Großbritannien Politiker fordert die Namen von Dozenten, die sich mit Brexit beschäftigen

Der konservative Abgeordnete Heaton-Harris will von britischen Unis wissen, wer zum Thema Brexit forscht und welche Lehrmaterialien eingesetzt werden. Akademiker reagieren empört und warnen vor Zensur.

Barcroft Media via Getty Images

"Ich habe mich gefragt, ob Sie mir freundlicherweise die Namen der Professoren an Ihrem Institut mitteilen könnten, die sich mit europäischen Beziehungen beschäftigen, insbesondere in Bezug auf den Brexit", so lautet die Einleitung eines Briefes, den Politiker Chris Heaton-Harris Anfang Oktober an britische Universitäten verschickt hat und der nun veröffentlicht wurde. Akademiker reagierten empört, wie der "Guardian" berichtet.

Heaton-Harris verlangte zudem Auskunft über die Brexit-Lehrpläne und das verfügbare Online-Lehrmaterial. Der Konservative sitzt im britischen Parlament und ist entschiedener Brexit-Befürworter. Seine Anfrage ist ungewöhnlich. Universitäten genießen normalerweise akademische Freiheit.

Professor David Green von der University of Worcester kritisierte: "Dieser Brief gibt vor, harmlos zu sein, aber in Wirklichkeit ist er so gefährlich." Green warnte vor Zensur und einer Gedankenpolizei. Er kündigte an, auf den Brief zu antworten. Die verlangten Informationen will er allerdings nicht preisgeben.

Auch von Brexit-Befürwortern kommt Kritik

Lee Jones von der Queen Mary University hatte sich vor dem Referendum klar für einen Brexit ausgesprochen, dennoch findet er die Forderung des Politikers problematisch. "Es ist wirklich beunruhigend, wenn ein Mitglied des Parlaments glaubt, es sei sein Auftrag, seine Nase in die Lehre an Universitäten zu stecken", so Jones. "Universitäten sind autonom und Politiker haben kein Recht, Akademiker einzuschüchtern, indem sie ihre Kurse unter die Lupe nehmen." Er habe zwar viele Kollegen, die sich gegen einen Brexit ausgesprochen haben. "Aber ich bin überzeugt, was sie lehren, ist keine Propaganda", so der Wissenschaftler.

Heaton-Harris wollte sich zu den Vorwürfen nicht äußern. Auf Twitter schrieb er jedoch: "Um eines ganz deutlich zu machen, ich glaube an die Redefreiheit an unseren Universitäten und daran, eine offene und lebhafte Debatte über den Brexit zu führen." Warum der Politiker die Informationen verlangte, ist unklar.

koe



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Profdoc1 24.10.2017
1. Universitäten genießen normalerweise akademische Freiheit.
Was heißt hier 'normalerweise'. In jedem demokratischen Land gilt das! Auch in UK. Insoweit die die Anfrage des Abgeordneten eine Unverschämtheit. Das sollte sich kein Politiker ein zweites Mal einfallen lassen. Nebenbei bemerkt, gilt das in besonderer Weise in Deutschland; fixiert im Artikel 5, Abs. 3 GG: 'Kunst und Wissenschaft, Forschung und Lehre sind frei. Die Freiheit der Lehre entbindet nicht von der Treue zur Verfassung.'
collapsar 25.10.2017
2. Beruf verfehlt
Diesem Abgeordnetem mangelt es scheints an intellektuellen oder organisatorischen Fähigkeiten, um den Anforderungen seines Jobs gerecht zu werden. Anders läßt sich kaum erklären, weshalb er nicht in der Lage sein sollte, Lehrprogramm und Publikationslisten per Internetrecherche zu ermitteln oder einen Mitarbeiter damit zu beauftragen. Ja doch, erklären ließe sich das schon, im Ergebnis aber nur noch unvorteilhafter für den Herrn.
muldvarp90 25.10.2017
3. Das Bild
Der Sinn und Zweck des Bildes geht zwar nicht direkt aus dem Artikel hervor, aber ich nehme mal an, es soll eine Referenz an den im Artikel erwähnten David Green sein. Der ist in der Tat Vice Chancellor (vgl. mit Rektor/Präsident) der University of Worcester in Worcester. Das Bild zeigt jedoch das Worcester College in Oxford ca. 50km weiter südöstlich.
mark e. ting 25.10.2017
4. Hilfe
Vielleicht sucht er nur Hilfe, bzw Unterstützung für die Regierung für die Brexit Verhandlungen, denn in der Regierung scheint es ja keine Experten zu geben. da wäre es naheliegend mal bei den Unis nachzufragen.
funxxsta 25.10.2017
5. Ganz im Sinne des Zeitgeistes unserer "Eliten"
Es zieht sich durch jeden Staat, jede Regierung und - erschütternder Weise - durch das Verhalten der Bürger. Regieren mit Herrschen verwechselt und das vom Souverän in Wahl erteilte Mandat als Legitimation jedweder Handlung und Anrecht zur Ablehnung von Verantwortung missinterpretiert. Von eigener Agenda, Parteidogma und Partikularinteressen grosser Industrieteilnehmer getrieben, wird der Souverän schnell zu einem missliebigen, disrespektierten Störenfried und die Grundrechte desselben zur Verhandlungsmasse. Empörung wird nicht ausreichen, um den ständig erforderlichen Kampf um unsere Grund- und Bürgerrechte zu führen sowie die Achtung des erteilten Mandates durch Regierungsmitglieder einzufordern.
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