Burschenschaften in Osteuropa Polnisches Bier unter deutscher Flagge

Sie singen deutsche Volkslieder und wollen doch mit übertriebener Deutschtümelei nichts zu tun haben. In Osteuropa werden Studentenverbindungen populär - tradtionsbewusst, aber ohne Säbelrasseln und mit Frauen in ihren Reihen.

Von Greta Taubert


Wenig Säbelrasseln: Burschenschafter in Oppeln
Greta Taubert

Wenig Säbelrasseln: Burschenschafter in Oppeln

Auf dem Tisch liegen vier Degen neben Kerzen mit Kunstblumenkranz. Wachstuchdecken auf den Tischen sollen eventuelle Feierspuren des Abends vom Holztisch fernhalten. Auf mehreren Kästen des polnischen Bieres "Zywiec" liegt die deutsche Nationalflagge. Roman Prusko hängt sie neben die polnische Fahne und die blau-gelb-schwarze Verbindungsflagge.

Der Bauingenieurstudent macht die Studentenkneipe des Vereins Deutscher Hochschüler (VDH) im polnischen Oppeln für den Betrieb bereit. Noch schleppt er im roten Wollpullover Stühle, aber bald wird er in einer schwarzen Paradejacke die Veranstaltung mit "Vivat Circulum Fratrum" eröffnen - es lebe der Kreis der Brüder.

Nationalistische Vergangenheit

Überall in Osteuropa entstehen seit einiger Zeit Ableger deutscher Studentenverbindungen. Zum Beispiel in Ungarn: Vor fünf Monaten gründeten Studenten aus Budapest einen Verein Deutscher Hochschüler, um zu bekennen, dass sie "sich ihrer Identität als Deutsche bewusst" sind. Die Deutschen "leben zwar in unterschiedlichen Staaten, gehören aber einem gemeinsamen Kulturvolk an", heißt es in der Satzung. Zur Gründungsfeier nach Budapest kamen auch Gäste aus Polen und aus Deutschland.

Mit am Tisch: Frauen
Greta Taubert

Mit am Tisch: Frauen

Die Gäste aus Deutschland importieren auch gleich ein Feierritual, das Wetttrinken großer Biermengen auf Ex in möglichst hohem Tempo: "Die Duelle mit dem Bierglas machen wir nur, wenn Mitglieder aus Deutschland kommen", sagt Roman Prusko. Auch auf martialische Bräuche und extreme Ansichten verzichten die Bundesbrüder in Osteuropa weitgehend. Während in Deutschland mehrere sehr rechte Verbindungen vom Verfassungsschutz beobachtet werden, bei der Mensur Blut fließt und Ausländer und Kriegsdienstverweigerer draußen bleiben müssen, widmen sich die Burschenschaftler in Osteuropa vor allem dem Brauchtum.

Dabei ist die Geschichte der Burschenschaften in Osteuropa durchaus heikel. Vor rund 80 Jahren sammelten sich Mitglieder der deutschen Minderheit in Studentenverbindungen, nach eigenem Bekenntnis "aus dem Bedürfnis heraus, die eigene Kultur gegen die herrschende polnische Kultur zu verteidigen". Im Handbuch des VDH Oppeln werden auch SS-Mitglieder als Gründer polnischer Studentenverbindungen genannt.

Nur nicht zu viel Vaterlands-Gedöns

Als in der Weimarer Republik der Nationalsozialismus erstarkte, rückten die Vereine deutscher Hochschüler deutlich nach rechts. Das führte zum Verbot in einigen osteuropäischen Staaten. Viele Burschen emigrierten nach Westdeutschland. Nach dem Ende des Kalten Krieges suchten die bundesdeutschen Studentenverbindungen wieder Anknüpfungspunkte im Osten.

Martialisch: Screenshot der Webseite der deutschen Turnerschaft Slesvigia

Martialisch: Screenshot der Webseite der deutschen Turnerschaft Slesvigia

"Wir Deutschen müssen zueinander finden - und das in einer traditions- und volkstumsbewussten Form", hieß es beim Wiederbelebungsversuch der deutschen Burschenschaft Silesia im polnischen Breslau. Er scheiterte - denn so viel Vaterland war der deutschen Minderheit in Polen zuviel. "Die Studenten fühlen das Wort Vaterland nicht", sagt Roman, "es geht um Heimat."

Roman nennt Schlesien seine Heimat, deutsche Verbindungen seien ein Stück schlesischer Geschichte. Auf ihren Verbindungsstreffen singen die Burschenschaftler deutsche Volkslieder und diskutieren über deutsche Politik. In Oppeln liegen die Degen ruhig auf der Wachstischdecke - von Säbelrasseln keine Spur.

Misstrauische Blicke in der Kneipe

Eine junge Frau stimmt immer wieder neue Lieder an. Energisch und laut übertönt sie die allgemeinen Biergespräche. "Ich kann hier deutsche Lieder singen, und die anderen lachen mich nicht aus, sondern machen mit", begründet Sylwia Michalla ihren Enthusiasmus. "Ich habe hier gelernt, mich zu meiner deutschen Abstammung zu bekennen und mich nicht dafür zu schämen."

Viel Übung im Strammstehen: Mitglieder der Burschenschaft Thessalia zu Prag (am 15. Mai beim Sudetendeutschen Tag in Augsburg)
AP

Viel Übung im Strammstehen: Mitglieder der Burschenschaft Thessalia zu Prag (am 15. Mai beim Sudetendeutschen Tag in Augsburg)

Tatsächlich stehen viele Osteuropäer der Volkstümelei skeptisch gegenüber. Die Mitglieder der Tschechisch-Deutschen Verbindung Pragensis in Prag würden beim Schmettern ihrer Hymne in der Kneipe schon einmal schief angeschaut, erzählt der Vorsitzende Jacub Charvat: "Es ist keine Ablehnung, aber die meisten Leute wissen einfach nicht, was es heißt, Farben zu tragen."

Aber was heißt es? Die Studentenverbindungen in Osteuropa sind vor allem ein Ort, wo man deutsch spricht. Im Unterschied zu bundesdeutschen Verbindungen pochen die Burschenschaftler nicht auf alte Verbindungsprinzipien, die nur Männer als Mitglieder zulassen.

Frauen in Farben

Frauen sind im Gegenteil erwünscht - und das schon aus Tradition seit den zwanziger Jahren. Nicht, dass die Emanzipation hier schneller war als anderswo: Die Minderheiten waren in der Vergangenheit zahlenmäßig stets zu klein, um 50 Prozent der möglichen Mitglieder aus Prinzip zu verschmähen.

"Jetzt braucht man uns noch mehr", sagt Sylwia Michalla. Oft sind es jetzt nämlich Frauen, die den Degen führen. Im neu gegründeten VDH Budapest ist der ganze Vorstand weiblich, in Ratibor ebenso, und in Oppeln immerhin zur Hälfte. Reine Saufgelage gibt es mit den Bundesschwestern nicht. "Ich bin aus reiner Überzeugung hier, mir geht es um die deutsche Minderheit." Wer so denkt, darf rein in die Verbindung. Da spielt das Geschlecht keine Rolle - und erstaunlicherweise auch nicht die Nationalität.

Bei der Pragensis und dem VDH Oppeln muss niemand einen deutschen Stammbaum mitbringen. Deutschkenntnisse und eine bestandene mündliche Aufnahmeprüfung reichen aus. "Sie wollen hier meistens ihre Sprachkenntnisse verbessern", sagt Roman. Er hebt seinen Steinkrug voll Bier und sagt in Richtung eines polnischen Mitglieds "Na zdrowie". Der grinst, hebt an und kontert mit "Prost".



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