Britische Sparorgie "Weihnachtlicher Tritt ins Gesicht der Studenten"

Auf Großbritanniens Universitäten kommen radikale Kürzungen zu. 2010 sollen sie auf eine halbe Milliarde Pfund verzichten und sich mehr auf wirtschaftlich verwertbare Fächer verlegen, verlangt Wirtschaftsminister Mandelson. Er empfiehlt auch: Schröpft doch eure Gaststudenten.

Tower Bridge in London: Für Gaststudenten wird Großbritannien künftig teurer
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Tower Bridge in London: Für Gaststudenten wird Großbritannien künftig teurer


Vielleicht hatte Großbritanniens Wirtschaftsminister Peter Mandelson gehofft, kurz vor Weihnachten würden die Reaktionen auf seine radikalen Sparvorschläge für die britischen Hochschulen nicht allzu heftig ausfallen - doch da hat sich der Minister getäuscht.

Über eine halbe Milliarde Pfund (knapp 600 Millionen Euro) weniger als bisher sollen britischen Unis im kommenden Jahr verfügen dürfen; übrig bleiben dann 7,3 Milliarden Euro (8,1 Milliarden Euro). Das kündigte Mandelson am Mittwoch in einem Brief an Tim Melville-Ross, Vorsitzender des Higher Education Funding Council, an. Der Council verteilt Jahr für Jahr die staatlichen Zuschüsse an die Hochschulen auf der Insel.

Bislang dreijährige Studienangebote sollen nur noch zwei Jahre dauern, um Geld einzusparen, so Mandelson. Außerdem sollen Unis, die im vergangenen Sommer wegen Rekordbewerberzahlen mehr Studenten aufgenommen hatten als vorgesehen, für jede Überbuchung 3700 Pfund an den Staat zurück überweisen. Weil laut der britischen Vergabestelle für Studienplätze Ucas rund 16.000 Abiturienten zu viel einen Platz erhielten, kommen insgesamt 60 Millionen Pfund an Rückzahlungen auf die Unis zu.

Auf dem Weg in ein Zwei-Klassen-System?

Die Reaktionen auf das vorweihnachtliche Streichkonzert waren bitter und zornig. Sally Hunt, Sprecherin der Dozentenvereinigung UCU, sprach von einem "weihnachtlichen Tritt ins Gesicht" der Mitarbeiter und Studenten, der Arbeitsplätze kosten werden und in ein Zwei-Klassen-Bildungssystem führe. "Man kann nicht diese Art von Kürzungen machen und erwarten, dass es keine Folgen hat", sagte Hunt.

Auch mehrere Uni-Chefs protestierten. Durch Kürzungen und eingeschränkte Studiengänge entstehe "heftiger Druck" auf die Hochschulen, der zu einem Qualitätsverfall der Abschlüsse führen könne. Außerdem drohe Unterricht in größeren Gruppen. Die Studentenvereinigung National Union of Students warnte wegen verkürzter Studienangebote vor "Billigabschlüssen".

Mandelson verteidigte die Einschnitte. Die wirtschaftliche Situation sei eine große Herausforderung, darum stehe der gesamte öffentliche Sektor vor "schwierigen Entscheidungen". Der britische Bildungsminister David Lammy sekundierte, die Universitäten müssten ihren Teil dazu beitragen, den Druck bei den Staatsausgaben zu senken.

Sparen bei den Geisteswissenschaften, kassieren bei den Gaststudenten

Wirtschaftsminister Mandelson, der in Großbritannien auch für die Hochschulfinanzierung zuständig ist, machte klar, dass vor allem auf die Geistes- und Sozialwissenschaften harte Zeiten zukommen. In seinem Brief an Melville-Ross betont Mandelson, dass die Hochschulzuschüsse sich nach dem Strategiepapier "Higher Ambitions: The Future of the Universities in a knowledge economy" richten müssen.

Diesem Papier zufolge sollen künftig mathematische und naturwissenschaftliche Fächer Priorität erhalten. Zwischen den Universitäten wünscht sich der Minister mehr Wettbewerb um die abschmelzenden Fördertöpfe - und das Strategiepapier sagt auch schon, wer dabei die Nase vorn haben wird: "Gewinner werden die Universitäten sein, die die besten Antworten auf die wirtschaftlichen Herausforderungen geben." Am besten könnten dem Land jene Disziplinen helfen, die für internationale Wettbewerbsvorteile sorgten. Gemeint sind die in Großbritannien sogenannten "STEM"-Fächer, die in Deutschland "MINT"-Fächer heißen (Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften, Technik)

Als zusätzliche Einnahmequelle empfiehlt die Regierung den Hochschulen die 340.000 Gaststudenten an britischen Unis. Laut "Higher Ambitions", dem Konzept aus Mandelsons Ministerium, ist Großbritannien damit nach den USA das weltweit zweitbeliebteste Land für ein Studium im Ausland. Darum seien "Gaststudenten eine wichtige Einnahmequelle in den kommenden Jahren", so Mandelson.

cht/Reuters



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