Britische Unis Eine Klasse für sich

Britische Kaderschmieden gelten als elitär und enorm traditionsfest. Nun gibt es Streit um eine taube Einserschülerin: In Oxford wurde das 19-jährige Mathe-As abgelehnt, erhält aber bei der Konkurrenz in Cambridge eine zweite Chance. Die Auswahlkriterien der Nobel-Unis sind ins Gerede gekommen.

Von Kristina Wahl


Uni Oxford: Umstrittene Kriterien
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Uni Oxford: Umstrittene Kriterien

Das Schicksal von Anastasia Fedotova beschäftigte bereits im letzten Jahr die britische Öffentlichkeit. Trotz Spitzennoten hatte die Renommier-Uni Oxford der tauben 19-jährigen nach einem persönlichen Auswahlgespräch den Studienplatz verweigert. Und prompt warfen die Medien Großbritanniens ältester Uni Behindertendiskriminierung vor.

Nach einem Jahr Vorbereitung war das Mathe-As nun in Cambridge erfolgreich und kann voraussichtlich ab dem nächsten Semester am dortigen Trinity College studieren. Zuvor muss Anastasia Fedotova allerdings noch eine weitere schriftliche Prüfung bestehen.

Sechs Abiturfächer, sechs Mal die Höchstnote

Die Entscheidung des Brasenose College in Oxford, die gebürtige Russin damals nicht aufzunehmen, löste auf der britischen Insel einen Sturm der Entrüstung aus. Hauptvorwurf an die Verantwortlichen in der Themsestadt: Das Auswahlverfahren habe der jungen Frau nicht erlaubt, ihre Fähigkeiten angemessen unter Beweis zu stellen.

Uni Cambridge: Ein Herz für Taube
Mark Mniszko

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Die Uni Oxford, an der gerade Bill Clinton als künftiger Präsident im Gespräch ist, widersprach allerdings energisch: Man habe sich bei ihrer ehemaligen Schule erkundigt, welche zusätzlichen Hilfsmittel Fedotova benötige, und ihr Handicap angemessen berücksichtigt. Acht andere Kandidaten wurden der behinderten Bewerberin vorgezogen. Sie sei fachlich schlicht nicht gut genug gewesen, um sich gegen die harte Konkurrenz durchzusetzen, heißt es in der Stellungnahme aus Oxford.

Ihr ehemaliger Schulleiter in Manchester, Sir Ian Hall, kann sich das indes nicht vorstellen. Fedotova hatte in allen sechs Abiturfächern die Höchstnote erreicht - obwohl sie erst im Alter von sieben Jahren sprechen lernte und erst seit sechs Jahren in England lebt. Sie eine der talentiertesten Nachwuchsmathematikerinnen und ein Allroundtalent überhaupt, sagt Hall.

Der Vorwurf, dass sich die britischen Elite-Unis ausgesprochen elitär verhalten, ist nicht neu. So fordert die Disability Rights Commission, die sich für die Gleichstellung behinderter Menschen einsetzt, eine unabhängige Überprüfung der Auswahlkriterien in Oxford. Erst im September 2002 wurde ein neues Anti-Diskriminierungsgesetz eingeführt, das eine Benachteilung behinderter Menschen beim Hochschulzugang verhinfdern soll. Und ein anderes Gesetz von 1995 ermöglicht auch Gehörlosen, wegen Diskriminierung am Arbeitsplatz zu klagen.

Die Plätze an den britischen Kaderschmieden sind überaus begehrt. Neben Vorbehalten gegenüber Behinderten wird ihnen vielfach auch vorgeworfen, dass die oberen Zehntausend dort lieber unter sich blieben - und dass Studieninteressenten von staatlichen Schulen statt von den teuren Privatschulen dort ohnehin chancenlos seien.

Ein Reservat für die High Society?

Dem Verdacht des Klassendenkens will nun die Regierung entgegentreten. Sie hatte eine universitäre Studie in Auftrag gegeben, der zufolge exzellente Schulnoten nicht mehr das einzige Kriterium für eine Uni-Zulassung sein sollen. Künftig sollen Schüler von "benachteiligten" Highschools selbst dann von Universitäten aufgenommen werden, wenn sie schlechtere Noten haben als andere Bewerber, die von "guten" Schulen kommen, heißt es ein der Untersuchung.

Bill Clinton: Als Uni-Präsident in Oxford im Gespräch
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Die Dachorganisation britischer Universitäten fordert die Hochschulen auf, stärker nach dem "versteckten Potential" der Kandidaten zu fahnden. Neben den Noten sollen zum Beispiel auch die Motivation und die Fähigkeit zur Selbstorganisation zählen. Die Privatschulen halten Vorschlag, der Chancengleichheit ein wenig nachzuhelfen, allerdings für leistungsfeindlich: "Damit ginge an die Schulen das Signal, dass alle Anstrengungen letztlich vergebens sind", protestierte ein Sprecher der Privatschulen.



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