Bundeswehr-Universitäten Campus der Kameraden

Terroristen zu foltern sei legitim, sagte ein Professor der Münchner Bundeswehr-Universität und brachte damit seinen Arbeitgeber ins Gerede. Die beiden deutschen Offiziersschmieden bangen um ihren guten Ruf. SPIEGEL ONLINE hat sich an der Helmut-Schmidt-Universität in Hamburg-Wandsbek umgesehen.

Von Oliver Voß


Historiker Wolffsohn: "Folter legitim, jawohl"
DDP

Historiker Wolffsohn: "Folter legitim, jawohl"

Wenn man mit Gentleman-Methoden den Terrorismus bekämpfen wolle, werde man scheitern, hatte Michael Wolffsohn, Professor an der Münchener Bundeswehr-Universität, in einem Interview mit der n-tv-Talkerin Sandra Maischberger gesagt: "Als eines der Mittel gegen Terroristen halte ich Folter oder die Androhung von Folter für legitim. Jawohl." Der forsche Historiker muss für diese Äußerungen bei Verteidigungsminister Peter Struck zum Rapport antreten - und löste gleichzeitig eine Debatte über die Lehrinhalte an den Universitäten der Bundeswehr aus. "Darf ich Sie fragen, ob Ansichten dieser Art zum Lehrinhalt an Universitäten der Bundeswehr zählen?", schrieb der CDU-Bundestagsabgeordnete Willy Wimmer in einem Brief an Struck. Der SPD-Abgeordnete und Verteidigungsexperte Johannes Kahrs forderte am Mittwoch die Entlassung Wolffsohns.

Wolffsohn stehe mit seiner Meinung zum Mittel der Folter allein, versichern unterdessen Hochschullehrer an den beiden Kaderschmieden der Bundeswehr. "Diese Auffassung kann Herr Wolffsohn mit der grundgesetzlich geschützten Meinungsfreiheit als Privatperson und im Rahmen der Freiheit von Forschung und Lehre auch als Professor vertreten", erklärt Hans Georg Lößl, Präsident der Münchner Bundeswehr-Universität, gegenüber SPIEGEL ONLINE. Die Äußerungen seien jedoch nicht Gegenstand von Wolffsohns Lehrtätigkeit.

Deutliche Distanzierung des Uni-Präsidenten

Er selbst lehne das Mittel der Folter entschieden ab und distanziere sich ausdrücklich als Privatperson und Universitätspräsident von Wolffsohns Meinung, betonte Lößl: "Es ist dem Ruf einer Bundeswehr-Universität, wo ja junge Soldatinnen und Soldaten unterrichtet werden, nicht zuträglich, wenn hier über das derzeit stark diskutierte Thema Folter in dieser Weise gesprochen wird."

Paradiesische Studienbedingungen: Helmut-Schmidt-Universität in Hamburg
SPIEGEL ONLINE

Paradiesische Studienbedingungen: Helmut-Schmidt-Universität in Hamburg

Auch bei Lehrenden am zweiten Universitätsstandort in Hamburg stoßen die Aussagen Wolfssohns auf Unverständnis. "Völlig indiskutabel", nennt Politikwissenschaftlerin Annette Jünemann den Einsatz jeglicher Foltermethoden. Mit einem solchen "Tabubruch" mache sich der Rechtsstaat unglaubwürdig. Ihr Kollege Wolfgang Gessenharter, ebenfalls Politikprofessor, sagt: "Die Aussage von Herrn Wolffsohn widerspricht den zentralen Grundsätzen der an der Verfassung ausgerichteten Ausbildung unserer Studierenden im Rahmen des Leitbildes vom Staatsbürger in Uniform." Jünemann, die zuvor in Kassel und München lehrte, fürchtet eine negative Wirkung des Falles für das Image der Bundeswehr-Universitäten.

Dabei sei das Klima an ihrer Universität ausgesprochen gut, die Studenten seien sehr motiviert, unterstreicht die Professorin. Die militärischen Erfahrungen der Studenten wirkten sich positiv auf aktuelle politische Diskussionen aus. "Die Studenten hier sind von Fragen um den Irak-Krieg oder den Afghanistan-Einsatz viel stärker betroffen und können sich besser in entsprechende Situationen hineinversetzen", meint Jünemann. "Dadurch gibt es sehr, sehr kritische Auseinandersetzungen. Die Soldaten sind zum Teil ziviler als mancher Zivilist."

Schlaraffenland der Bildung

Die Hamburger Universität der Bundeswehr liegt im Bezirk Wandsbek. Die einstige Kaserne wurde im Jahr 1973 zur Universität umfunktioniert, als der damalige Verteidigungsminister und spätere Kanzler Helmut Schmidt auf eine Reform der Offiziersausbildung drängte. Seit Dezember 2003 trägt die Hochschule auch seinen Namen: Helmut-Schmidt-Universität. Das Gelände ist gepflegt, der Rasen frisch gemäht. Jeder grüßt jeden auf dem Campus.

Oberleutnant Jarling: "Als ich anfing, wurde Deutschland noch nicht am Hindukusch verteidigt"
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Oberleutnant Jarling: "Als ich anfing, wurde Deutschland noch nicht am Hindukusch verteidigt"

Die Studenten diskutieren die Ereignisse im Irak - und machen sich Gedanken um die eigene Zukunft. "Als ich angefangen habe, wurde Deutschland noch nicht am Hindukusch verteidigt", sagt Sören Jarling. Der 27-jährige Oberleutnant ist seit 1996 bei den Feldjägern. Damals ging es vor allem um Inlandsverteidigung. "Häuser stürmen oder Personenschutz im Ausland, das war früher gar nicht Teil der Ausbildung", sagt Jarling, "nun lerne ich das von Leuten, die ich führen soll." Neue Aufgaben, neue Einsatzgebiete: "Leben in der Lage" heißt das in der Sprache der Militärs.

Sören Jarling hat sich für zwölf Jahre verpflichtet, das ist die Regel für Offiziere. Das Studium ist integraler Bestandteil der Ausbildung. Im Vergleich zu anderen Hochschulen sind die Bedingungen an den Bundeswehr-Universitäten traumhaft: Auf 1900 Studenten kommen in Hamburg 100 Professoren, an staatlichen Unis ist ein Verhältnis von 50:1 keine Seltenheit. Gelernt wird in Kleingruppen, in einem Seminar sitzen nicht mehr als 25 Leute. Die Bibliothek hat einen ausgezeichneten Ruf und lockt immer wieder Studenten der anderen Hamburger Hochschulen nach Wandsbek. Die Gäste machten oft große Augen und fühlten sich wie im Schlaraffenland der Bildung, erzählt der Bundeswehr-Nachwuchs.

Studenten in Uniform: Fall in Disziplinierungsloch?
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Studenten in Uniform: Fall in Disziplinierungsloch?

Das Hauptgebäude aus Glas und Stahl ist komplett klimatisiert, auf den Fluren liegt Teppich, in allen Ecken stehen Couchgarnituren aus schwarzem Leder. An den Wänden finden sich statt wild wuchernder Plakate Porträts von Verteidigungsminister Struck und Bundespräsident Rau. Bilder des künftigen Bundespräsidenten seien bereits bestellt, sagt ein Hochschulsprecher. Penible Ordnung auch auf den Toiletten - kein einziger Klospruch ziert die Wände.

Auch für die Soldaten ist die Umgebung zunächst ungewohnt: "Das ist schon eine Riesenumstellung nach der Truppe", sagt Oberleutnant Jarling, "da hat man ja nicht viel mit Büchern zu tun." Viele fielen, so Jarling, auch in ein "Disziplinierungsloch", und wunderten sich über die plötzlich geforderte Selbstständigkeit.

Ein Drittel bricht ab

Die Anforderungen an den Bundeswehr-Universitäten sind indes relativ hoch. Studiert wird in Trimestern, die Regelstudienzeit beträgt drei Jahre und drei Monate. Wer nach dreieinhalb Jahren noch nicht fertig ist, muss seine Dienstzeit um 12 Monate verlängern. Nach vier Jahren ist definitiv Schluss, dann auch mit der Offizierskarriere. Die militärischen Vorgesetzten kontrollieren den Studienerfolg.

Peter Kusnezoff: Für zwölf Jahre verpflichtet
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Peter Kusnezoff: Für zwölf Jahre verpflichtet

Dennoch bricht ein Drittel der Studenten das Studium ab. "Wenn man es nicht von Anfang an durchzieht, schiebt man bald eine Bugwelle von Prüfungen vor sich her, und dann ist es schnell zu spät", sagt Sören Jarling, der in seinem BWL-Studium kurz vor dem Abschluss steht.

"Nach meiner Ansicht hast du die einmalige Chance, den Kultusministern nach ihrer jahrelangen, ergebnislosen Diskussion vorzuexerzieren, wie eine Hochschulreform aussehen kann." Diese Worte schrieb der Leiter des Bundespräsidialamtes, Dietrich Spangenberg 1973 zur Gründung der Bundeswehr-Unis an den damaligen Verteidigungsminister Georg Leber.

Modell für die Hochschulreform

Das Selbstverständnis als Vorreiter hat sich an den Bundeswehr-Universitäten gehalten. "Man kann hier sehen, wie es anders geht", sagt Hochschulsprecher Dietmar Strey. Das Trimestersystem, das auch einige Privatunis praktizieren, habe sich bewährt. "Das funktioniert aber nur unter bestimmten Bedingungen", sagt Strey. Dazu müsse ausreichend Personal und eine gute Ausstattung vorhanden sein. Und die Anforderungen ließen sich nur bewältigen, wenn die Studenten nicht nebenbei 20 Stunden arbeiten müssten: "Es ist doch ein Skandal, dass Deutschlands Intelligenz Pizza ausfährt."

Zwischen 1500 und 2300 Euro brutto monatlich bekommen die Studenten, der Sold ist abhängig von Dienstgrad und Dienstzeit. Untergebracht ist der Offiziersnachwuchs in Wohnheimen. Auf dem Campus gibt es Sport- und Fitnessräume, Schwimmhalle, Ärzte und einen Friseur. Die Bart- und Haarordnung der Bundeswehr gilt auch an der Helmut-Schmidt-Uni - wallende Mähnen sucht man hier vergeblich.

Friseur auf dem Campus: Es gilt die Haarordnung der Bundeswehr
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Die Bewerberzahlen für die Offizierslaufbahn und das damit verbundene Studium sind in den letzen Jahren gestiegen. "Es kommen einige, die primär das Studium sehen und den Offizier in Kauf nehmen", sagt Geschichtsstudent Peter Kusnezoff. Das sei bei einer Verpflichtung von 12 Jahren aber schwierig. Kusnezoff selbst wollte nach eigenem Bekunden schon immer Offizier werden. Auch Anja Wegener hält es für eine "Milchmädchenrechnung", für einen guten und bezahlten Studienplatz den Militärdienst als Kröte mitzuschlucken. "Ich wollte zur See fahren und keinen typischen Weibchenberuf machen", begründet Wegener, eine der rund 50 Studentinnen an der Helmut-Schmidt-Universität, ihre Wahl. Die sichere Stelle habe ihre Entscheidung erleichtet, das Studium sei ein "Superbonus".

Peter Kusnezoff besucht in diesem Semester auch ein Geschichtsseminar an der Universität Hamburg. Bunter und abwechslungsreicher sei es da schon, aber auch schockierend: mit 90 Leuten im Schneidersitz einem Dozenten zu lauschen, den man nicht einmal sieht. Auch die Diskussionen seien etwas lebhafter, meint Kusnezoff, weil mehr verschiedene Meinungen zusammenkommen. "Hier ist es schon homogener." Ansonsten sei die Bundeswehr-Uni eine Hochschule wie jede andere auch. Nur die Frauen seien anderswo deutlich zahlreicher als an der Helmut-Schmidt-Universität.

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