Britische Studie Terrorzelle Campus

Studieren an britischen Universitäten die Terroristen von morgen? Rechtsextreme, radikale Tierschützer und Islamisten buhlen um Studenten, warnt ein britischer Forscher. Er fordert eine Big-Brother-Uni, um die Terrorgefahr zu bannen.


Einer der vier Terror-Bomber, die sich am 7. Juli in London in die Luft sprengten, war Absolvent der Leeds Metropolitan University. Einen Beweis dafür, dass er sich dort jemals in einer extremistischen Gruppe engagiert hat, gibt es nicht. Doch eine Studie der Brunel University legt nun nahe, dass gerade die britischen Universitäten Keimzellen für Extremismus sind. "Auf der einen Seite ist die Universität ein fabelhafter Ort für Integration, Kultur und freie Ideen. Aber auf der anderen Seite bietet sie viele Möglichkeiten für Gruppen, die diese Werte nicht achten", sagte Autor Anthony Glees der britischen Zeitung "Guardian".

College in Oxford: Unterwandert von Extremisten?
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College in Oxford: Unterwandert von Extremisten?

In der Studie mit dem Titel "Wie sicher sind die britischen Universitäten?" hat Glees 14 Fälle der letzten zwölf Jahre gesammelt und die Verbindungen von Terroristen mit Universitäten dokumentiert. Detailliert beschreibt er, wie der Kontakt mit extremistischen Gruppen auf dem Campus für viele Studenten zum Auslöser wurde, um ihre Ansichten ins Extreme zu wenden. Die Universitätsausbildung sei der "dünne rote Faden", der sich durch die Anatomie der verschiedenen Fälle ziehe.

So sei die rechtsradikale British National Party in Cambridge aktiv, Tierschutzextremisten warben in Oxford um Mitglieder, berichtet Glees. Und an der London School of Economics sowie an den Unis in Leeds, Manchester, Newcastle und Nottingham hat der Forscher "islamistische Extremistengruppen" unter verschiedenen Namen ausgemacht. All diese Vereinigungen seien für "subversive Aktivitäten oft ohne Wissen der offiziellen Instanzen" verantwortlich.

Anstachelung zum Rassenhass

Es gebe viele Voraussetzungen, die erfüllt sein müssten, um aus einem Menschen einen gewaltbereiten Terroristen zu machen, der das Leben seiner Mitmenschen bewusst auslöscht, erklärt Anthony Glees in seiner Studie. "Eine dieser Voraussetzungen kann der Zugang zu Ideen sein, die den Terror rechtfertigen."

Die Federation of Student Islamic Societies (Fosis), die 90.000 islamische Studenten an britischen Unis vertritt, stellte die Studie in Frage. "Ich bin schon an vielen Hochschulen gewesen, und ich habe nie diese Form von Extremismus gesehen, von der hier gesprochen wird", sagte Fosis-Präsident Wakkas Kahn. "Diese Gruppen sitzen nicht mit einem Schild herum und rekrutieren Terroristen."

Eine Ausnahme sei jedoch die Gruppe Hizb ut-Tahrir. Die islamische Studenten-Vereinigung, die in Deutschland und Holland verboten ist, weil sie im Verdacht steht, extremistische Ideen zu predigen, wird auch von der nationalen britischen Studentenvereinigung NUS geächtet. Hizb ut-Tahrir sei "verantwortlich für die Unterstützung von Terrorismus und die Veröffentlichung von Material, das zum Rassenhass anstachelt", erklärte die NUS.

Forscher will akademische Rasterfahndung

In ihrer Reaktion auf die Ergebnisse der Untersuchung forderte Bildungsministerin Ruth Kelly am Donnerstag die britischen Hochschulen auf, auf extremistische Tendenzen bei ihren Studenten zu achten. "Meinungsfreiheit darf nicht bedeuten, dass inakzeptables Verhalten hingenommen wird", erklärte die Ministerin vor Hochschulrektoren, wie die "Times" berichtet.

Forscher Glees hat dafür schon genaue Vorstellungen. Er schlägt vor, dass die Universitäten das Leben ihrer Studenten ganz genau unter die Lupe nehmen. Die Uni sollte in Zukunft aufzeichnen, in welchen Vereinen und Gruppen sich die Studenten engagieren. In extremen Fällen sollte die Universität auch Demonstrationen oder Aktionen auf dem Campus sanktionieren. Dabei sollten jedoch nicht nur muslimische Studenten in das Fadenkreuz der Terrorprüfer genommen werden, sondern alle.

Bei vielen Briten weckt der Vorschlag dunkle Erinnerungen an den kalten Krieg der Nachkriegszeit, als Kommunisten im Generalverdacht standen. Entschieden ist über die Big-Brother-Uni noch nicht.

Doch Wakkas Kahn von Fosis geht schon jetzt auf die Barrikaden. "So eine Überwachung würde den Grundsatz der Meinungsfreiheit brechen", erklärte er. Viel wichtiger seien seiner Meinung nach eine offene Diskussion und die Verständigung mit den islamischen Gruppen. "Überhaupt, wenn es so simpel wäre, wären die vier Typen in London sicher geschnappt worden."



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