Buchtipp Verkrachte, schöne Existenz

Jetzt schreibt sie auch noch: Christiane Rösinger sang bei den Bands Lassie Singers und Britta, ihr erstes Buch heißt "Das schöne Leben". Die Kreuzberger Tresenveteranin erzählt entspannt über den Weg vom badischen Spargeldorf nach Berlin - und das Leben der Boheme.

Von Merlind Theile


Als die "Generation Praktikum" berühmt wurde, dauerte es nicht lange, und der Soundtrack zu diesem Dasein erschien. "Ist das ein Leben, oder ist es ein Exposé", sang Christiane Rösinger, die Frontfrau der Berliner Band Britta, und traf damit den Nerv jener Klientel, die sich zwischen Projekten, Bewerbungen und der Hoffnung auf einen sicheren Job aufreibt.

"Es ist nicht alles schlecht. Es könnte schlimmer sein. Das Leben ist doch manchmal recht schön"

"Es ist nicht alles schlecht. Es könnte schlimmer sein. Das Leben ist doch manchmal recht schön"

Sie weiß, wovon sie singt, denn Rösinger, 44, ist selbst eine prekäre Existenz. Wie sie dazu wurde, erzählt sie in ihrem ersten Buch "Das schöne Leben". Rösingers Weg begann in einem badischen Spargeldorf, wo sich die Vollzeit-Hausfrauen feiertags um Kopf und Kragen buken, während ihre Männer im Wirtshaus üble Laune ausdünsteten. Die von Kuchenstress und Schnapsstarre beherrschte Heimat wurde der musikalischen Heldin natürlich bald zu eng. Ihr Flucht- und Lebensplan: "Ich muss hier weg, nach Berlin ziehen, eine Band suchen."

Mitten in den straßenkämpferischen Achtzigern landete Rösinger also im wilden Westen der geteilten Stadt, in Kreuzberg, dem Hort verkrachter Typen. Echte Berliner, schreibt Rösinger, gab es bestenfalls bei den Verkehrsbetrieben, beim Arbeitsamt und bei der Polizei. "Wie jeder weiß, wohnten damals nur zugezogene Drogensüchtige, Hausbesetzer, Wehrdienstleistende und Autonome in der Stadt." Und die türkischen Zuwanderer hielten den Laden versorgungstechnisch am Laufen.

Rösinger machte es sich gemütlich in dieser Welt, in der man lange ausging, lange schlief und dazwischen ein bisschen kreativ war. Als "Leben im Liegen" beschreibt sie ihre Existenz, wechselnde Brotjobs hielten sie über Wasser. Den "bohemian lifestyle" pflegten sie und die Kollegen ihrer ersten Band "Lassie Singers" schon lange, bevor das Prekäre auch die Mittelstandskinder erreichte. Die materielle und berufliche Unsicherheit der "Generation Praktikum" wirkt da nur noch wie ein Nachklapp, die Avantgarde hieß Rösinger.

Entsprechend amüsiert-überlegen blickt die Kreuzberger Tresenveteranin auf den Berlin-Hype der Nachwendejahre. Geheime Partys in Abbruchhäusern, Projektgeschwafel in szenigen Cafés am Prenzlauer Berg? Für Neuberliner hip, für Rösinger nichts Neues. Miesepetrig wird sie durch dieses Déjà-vu aber nicht. Ihr Ton ist nie böse, sondern höchstens lakonisch, vor allem aber witzig und voller Selbstironie. Ihr Buch macht gute Laune, zumal die erklärte Misanthropin am Schluss ganz versöhnlich wird: "Es ist nicht alles schlecht. Es könnte schlimmer sein. Das Leben ist doch manchmal recht schön."


Christiane Rösinger: "Das schöne Leben". Fischer Taschenbuch Verlag, Frankfurt am Main; 208 Seiten; 8,95 Euro.



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