Britischer Bildungsminister Gove Der Selfmade-Minister

Michael Gove spaltet Großbritannien: Die einen feiern ihn als Retter des staatlichen Schulsystems, andere beschimpfen ihn als Reaktionär. Der Politiker hat ehrgeizige Pläne für Schulkinder: mehr Prüfungen, mehr Disziplin und weniger Ferientage.

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Michael Gove ist auf einer Mission. Wenn der britische Bildungsminister von seiner Schulreform redet, dann benutzt er gern das Wort "historisch". Vergangene Woche predigte er wieder vor einem Fachpublikum in Ost-London: Die "Berliner Mauer" zwischen staatlichen und privaten Schulen müsse endlich fallen.

Der 46-jährige Tory-Politiker klagt, seine Landsleute hätten sich leider damit abgefunden, dass die meisten staatlichen Sekundarschulen schlecht seien. Den Eltern bleibe häufig nur die Flucht - in ein besseres Viertel oder gleich auf die Privatschule.

Diesen Zustand will Gove nicht hinnehmen. Seit seinem Amtsantritt im Mai 2010 lässt der umtriebige Minister Lehrpläne umschreiben und alte Strukturen aufbrechen.

Die Liste der Neuerungen ist lang:

  • Mehr Entscheidungsfreiheit für die Schulleitung und mehr Mitsprache für die Eltern: Staatliche Schulen werden traditionell von den Kommunen verwaltet. Sie können jedoch eine Umwandlung zur "Academy" beantragen. Die Schulen sind dann direkt dem Bildungsministerium unterstellt, und die Schulleitung darf selbst über Budget, Lehrplan und sogar die Länge der Ferien bestimmen. Mehr als die Hälfte aller Sekundarschulen besitzen bereits den Academy-Status, der einst unter Labour-Premier Tony Blair eingeführt worden war. Zusätzlich gibt es als Tory-Neuerung die sogenannten "Free Schools": Eltern können jetzt eigene Schulen nach ihren Vorstellungen gründen, die Finanzierung übernimmt der Staat.

  • Mehr Disziplin: Lehrer dürfen schärfere Sanktionen gegen störende Schüler verhängen, ohne die Eltern vorher zu informieren. Der Katalog reicht von Strafarbeiten über Ausschluss vom Klassenausflug bis hin zum Fegen des Schulhofs. Einige Sanktionen, wie etwa das mehrfache Abschreiben eines Satzes, sind allerdings selbst konservativen Kommentatoren zu altmodisch.

  • Klassisches Bildungsideal: Der Geschichtsunterricht ist ein besonderes Steckenpferd des Historikers Gove. Die Kinder müssten wieder die Könige von England benennen können, argumentiert er. Auch die Antike und Latein sind ihm wichtig.

  • Längerer Schultag: Dies könnte ein Wahlkampfschlager der Konservativen für die Unterhauswahl 2015 werden. Gove will durchsetzen, dass Schulen von 9 bis 18 Uhr geöffnet sind. Ferien sollen auf 10 Wochen im Jahr begrenzt werden. Der Minister denkt dabei an die arbeitenden Eltern, aber auch an die Kinder: Ihr Alltag könne durch mehr Zusatzaktivitäten "bereichert" werden. Unklar ist allerdings, wie diese Ausweitung finanziert würde.

  • Tests, Tests, Tests: Das ohnehin verschulte englische System will Gove um eine weitere Prüfung ergänzen. Die an Privatschulen übliche Aufnahmeprüfung will Gove auch für alle 13-Jährigen in staatlichen Schulen einführen.

Mit seinen Ideen sorgt Gove regelmäßig für Wirbel. Während seine Anhänger ihn als mutigen Reformer preisen, ist der Minister bei vielen Lehrern und der Labour-Opposition eine Hassfigur. Sie halten ihn für einen Ideologen, der das Schulsystem privatisieren will.

Der nächste Tabubruch ist bereits geplant

Vor allem die "Free Schools" sind umstritten: Sie förderten den Rückzug der gebildeten Mittelschicht aus den normalen Stadtteilschulen und verschärften so die Segregation, argumentieren Kritiker. Die Stadtteilschulen würden zu bloßen Restschulen, in denen sich die Lernprobleme verschärften.

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Britische Free Schools: Papa und Mama sagen, wo es langgeht
Aus Goves Sicht hingegen fördern die "Free Schools" den Wettbewerb und erhöhen die Leistungen im gesamten Sektor. Der Ansturm auf die neuen Schulen zeigt, dass viele Eltern das Angebot dankbar annehmen.

Doch der nächste Tabubruch ist bereits geplant: Geht es nach Gove, sollen künftig auch profitorientierte Unternehmen die "Free Schools" verwalten dürfen. Damit würde ein Teil der Steuergelder für Bildung als privater Gewinn abgezweigt. Kommunen und Lehrergewerkschaften warnen vor dem Einzug des Gewinndenkens. Dies führe nur dazu, dass Lehrer schlechter ausgebildet und schlechter bezahlt werden.

Als Kampfansage wird auch das "Schools Direct"-Programm empfunden: Der Tory will Quereinsteiger aus der Wirtschaft als Lehrer gewinnen. Interessenten wird ein einjähriger Crash-Kurs im Klassenraum angeboten. Dies könne eine klassische Lehrer-Ausbildung nicht ersetzen, warnen die Gewerkschaften.

Nicht Geld, sondern Einstellung zählt

Der Aufschrei der Bildungslobby spornt Gove nur an: Der Tory gefällt sich in seiner Rolle als radikaler Kämpfer gegen das Establishment. Motiviert ist er auch durch seinen eigenen Lebenslauf. Er wuchs in einem bescheidenen Haushalt in Schottland auf, seine Eltern waren traditionelle Labour-Wähler. Er brillierte im Unterricht, seine Lehrer schwärmen bis heute von dem wissbegierigen Musterschüler.

Nach dem Abschluss bekam er den Ritterschlag der englischen Gesellschaft: Er durfte zum Studium nach Oxford. Diesen Ehrgeiz will er in jedem Schüler verankern.

Doch stößt Goves Ankündigung, staatliche Schulen auf das gleiche Niveau wie die privaten zu hieven, auf Skepsis. Solange die Privaten im Schnitt 11510 Pfund pro Schüler pro Jahr ausgeben, der Staat aber nur 6350 Pfund, sei eine Kluft unvermeidlich, argumentieren Kritiker. Gove kontert: "Nicht auf das Geld, auf die Einstellung kommt es an".



insgesamt 20 Beiträge
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volker_morales 10.02.2014
1. Herrlich!
Bei den Konservativen ist man immer dann erfolgreich, wenn man besonders rücksichtslos mit den sozial Schwachen umgeht. Banker, die rücksichtslos ihren persönlichen Profit maximieren sind dagegen unantastbar. Wahrscheinlich weil sie die englischen Könige aufzählen können.
citizen_kane 10.02.2014
2. Menschen, die anderen Sekundärtugenden predigen, ...
.... waren mir schon immer suspekt.
olle kalle 10.02.2014
3. Tja
Das kommt dabei raus, wenn Menschen meinen sie könnten etwas zu pädagogischen Themen herausgröhlen, ohne Pädagoge/in zu sein. Das ist hier doch genau die gleiche Sauce...
Hamstedt 10.02.2014
4.
"Der Katalog reicht von Strafarbeiten über Ausschluss vom Klassenausflug bis hin zum Fegen des Schulhofs" Ich besuche aktuell ein Düsseldorfer Gymnasium, da sind solche Maßnahmen Gang und Gebe
butalive76 10.02.2014
5. Instrumente aus den 50ern
Wie wär es mit individueller Unterstützung jedes einzeln bzgl. Stärken, Schwächen und Erziehung? Instrumente aus den 50ern helfen nicht weiter, machen nur angepasste Befehlsentgegennehmer.
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