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26. Mai 2013, 16:53 Uhr

Politiker ohne Studienabschluss

Ähm, ja, wir haben abgebrochen

Ein Studienabbruch macht sich nicht unbedingt gut im Lebenslauf, finden zahlreiche Bundestagsabgeordnete. Deswegen umschreiben sie ihn lieber. In der "Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung" geben einige jetzt zerknirscht zu: Ja, dieser Makel gehört zu mir.

Der eine verweigert die Aussage, der andere lässt hartnäckig seinen Eintrag bei Wikipedia säubern, der Dritte gesteht zerknirscht: Ja, er habe abgebrochen. Ein Studium ohne Abschluss versuchen viele Politiker lieber zu verbergen: "Es ist schon ein Makel, den man mit sich herumträgt", sagte Dietmar Nietan der "Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung" ("FAS"). Er sitzt für die SPD im Bundestag, ist 48 Jahre alt, hat zwölf Jahre Biologie studiert - und keinen Abschluss. Das Schicksal teilt er mit 35 weiteren Bundestagsabgeordneten, schreibt die Zeitung, das entspricht 5,6 Prozent der Abgeordneten.

Den größten Abbrecher-Anteil haben laut "FAS" die Grünen im Bundestag (8,8 Prozent), die FDP folgt mit sieben Abbrechern (7,5 Prozent), SPD mit zehn (6,8 Prozent), die Linke mit vier (5,3 Prozent) und CDU/CSU-Fraktion mit acht Abbrechern (3,6 Prozent).

Das nicht beendete Studium erwähnt natürlich keiner gern in seinem Lebenslauf. Die Abgeordneten schreiben stattdessen lieber "Studium der Volkswirtschaftslehre in Osnabrück und der Landespflege, Geschichte, Politikwissenschaft und Soziologie in Essen", wie beispielsweise der SPD-Abgeordnete Frank Schwabe. Einen Abschluss vermerken sie nicht; ein Trick, den natürlich nicht nur Politiker beherrschen. Jan Mücke, FDP, ehemaliger Jura-Student, findet das sauber: "Es ist doch bei Juristen offensichtlich, wenn die Staatsexamina fehlen. Ich finde das sehr transparent", sagte er der Zeitung.

Der SPD-Mann Schwabe gibt zwar zu, dass es ehrlicher wäre, "ohne Abschluss" zu schreiben. In seinem Wikipedia-Eintrag sieht er - oder zumindest seine Mitarbeiter - diese Information trotzdem nicht gern. Nutzer nehmen den Studienabbruch immer wieder in seine dortige Biografie auf, und immer wieder verschwindet er. "Mein Büro hat das immer wieder geändert", sagte Schwabe. Jetzt, nach Erscheinen des "FAS"-Artikels, steht der Hinweis wieder im Text.

"Ich hätte es zu Ende bringen sollen"

Und wie denken die Politiker heute über ihren Abbruch? Der "Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung" sagten sie:

Dabei befinden sich die Damen und Herren Politiker in guter Gesellschaft: Steve Jobs hat abgebrochen, Bill Gates, Mark Zuckerberg, Günther Jauch, Uli Hoeneß, Anke Engelke, Barbara Schöneberger und Alice Schwarzer. Vielleicht sollten die betroffenen Politiker also den Rat ihres Kollegen Omid Nouripour, von der "Bild"-Zeitung einst als Abbrecher geoutet, beherzigen: "Heute bin ich der Meinung, dass ein Politiker damit nicht verschämt umgehen sollte."

fln

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