Der SPIEGEL

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06. September 2011, 11:37 Uhr

Burnout bei Studenten

Absturz der Überflieger

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Es schleicht sich an, verdüstert das Leben und trifft oft die besonders Ehrgeizigen: das Burnout-Syndrom. Tausende Studenten leiden darunter, auch weil der Bachelor-Stress sie zermürbt, warnen Psychiater. Was hilft wirklich gegen die neue Volkskrankheit - Pillen, Therapie oder einfach durchhalten?

Manchmal sitzt Patrick* in seiner Mansarde in Braunschweig und denkt, dass er nichts kann, nichts bringt, nichts wert ist. Du wirst dein Studium nicht schaffen, prophezeit er sich dann, du wirst keinen Job bekommen, du wirst zum Sozialfall werden. Du wirst keine Frau finden und deine Freunde verlieren. Dein Leben ist düster, sinnlos und überflüssig geworden. Warum, fragt er sich dann sogar manchmal, warum sollte er eigentlich noch weitermachen?

Patrick ist ein hübscher Mann mit kurzen dunkelblonden Haaren und braunen Augen. Ein kluger Kopf, der in der Schule zu den Besten gehörte und gern ausging. Doch dann schlich sich etwas in seinen Kopf. Jetzt ist die Vergangenheit nichts mehr wert, die Zukunft nur noch bedrohlich und die Gegenwart voller Zweifel und Angst.

Woran es liegt, dass er jetzt so traurig und kraftlos ist? Wie es kommen konnte, dass er derzeit kaum noch rauskommt aus diesem schwarzen Loch? Patrick muss nicht allzu lange überlegen. Das Studium, sagt er. Das Studium sei der Hauptgrund. Der Stress, die Geschwindigkeit, das Anonyme. Die Angst, an der Universität nicht die gleiche Leistung bringen zu können wie damals an der Schule.

Es sind Ängste und Sorgen, die Zehntausende Studenten plagen, und häufig wachsen sie sich zu tiefgehenden seelischen Nöten aus. Rund 23.200 Studierende haben 2010 die psychologischen Beratungsstellen des deutschen Studentenwerks besucht, die Zahl der Beratungen hat sich seit 2003 verdoppelt. Die Ratsuchenden berichten von chronischer und bleierner Müdigkeit, von scheinbar grundloser Traurigkeit, von Konzentrationsschwächen, von der plötzlichen Angst vor Mitmenschen.

"Es kann jeden treffen"

Viele leiden unter Burnout, einem Leiden, das zu einer modernen Epidemie geworden ist. Es hat viele Namen, Erschöpfungssyndrom, Anpassungsstörung, Depression, und die Patienten, die daran leiden, sind auffallend jung: Jeder zweite Deutsche, bei dem erstmals eine Depression festgestellt wird, ist unter 32. "Es kann jeden treffen", sagt Maria Jockers-Scherübl, Psychiaterin an den Oberhavelkliniken bei Berlin, "und der Bachelor begünstigt das Krankwerden, weil im Studium zu viel in zu kurzer Zeit gefordert wird."

Es sind oft die Ehrgeizigen, die Perfektionisten und Vielleister, die am Burnout erkranken. Menschen, die ein anspruchsvolles Fach wählen, nebenbei in der Kneipe jobben, in der vorlesungsfreien Zeit Praktika ablegen und zusätzlich einen Sprachkurs in Wirtschaftsenglisch machen. Es sind Menschen wie Patrick.

Es war im vierten Semester Maschinenbau, als sich sein Leben verdüsterte. Er fühlte sich nur noch wie eine Matrikelnummer unter vielen, wie ein Automat, der Creditpoints zu hamstern hatte und allzeit prüfungsfähig sein musste: in höherer Mathematik, in technischer Mechanik, in Werkstoffkunde und all den anderen Fächern, mit denen er sich nie so richtig hatte anfreunden konnte. Patrick wurde langsam klar, dass sich da ein gewaltiger Berg vor ihm aufgebaut hatte, ein Berg, den er nicht bezwingen konnte. Er probierte es trotzdem. Und stürzte ab.

Abschlussarbeit im Duracell-Häschen-Modus

"Oft steht kurz vor dem absoluten Ausbrennen die Erkenntnis, dass man eben nicht alles schaffen kann oder dass andere besser sind", sagt Bernd Nixdorff, Psychologe an der Uni Hamburg; seit 20 Jahren berät er Studenten.

So war es auch bei Steffi*. Die 25-Jährige studiert im zehnten Semester Geschichte und Geografie auf Lehramt in Berlin. Mitte vergangenen Jahres kam sie - eigentlich gut erholt - von einem Auslandssemester in Portugal zurück. Sie hatte große Pläne. Sie wollte ihr Studium innerhalb eines Jahres zu Ende bringen. Acht Hausarbeiten, vier Modulprüfungen und die Bachelor-Arbeit standen an. Dazu noch 20 Stunden die Woche als studentische Hilfskraft jobben, Archiv-Recherchen für Doktoranden durchführen.

Zu Silvester fühlte sie sich urlaubsreif und müde, aber sie wollte unbedingt fertig werden. Sie schrieb wie ein Duracell-Häschen an ihrer Abschlussarbeit. Ende Januar war die Kraft aufgebraucht. Sie spürte, dass sie ihren Zeitplan nicht würde einhalten können. Steffi konnte keinen klaren Gedanken mehr fassen. Sie war aggressiv, stritt ständig mit ihrem Freund und den Mitbewohnerinnen, wusste nicht, was es war, das sie so reizbar machte. "Das war nicht mehr ich", sagt sie heute.

(*) Namen geändert

Plötzlicher Einbruch: Vorsicht vor der Perfektionismus-Falle

Dauernd brach Steffi in Tränen aus. Wenn es im Supermarkt ihr Lieblingseis nicht mehr gab, heulte sie, wenn die Bahn Verspätung hatte, heulte sie, wenn ihr beim Volleyball ein Ball versprang, heulte sie. Sie konnte nicht schlafen, trank Wein und rauchte Gras, um zur Ruhe zu kommen. Wenn sie versuchte, etwas für die Uni zu lesen, verschwammen die Buchstaben vor ihren Augen. Dann kam noch ein Schimmelproblem in der Wohnung dazu. "Ich war so hilflos, wusste nicht, was ich noch machen soll. Ich traute mich nicht mal mehr, aus dem Haus zu gehen."

Auf Geheiß ihrer Mutter setzte sich Steffi in den Zug und fuhr in die Heimat. Eine Woche lang fühlte sie sich ausgelaugt, als liefe sie und liefe sie und komme doch nie ans Ziel. Sie redete viel mit ihrer Mutter und mit Freundinnen, schlief aus, las ein Buch mit dem Titel: "Wie's weitergeht, wenn nichts mehr geht". Sie überlegte auch, zu einem Psychiater zu gehen, verwarf den Gedanken aber wieder. "Ich lernte, dass ich Erholung brauche. Dass ich mir mein Studium besser einteilen muss."

Steffi, das Mädchen mit dem markanten Kinn und dem Nasenpiercing, hat es am Ende allein geschafft, den Burnout zu überwinden, ohne ärztliche Hilfe. Aber das gelingt längst nicht immer.

"Schon in der Schule wollte ich immer die Beste sein"

Hunderte sind es, die jedes Jahr bei Birgit Rominger vorsprechen, Diplompsychologin beim Studentenwerk Berlin. Fast alle Krankheitsgeschichten seien eigen, sagt sie. Aber eines sei bei jeder Behandlung wichtig: Entschleunigung. Sie und die anderen Berater suchten zuerst mit ihren Patienten nach inneren und äußeren "Stressoren", die den Burnout ausgelöst haben, berichtet Rominger. Dann wird eine Tagesstruktur erarbeitet, mit der diese "Stressoren" gemildert werden können, inklusive Ruhephasen und Entspannung. Bei manchen Betroffenen reichen ein paar Sitzungen in der Studentenberatung, andere müssen zum Psychiater.

Oder gar ins Krankenhaus. Zum Beispiel zu der Klinikärztin Maria Jockers-Scherübl. Sie kümmert sich um Menschen, bei denen der Burnout alle Merkmale einer schweren Depression zeigt. Je nach Grad des Leidens verschreibt die Ärztin ihren Patienten Medikamente oder eine Behandlung in einer Tagesklinik. Manche behält sie gleich da. Menschen wie Kathrin*, die sich sonst vielleicht umbringen würden.

Dass sie sich einmal wünschen könnte, ihr Leben ginge zu Ende, dass es mit ihr so weit kommen würde, das hätte Kathrin, 25, aus Mannheim nie gedacht. Die kleine Blonde mit ihrer schlagfertigen Art war immer jemand gewesen, der viel lachte, gern feierte, das Leben genoss. Aber zugleich war sie der Typ Mensch, der sich immer Höchstleistungen abverlangt, der nie zufrieden ist mit dem, was er erreicht. "Schon in der Schule wollte ich immer die Beste sein", sagt sie. Wenn sie nur eine Zwei hatte und keine Eins, dann schrie sie zu Hause eine Zimmerwand an wie eine Art Klagemauer.

Was tun? Zur Not ein Semester länger studieren

Auch im Studium, Anglistik und VWL, war sie wieder die Ehrgeizigste, sie begann schon Wochen vor ihren Kommilitonen, für Prüfungen zu lernen, sie paukte den Stoff auswendig, litt unter schlechtem Gewissen, wenn sie sich mal eine Auszeit vor dem Fernseher gönnte. Nach zehn Minuten schaltete sie auf den italienischen Kanal, um beim Glotzen wenigstens ihre Sprach-kenntnisse zu verbessern. Irgendwann ging es dann nicht mehr gut mit dem Perfektionismus.

Über Wochen war sie schlapp und kiebig zu jedem, sie war wie in einem Schacht gefangen, an dessen Wänden sie kratzte und einfach nicht herauskam. Ihr Freund schickte sie zum Arzt. Der Mediziner diagnostizierte einen Burnout, verschrieb ihr Pillen und eine Therapie bei einer Psychologin.

Die Kombination wirkte schnell bei Kathrin, nach zwei Monaten ging es ihr schon besser. Aber die Antidepressiva machten sie gefühlskalt. Ziemlich plötzlich trennte sie sich von ihrem Freund. Ihre hohen Erwartungen an sich selbst ist Kathrin bis heute nicht losgeworden. Im März ist sie mit ihrem Studium fertig geworden, hat es mit der Endnote 1,5 abgeschlossen. Bestnote verpasst. Sie war sehr enttäuscht.

Und Steffi und Patrick? Patrick steckt noch mitten in der Krankheit. Er setzt auf seine Therapie und überlegt, ob er nicht doch Antidepressiva nehmen sollte. Steffi will jetzt im zweiten Anlauf ihren Bachelor schaffen und dann noch den Master machen. "Man kann doch zur Not auch ein Semester länger studieren", sagt sie. "Da bricht keine Welt zusammen."

(*) Namen geändert

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