Britische Unis Kriegsforschung auf dem Campus

Bei der Rüstungsforschung ist Großbritannien Weltspitze. Teure Projekte lassen Hochschulen sich gern von der Waffenindustrie finanzieren. Professoren wie Studenten sind da schmerzfrei - moralische Bedenken finden sie zumeist abwegig.

Von Khuê Pham, London


Am University College London (UCL) läuft der Hochschulbetrieb auf den ersten Blick wie an jeder deutschen Uni auch. Im fünften Stock des Londoner Instituts diskutieren Maschinenbau-Studenten in den Seminarräumen, die Produkte ihrer Arbeit sind auf dem Flur zu bewundern: Wie Trophäen thronen dort Modelle von Schiffen in großen Glaskästen, die technische Fakultät ist stolz auf ihren guten Ruf. Doch das UCL ist nicht nur eine renommierte Adresse für angehende Ingenieure und Physiker - es ist auch ein Forschungszentrum der Waffenindustrie.

Student Alex Endlein: "Wir entwickeln ja nur das Schiff"
Khuê Pham

Student Alex Endlein: "Wir entwickeln ja nur das Schiff"

Kürzlich belegte die Vorzeige-Uni Platz fünf einer Rangliste von 26 britischen Hochschulen, die Militärprojekte entwickeln – aber das will man hier lieber nicht an die große Glocke hängen. "Sorry", sagt ein Fakultätsmitglied SPIEGEL ONLINE, "ich arbeite nebenbei fürs Verteidigungsministerium, wir reden nicht über unsere Zusammenarbeit mit den Universitäten."

Dass sein Zweit-Arbeitgeber einer der wichtigsten Geldquellen für die technischen Studiengänge ist, verschweigt er gleich mit: Die Verzahnung von Militär und Hochschulforschung ist kontrovers und undurchsichtig, das Zusammenspiel von Waffen, Wissen und Geld eine Angelegenheit, von der alle Beteiligten profitieren.

Wie eng britische Unis mit dem Militär kooperieren, zeigt eine aktuelle Studie von zwei großen Friedensorganisationen: Dem Bericht "Study War No More" zufolge liefen zwischen 2001 und 2006 mehr als 1900 militärische Forschungsprojekte an 26 Universitäten. Ihr geschätzter Wert beträgt 970 Millionen Euro, die Finanzierung stammt größtenteils von Rüstungskonzernen wie BAE Systems, militärischen Forschungseinrichtungen und dem Verteidigungsministerium. Die ehemalige Imperialmacht ist Weltspitze, wenn es um die Entwicklung von Kriegstechnologie geht - nur die USA investiert noch mehr in Rüstungsforschung.

Kein Platz für ethische Fragen

Tim Street hat den Bericht für die Anti-Kriegs-Organisation Campaign Against Arms Trade geschrieben. Über das "Outsourcing von Militärforschung" schimpft er: "Die Rüstungsfirmen halten ihre Kosten niedrig und haben Zugang zu hervorragenden Forschungsressourcen. So können sie ihre Profite steigern." Für den Aktivisten mit Wollpullover und Wuschelkopf ist das Militär der Feind von freier Forschung, denn mit den Geldern der Rüstungsindustrie hielten Kommerzialisierung und Geheimniskrämerei an den Universitäten Einzug.

Doch genau diese Undurchsichtigkeit macht es schwer zu ermitteln, welche der geförderten Studentenprojekte letztlich zu Verteidigungsprodukten werden. Die an Universitäten entwickelten Radarsysteme, Schiffsträger oder Verbrennungsmotoren sind meist nicht explizit militärisch – sie bilden lediglich die Grundlagenforschung für die Entwicklung von Kriegstechnologie wie etwa Militärschiffen oder Sicherheitssystemen. Da die Anwendung oft nicht abzusehen und technische Forschung teuer ist, nehmen viele Professoren und Studenten die Gelder der Waffenindustrie dankbar an.

Moralische Bedenken wie die von Tim Street sind den meisten fremd. "Es geht doch nicht darum, zwischen Gut und Schlecht zu wählen, sondern zwischen dem größerem und kleinerem Übel", argumentiert Gwyn Prins, der an der London School of Economics geopolitische Trends analysiert und früher im Forschungszentrum des Verteidigungsministeriums gearbeitet hat. "Eine Gesellschaft muss sich nun mal gegen ihre Feinde verteidigen und dafür in die Entwicklung von Technologien investieren, deren Funktion das Töten ist."

"Das ist die patriotische Pflicht von Studenten"

Die innovative Forschung der Universitäten sei dafür besonders wichtig. "Studenten, die an verteidigungsrelevanten Projekten arbeiten, leisten einen direkten Beitrag zur Sicherheit unseres Landes", sagt der Professor nicht ohne Stolz, "meiner Meinung nach ist das ihre patriotische Pflicht." Er habe damit keinerlei moralische Probleme - "ganz im Gegenteil".

Ob die Studenten bei der Entwicklung ihrer Physik- oder Maschinenbauprojekte die Verteidigung des Landes im Kopf haben, ist allerdings fraglich. Im fünften Stock der UCL bereiten sich Alex Endlein und Thomas Rost gerade auf ihre Seminare vor. Sie sagen: "Ethische oder politische Fragen werden bei uns nicht diskutiert."

Wozu auch? Die Zusammenarbeit mit dem Militär hat laut Endlein, der einen Master in Schiffbau macht, vor allem Vorteile: "Wir bekommen Gelder für Materialien, neue Kontakte, und unsere Forschung ist immer auf dem Stand." Der Brasilianer erzählt, dass sich seine Fakultät auf den Entwurf von Militärschiffen spezialisiert und ein Labor komplett von der Kriegsmarine finanziert bekommen habe.

Ein schlechtes Gewissen hat er deswegen nicht: "Wir entwickeln ja nur das Schiff", sagt er SPIEGEL ONLINE, "mit der Entscheidung, was damit passiert, haben wir nichts zu tun." Sein Kommilitone sieht die Sache allerdings anders. "Ich will die Waffenindustrie mit meiner Arbeit nicht unterstützen", sagt Thomas Rost, der aus Deutschland kommt und in London Maschinenbau studiert. Für ihn steht fest: "Mit dem Militär will ich nichts zu tun haben."

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