Brisante Untersuchung Studiengebühren schrecken junge Menschen ab

Wegen Studiengebühren machen deutlich mehr Abiturienten als bisher angenommen ein großen Bogen um die Hochschulen. Das zeigt eine Studie, die offenbar seit Wochen von Bildungsministerin Schavan unter Verschluss gehalten wird - und neuen Streit kurz vor dem Bildungsgipfel entfacht.

Hamburg/Berlin - Das Ergebnis der Studie scheint dem Bundesbildungsministerium nicht zu gefallen. Eine Untersuchung über Studiengebühren wird der Nachrichtenagentur dpa zufolge im Hause von Ministerin Annette Schavan (CDU) seit Wochen unter Verschluss gehalten - die zentrale Zahl der Studie: Im Abiturienten-Jahrgang 2006 haben wegen der neuen Gebühren bis zu 18.000 junge Menschen kein Studium aufgenommen.

Laut dpa wurde die Studie vom Hochschul-Informations-System (HIS) in Hannover angefertigt. HIS-Pressesprecher Theo Hafner sagte SPIEGEL ONLINE: "Ja, wir haben an seiner solchen Studie gesessen." Zu den Ergebnissen sagte er nur: "Das ist sicher eine interessante Materie."

Der Bericht kommt für die Bundesregierung zu einem ungünstigen Zeitpunkt. Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) hat für Mittwoch zu einem Bildungsgipfel geladen, auf dem über die Zukunft von Schulen und Hochschulen beraten werden soll.

Auf den Vorwurf der "Geheimniskrämerei" reagierte das Bundesbildungsministerium mit einer Stellungnahme. Es könne "keine Rede davon sein, dass die HIS-Studie 'Studiengebühren aus der Sicht von Studienberechtigten' unter Verschluss gehalten wird', heißt es darin. Auf Anfrage von SPIEGEL ONLINE räumte eine Ministeriumssprecherin ein, dass diese Studie "seit dem Sommer" vorliege. Es gebe aber zwei HIS-Untersuchungen: eine speziell dazu, wie Abiturienten des Jahrganges 2006 auf Studiengebühren regieren; eine weitere zu den Studienanfängern im Wintersemester 2007/2008. Beide Studien sollten "in spätestens vier Wochen" zusammen veröffentlicht werden.

Zu den Inhalten der Studie gibt es noch keine Stellungnahme, in der Sprachregelung des Ministeriums: "Wir möchten der Gesamtanalyse nicht vorgreifen." Zudem reiche die Datenbasis beider Studien nicht aus, um "endgültige Schlüsse" über Studiengebühren zu ziehen. Die Tendenz sei jedoch, dass "die Studierneigung nur bei einigen wenigen von Studiengebühren abhängt und sich die Einstellung zu Studiengebühren im Vergleich zum Vorjahr deutlich positiv entwickelt" habe.

"Erhebliche Verunsicherung" bei Abiturienten

Die politisch heiklen Fragen lauten: In welchem Umfang schreckt die Campusmaut Abiturienten ab? Und vor allem: Wen genau halten sie vom Studium ab? Dass Gebühren den Abiturienten aus wohlhabenden Familien kaum die Lust aufs Studium verhageln können, leuchtet ein. So stellt es HIS in der Studie auch fest, wie dpa berichtet: Kinder aus Akademikerfamilien lassen sich "deutlich seltener in ihrer Hochschulwahl beeinflussen" als andere Gruppen.

Demnach sind es insbesondere Frauen und junge Menschen aus bildungsfernen Elternhäusern, die wegen der Gebühren häufiger auf das Studium verzichten. Die Gebührendebatte habe unter Abiturienten und jungen Menschen mit Fachhochschulreife zu "erheblicher Verunsicherung" beigetragen - auch in Ländern, die noch keine Gebühren verlangen.

2006 hatten erst zwei Bundesländer - Niedersachsen und Nordrhein-Westfalen - Gebühren verlangt. Danach erfolgte ihre Einführung in fünf weiteren unionsgeführten Ländern; Hessen hat die Gebühren inzwischen wieder abgeschafft.

Studenten-Ansturm bleibt aus

Weiter heißt es in der Studie, eine Abwanderung von Studieninteressierten von "Gebühren-" in "Nicht-Gebührenländer" sei "in großem Umfang nicht zu verzeichnen". Gleichwohl wollten im Vergleich zu früheren Jahren weniger Abiturienten aus dem Osten im Westen studieren, wo Gebühren verlangt werden.

Im Vergleich zu 2003 gab es im vergangenem Jahr wegen der starken Abiturienten-Jahrgänge bundesweit zwar 17 Prozent mehr junge Menschen mit Hochschulreife, gleichzeitig aber fünf Prozent weniger Studienanfänger. 2003 war mit 377.500 Neueinschreibungen an den deutschen Hochschulen ein Anfängerrekord erzielt worden. 2007 waren dies mit 358.670 Anfängern knapp 19.000 Neueinschreibungen weniger. Im gleichen Zeitraum stieg die Zahl der Studienberechtigten um mehr als 63.000 auf 432.500.

Eine Studie der Hannoveraner HIS-Bildungsforscher zeigte vor einigen Monaten, dass viele Abiturienten, die gern studieren würden, vor verschlossenen Hochschultüren stehen - und dass sich zudem inzwischen mehr Abiturienten als erwartet gegen ein Studium entscheiden. Sorgen bei der Studienfinanzierung spielen dafür ebenso eine Rolle wie die Studiengebühren, das Wirrwarr bei der Zulassung und schlechte Studienbedingungen. Bei einer HIS-Umfrage gab jeder vierte Studienverzichtler an, dies wegen der Campusmaut zu tun.

"Ergebnisse dürfen nicht vertuscht werden"

Die Vorsitzende des Bundestags-Bildungsausschusses, Ulla Burchardt (SPD), forderte am Montag die unverzügliche Veröffentlichung der Studie. Sie habe schon vor Wochen eine Unterrichtung durch das Ministerium verlangt. Die Ergebnisse dürften vor dem Bildungsgipfel von Bund und Ländern "nicht vertuscht werden", sagte Burchardt. Das Thema gehöre auf den Bildungsgipfel am Mittwoch in Dresden.

Der Bildungssprecher der FDP-Bundestagsfraktion, Patrick Meinhardt, erklärte: "E s kann nicht sein, dass das Bildungsministerium eine Studie zu den Auswirkungen von Studiengebühren unter Verschluss hält, nur weil darin Erkenntnisse sind, die nicht ins Bild passen."

Die Studie stützt sich auf die Befragung von 5240 repräsentativ ausgewählten Studienberechtigten des Abschlussjahrgangs 2006 sowie auf regelmäßige Abiturienten-Untersuchungen des HIS. Das Institut mit Sitz in Hannover arbeitet im Auftrag von Bund und Ländern sowie der Hochschulrektorenkonferenz.

Auf den Streit über die noch unveröffentlichte HIS-Studie reagierte auch Nordrhein-Westfalens Wissenschaftsminister Andreas Pinkwart. Der FDP-Politiker sieht keine Belege dafür, dass Studiengebühren Abiturienten abschrecken; seit 2006 seien die Studienanfängerzahlen in NRW kontinuierlich gestiegen. "SPD und Grüne versuchen permanent, Studierende und Studieninteressierte zu verunsichern, um anschließend lautstark über eine vermeintliche Verunsicherung zu lamentieren. Das ist weder konstruktiv noch redlich", so Pinkwart weiter.

Eine schöne Volte aus dem Repertoire der Campusmaut-Fans: Wenn Abiturienten sich doch abschrecken lassen, liegt es an den Gebührenkritikern - nicht etwa an den Gebühren selbst.

flo/jol/dpa

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