jahre hinziehen wird, müssen die Rektoren mit aller Macht darum werben, dass zumindest in dieser Übergangszeit das Interesse von Austauschstudenten nicht abreißt - auch wenn klar ist, dass langfristig die Attraktivität eines Auslandssemesters in England sinken dürfte. Doch das deutet sich bereits an.

"Ich schätze europäische Werte", sagt etwa die 17-jährige Griechin Bettina Sakiotis, die eigentlich im Oktober nach England gehen wollte und auch Studienplatzangebote von zwei Universitäten erhalten hat. Doch sie zweifelt daran, ob die Entscheidung für Großbritannien noch richtig ist: "Das Votum für den Brexit hat mir gezeigt: Wir stehen nicht mehr auf derselben Seite." Das Vereinigte Königreich, sagt Bettina, isoliere sich gerade selbst.

Eine der größten Sorgen für viele EU-Studenten: Noch zahlen sie "home fees", also vergleichbare Gebühren wie einheimische Nachwuchsakademiker - doch ein Studium in England könnte mit dem Austritt aus der EU deutlich teurer werden. Die Folge wäre aller Voraussicht nach ein Einbruch der Bewerberzahlen.

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Mit bis zu 3140 deutschen Austauschstudenten gehört Großbritannien zu den attraktivsten Erasmus-Zielen in Europa. Nach dem Brexit müssten die Modalitäten für das Austauschprogramm neu verhandelt werden, sagt Margret Wintermantel, Präsidentin des Deutschen Akademischen Austauschdiensts (DAAD).

"Es besteht die Möglichkeit, dass es zu einer Erhöhung der Studiengebühren kommt", fürchtet Wintermantel. Der DAAD habe in Großbritannien ein über Jahrzehnte ausgebautes Netzwerk an Kontakten und Strukturen aufgebaut. "Dieses Netz und alle beteiligten britischen Hochschulpartner hätten sich gewünscht, dass der Austausch mit Großbritannien ohne jede Einschränkung fortgesetzt werden kann."

Ein abschreckendes Beispiel gibt es jedoch bereits: Als die Schweizer 2013 in einem Volksentscheid "Gegen Masseneinwanderung" stimmten, zog die EU-Kommission die Konsequenzen und schloss die Schweiz aus dem Erasmus-Programm aus. Die Schweiz war genötigt, ein paralleles Programm zur Förderung der Mobilität aus eigenen Mitteln aufzubauen und zu unterhalten.

Michael Arthur, Präsident am University College London, schätzt, dass für die britischen Unis deshalb insgesamt rund 40 Millionen Pfund (gut 47 Millionen Euro) an Studiengebühren auf dem Spiel stehen. Angesichts dieses Szenarios hat die London School of Economics, bei der fast jeder fünfte Student aus der EU stammt, ihre Alumni bereits aufgefordert, auf Facebook mit persönlichen Statements für ein Studium in London zu werben.

mit Material von Reuters
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