Bundespräsidentenwahl Bambi im Reichstag

Wenn am 23. Mai das höchste Amt in Deutschland neu vergeben wird, entscheiden auch einige junge Nachwuchspolitiker mit - für die Schüler und Studenten eine "ganz arge Ehre". Sie werden von den Parteien vorgeschickt, um bei Jungwählern zu punkten.

Von Christian Fuchs


"Das Szenario nicht den Alten überlassen": PDS-Wahlfrau Katalin Gennburg

"Das Szenario nicht den Alten überlassen": PDS-Wahlfrau Katalin Gennburg

"Manche Seminarthemen eignen sich gut als Antrag im Landtag", sagt Christian Lindner. Der 25-jährige FDP-Abgeordnete im nordrhein-westfälischen Landtag studiert Politikwissenschaft, Philosophie und Jura. Nebenbei berät er Unternehmen und gibt Fachbücher heraus. Trotzdem musste Lindner als jüngster Abgeordneter im Düsseldorfer Landtag oft erleben, dass er als "Bambi" nicht ernstgenommen wurde. Das wurmt ihn. Darum boxte er sich durch, als die FDP-Fraktion 13 Wahlmänner auswählte, die mit nach Berlin fahren durften. Lindner darf.

Dieser Ehre teilt er mit Katalin Gennburg, mit der er ansonsten wenig gemein hat - sie gehört der PDS an. Auch die Abiturientin aus dem brandenburgischen Falkensee musste sich des Öfteren anhören, dass sie nur als junge Quotenfrau aus dem Osten für die Bundesversammlung nominiert wurde. Glücklicherweise sprach ein Parteioberer ein Machtwort: Katalin sei nicht nur nominiert, weil "sie jung und weiblich ist, sondern weil sie auch was im Kopp hat". Jetzt ist sie eine von 31 PDS-Wahlmännern und Wahlfrauen in der Bundesversammlung.

"Was im Kopp"

Seit den Kommunalwahlen im vergangenen Jahr sitzt Gennburg im Stadtrat ihrer Heimatstadt. Als sie gewählt wurde, war sie gerade 19 Jahre alt und besuchte die zwölfte Klasse. Als Wahlfrau bewarb sie sich bei der PDS-Landtagsfraktion. "Ich wollte das Szenario nicht den Alten überlassen", sagt Gennburg.

"Kleines Licht bei der Wahl": CDU-Wahlmann Cedric Bickel

"Kleines Licht bei der Wahl": CDU-Wahlmann Cedric Bickel

Die meisten der 1205 Wahlmänner und -frauen, die am 23. Mai mitentscheiden, wer neuer Bundespräsident wird, sind gestandene Bundestagsabgeordnete, altgediente Parteisoldaten oder verdiente Unternehmer. Nur einer Handvoll junger Menschen wird die Ehre zuteil mitzubestimmen, wer das höchste Amt im Staate für die nächsten fünf Jahre ausfüllen soll.

Eine der Ausnahmen ist Cedric Bickel: Er wird am Tag der Bundespräsidentenwahl 18 Jahre, 3 Monate und 12 Tage alt sein und ist damit der jüngste Wahlmann in der Bundesversammlung. Im thüringischen Zella-Mehlis hat Bickel die Junge Union mitbegründet und für den Erhalt eines Gymnasiums gekämpft.

Der jüngste Wahlmann verehrt Adenauer

Er findet es "ganz lustig, als kleines Licht bei der Wahl dabei sein zu dürfen". Ganz unverhofft wurde er von der CDU angerufen. Seine Parteifreund suchten einen jungen Wahlmann, um einen anderen Kandidaten zu ersetzen - der war am Tag der Nominierung noch nicht einmal volljährig.

"Ganz arge Ehre": Grünen-Wahlfrau Anne Kißling

"Ganz arge Ehre": Grünen-Wahlfrau Anne Kißling

Dem jüngsten Kandidaten winken Aufmerksamkeit und Medieninteresse. Deshalb wirkt Cedric Bickel auch ziemlich routiniert. Einige Interviews hat er schon gegeben. Die eigene Website zur Bundesversammlung verrät alles über ihn, vom Lieblingsbier bis zum politischen Idol - Konrad Adenauer.

Anne Kißling findet es gut, dass die Parteien mit dem Alter der Wahlmänner und Wahlfrauen punkten wollen. Sonst hätte die 22-jährige Studentin wohl kaum eine Chance auf einen spannenden Tag im Plenarsaal des Bundestages gehabt.

Die E-Mail war kein Scherz

Kißling, Geschäftsführerin der Grünen Jugend in Baden-Württemberg, wurde von den Grünen in Baden-Württemberg abgestellt, neben der Schauspielerin Nina Hoss und den grünen Fraktions- und Parteivorsitzenden aus dem Ländle. Von der "ganz argen Ehre" erfuhr die Pädagogik- und Politikstudentin per E-Mail. "Zuerst habe ich es für einen Scherz gehalten und erst mal im Politiklexikon nachgeschaut, ob das überhaupt möglich ist", sagt sie.

Grafik: Wahl des Bundespräsidenten
DDP

Grafik: Wahl des Bundespräsidenten

Von einer späteren Karriere als Politiker träumen nur die wenigsten der jungen Wahlmänner und Wahlfrauen. Anne Kißling möchte lieber Politiker beraten, als selbst in der ersten Reihe zu stehen. Christian Lindner möchte gern Unternehmer werden. Katalin Gennburg will erst einmal Kunst studieren und viel auf Reisen gehen. Cedric Bickel hat sich für eine Offizierslaufbahn entschieden.

Als Bundespräsident etwas für das eigene Land zu tun, können sich die jungen Wahlmänner und Wahlfrauen aber durchaus vorstellen. Allerdings müssen sie sich bis dahin noch etwas gedulden - um selbst gewählt zu werden, muss man ein bestimmtes Alter erreichen...

...aber welches? Diese und andere knifflige Fragen im SPIEGEL-ONLINE-Test: "Haben Sie das Zeug zum Wahlmann oder zur Wahlfrau?"

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