Linke vs. Burschenschafter Kleinkrieg an deutschen Unis

In Deutschlands Uni-Städten werden verstärkt Burschenschaften und Verbindungen angegriffen. Besonders in Göttingen knallt es gewaltig. Nun sorgt sich die Polizei.

DPA

Von


Die Täter kamen in der Nacht auf den 17. April, irgendwann gegen 0.30 Uhr. Sie setzten einen Geräteschuppen der Göttinger Studentenverbindung Corps Hannovera in Brand. Die Flammen schlugen auf ein benachbartes Haus über, in dem drei Erwachsene und ein Baby lebten.

Wäre das Feuer nicht von einem Passanten entdeckt worden, hätten vier Menschen wegen der Rauchgase ersticken oder verbrennen können. Die Polizei resümierte später, dass "die konkrete Gefährdung von Menschenleben offenbar billigend in Kauf genommen wurde".

Es gibt bei den Beamten keinen Zweifel, dass der Brandanschlag auf das Konto linker Aktivisten geht. Auf die Rückseite des Gebäudes waren die kommunistischen Symbole Hammer und Sichel geschmiert worden, außerdem die Parolen "Tod und Hass" und "Wir kriegen euch". Zudem hatte es in den Wochen zuvor immer wieder Angriffe auf Burschenschafter gegeben: So schlugen im Januar zwei Männer mit Baseballschlägern auf das Auto des Burschenschafters Lars Steinke ein, der auch Gründer der mit der AfD verbundenen Hochschulgruppe Junge Alternative ist. Und im Juni wurden zwei vermeintlich rechtsgesinnte Studenten auf offener Straße angegriffen. Sie mussten ins Krankenhaus eingeliefert werden.

Der Kampf zwischen Linken und Rechten tobt in Göttingen seit Jahren, aber so extrem wie in den vergangenen Monaten wurde er vorher nicht ausgetragen. Jahrelang schlug man sich gegenseitig die Zähne aus, warf Scheiben ein, riss Transparente ab. Beide Lager agierten gleich extrem, doch seit mehr als einem halben Jahr seien es zumindest in Göttingen in erster Linie die Linken, die zur Gewalt neigten, berichtet die Polizei.

Die Stadt in Niedersachsen ist der Extremfall, doch die Tendenz, dass Burschenschafter stärker und öfter attackiert werden als jemals zuvor, gibt es laut Verbindungsstudenten auch in anderen Uni-Städten - wobei das wahre Ausmaß der Gewalt, die sich beide Lager gegenseitig antun, nicht genau benannt werden kann. Die meisten Behörden erfassen meist nur bei eindeutigen Fällen, ob eine Straftat politisch motiviert war, etwa bei Hakenkreuzschmierereien oder Beschädigungen an Häusern politischer Parteien.

Kriminalhauptkommissar Thomas Habermehl vom Polizeipräsidium Mannheim, das auch für die Studentenstadt Heidelberg zuständig ist, sagt: "Wenn ein Burschenschafter in eine Rauferei gerät, kann es sein, dass dies nur als Körperverletzung erfasst wird." Genauso trügerisch ist, wenn Farbattacken oder eingeworfene Fensterscheiben als Sachbeschädigung verbucht werden.

Fotostrecke

9  Bilder
Burschenschaften vs. linke Studenten in Göttingen: Plastikgeschosse und Farbbeutelattacken

Einige Verbindungen regeln die Konflikte auf eigene Faust

Viele Burschenschafter sehen die mangelhafte Dokumentation als einen Beleg dafür, dass Politik und Polizei die Lage nicht ernst nehmen. "In vielen Städten ignorieren die Medien solche Angriffe", sagt Lucius Lenk. Deshalb hat Lenk, der in Wirklichkeit anders heißt und aus Angst vor linken Übergriffen ein Pseudonym verwendet, die "Initiative für Toleranz und Zivilengagement" gegründet. Auch wenn der Name eher an ein linkes Projekt erinnert: Lenk und seine Mitstreiter dokumentieren hier gewalttätige Anschläge gegen Verbindungsstudenten und -häuser.

Sie schreiben Meldungen, veröffentlichen Fotos von Tatorten und verlinken Polizeimitteilungen und Presseberichte. Ziel sei es, nicht reißerisch zu berichten, sondern so neutral wie möglich, sagt Lenk. "Wir halten uns mit Täterbeschreibungen zurück, auch wenn wir selbst Opfer geworden sind." Manche Studenten meldeten sich direkt aus dem Krankenhaus, nachdem sie von Linken angegriffen worden seien, sagt er.

Einige Verbindungen regeln die Konflikte lieber auf eigene Faust - so wie im Sommer vergangenen Jahres vor dem Göttinger Verbindungshaus der Verdensia. Als ein linker Aktivist Fotos davon machte, wie Burschenschafter den Spruch "Fuck AfD" von der Hausfassade schrubben wollten, kamen zwei junge Männer auf ihn zu und wollten ihn daran hindern. Das führte zu einem Gerangel, bei dem der linke Student stürzte und sich das Kreuzband riss.

Einige Tage später schossen zwei junge Männer aus dem Haus einer Burschenschaft mindestens 60-mal mit Softair-Waffen auf ein schräg gegenüberliegendes Gebäude, in dem einige linke Studenten in einer WG zusammenwohnten.

Burschenschafter empört es besonders, dass viele Linksaktivisten keinen Unterschied machen - egal wie tolerant und modern manche studentischen Verbindungen auch sein mögen. Frank Klauss, Sprecher des Coburger Convents, eines Zusammenschlusses von 100 Landsmannschaften und Turnerschaften in Deutschland, sagt: "Bei uns gibt es Menschen mit und ohne Migrationshintergrund, Hetero- und Homosexuelle. Aber den Angreifern ist das egal."

Der AfD-Erfolg heizt die Stimmung auf

Woher die Aggressivität, die aufgeheizte Stimmung rührt, darüber spekulieren Beteiligte und Außenstehende gleichermaßen. Für Marc-Oliver Schach, Sprecher der Dachorganisation Neue Deutsche Burschenschaft, ist der Erfolg der AfD ein möglicher Grund. "Wegen des Aufschwungs konservativer Kräfte meint die Antifa offenbar, Zeichen setzen zu müssen - und attackiert undifferenziert auch uns."

Burschenschaften
Seit wann gibt es Burschenschaften?
Burschenschaften haben in Deutschland eine lange Tradition: Am 12. Juni 1815 haben Studenten der Universität Jena die erste deutsche Burschenschaft gegründet. 1817 trafen sich die Burschenschaften auf der Wartburg bei Eisenach zur ersten demokratischen Versammlung in Deutschland. Später wurden sie zum Wegbereiter für einen deutschen Nationalstaat im Zuge der Revolution von 1848. Quelle: dpa
Sind Burschenschaften rechts?
Verbindungen und Burschenschaften sind in Deutschland seit langem tief gespalten in einen rechtskonservativeren und einen liberaleren Flügel. In der jüngeren Vergangenheit hat es weitere Abspaltungen gegeben: So sind zahlreiche Bünde aus dem Dachverband "Deutschen Burschenschaft" ausgetreten. Ein neuer Dachverband will bald seine Arbeit aufnehmen. Quelle: dpa
Gehört das Fechten überall dazu?
Zwar gehört bei Burschenschaften oft das Fechten dazu. Und bei der sogenannten Mensur kann Neulingen auch die Narbe, der Schmiss, verpasst werden. Es gibt aber auch nicht-schlagende Gruppen. Katholische Verbindungen etwa fechten grundsätzlich nicht, erklärt Richard Weiskorn vom Cartellverband der katholischen deutschen Studentenverbindungen. Quelle: dpa
Tragen alle Burschenschafter Farben?
Einige Burschenschaften sind farbentragend - von Mitgliedern wird also erwartet, eine Schärpe und eine Mütze mit den Farben der Verbindung anzuziehen. Andere verzichten darauf. Quelle: dpa
Welche Rolle spielt das Trinken?
Die Verbindungen werben damit, Gemeinschaft und Kameradschaft zu bieten. So etwas könne durchaus attraktiv sein für junge Menschen, die als Studienanfänger völlig allein in eine fremde Stadt kommen, erläutert Stefan Grob vom Deutschen Studentenwerk in Berlin. In so einer Situation böten Verbindungen Halt und Orientierung. In geselliger Runde wird dann gesungen - und oft auch "heftig getrunken", sagt Alexandra Kurth von der Universität Gießen, die seit Jahren zu Studentenverbindungen forscht. Zwar gebe es einige Verbindungen, die hier das Prinzip der Mäßigkeit vorgeben. Bei anderen spielen Trinkrituale dagegen eine große Rolle. "Das geht bis hin zum Zwang zum Biertrinken", sagt Grob. Neulinge sollten laut Kurth darauf achten, ob sie ihre Zimmertür verschließen dürfen. Teilweise ist das nicht möglich. Das sei oft ein Zeichen dafür, dass sich Neulinge mitunter exzessiven Ritualen unterziehen müssten. Quelle: dpa
Dürfen Frauen Mitglied werden?
Es gibt auch gemischte Gruppen und sogar reine Frauenverbindungen. Aber sie sind klar in der Minderheit: Bei vielen Burschenschaften sind Frauen auch im 21. Jahrhundert nur als Gäste willkommen. Quelle: dpa
Bindet man sich lebenslang an eine Burschenschaft?
Neulinge, die "Füchse", werden in der Regel zunächst auf Probe aufgenommen. Danach wird erwartet, dass Mitglieder ihrer Verbindung ein Leben lang treu bleiben. Ein Ausstieg ist prinzipiell möglich, in der Praxis aber nicht so einfach. Quelle: dpa

Die Gießener Politikwissenschaftlerin Alexandra Kurth forscht seit Mitte der Neunzigerjahre zu Studentenverbindungen und kann nicht nachvollziehen, warum sich Burschenschafter derzeit primär als Opfer sehen. Auch sie seien bekannt für Schikanen, zum Beispiel bei Aufnahmeritualen. Kurth glaubt, die Verbindungen würden vor allem dann angegriffen, wenn sie medial präsent seien oder mal wieder Redner von der AfD oder politisch noch weiter rechts stehenden Organisationen einlüden.

Der Göttinger Rechtsanwalt Sven Adam verteidigt immer wieder Studenten, die von Verbindungsmitgliedern angegriffen werden. Auch er beobachtet eine Zuspitzung der Lage, die Konflikte würden nun beidseitig offener ausgetragen als früher. Viel häufiger als früher träten die Burschenschafter nun mit Schärpen und Mützen auf und machten aus ihrer Gesinnung kein Geheimnis. Das heize die Situation zusätzlich an.

Bedeckt geben sich die, die sonst gern die großen Debatten führen: Fragt man bei ASten nach den Auseinandersetzungen, heißt es meist: "Das ist halt so und kommt immer mal wieder vor."

Der linksgerichtete Freie Zusammenschluss von StudentInnenschaften will sich, vom UNI SPIEGEL befragt, nicht zu Angriffen auf Burschenschaften und Verbindungen äußern, auch die Basisdemokratische Linke reagiert nicht auf Anfragen.

Reagiert hat dagegen die Polizei in Göttingen: Um weitere Angriffe zu verhindern und jene aufzuspüren, die den Brand auf dem Gelände des Corps Hannovera legten, gründete sie im Mai eine eigene Ermittlungsgruppe.

Hol Dir den gedruckten UNI SPIEGEL!
NDR Reportage
insgesamt 181 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
murksdoc 27.07.2016
1. Links is the new braun
Ich habe 30 Jahre gegen "Rechts" gekämpft, um die Demokratie zu retten und mehr davon zu wagen. Seit 20 Jahren kämpfe ich gegen Links aus genau dem selben Grund. Von denen als "Rechts" diffamiert zu werden, hätte mich in den 70ern und 80ern getroffen. Heute ist mir das egal oder ich verstehe es eher als Auszeichnung.
women_1900 27.07.2016
2.
Ich kenne keine Burschenschaft und kann diese auch nicht einschätzen. Was mich aber seit langer Zeit gewaltig stört: Linke scheinen sich einen Freibrief für Gewalt, für Brandstiftung auszustellen. Nicht jeder Zweck heiligt die Mittel. Inzwischen empfinde ich das militante Auftreten der Linken als äußerst bedrohlich, auch und gerade für die Demokratie.
so-oder-so 27.07.2016
3.
"Linke Aktivisten"? Ernsthaft? Man kann ja von Verbindungen halten was man will - Leute die ich daraus kennengelernt hab, waren eher aus der Kategorie "strohdumm". Kein Wunder also, dass dort rechtes Gedankengut so grassiert. Das ist aber kein Grund Mordanschläge zu verüben, jeder hat ein Recht auf die eigene Meinung, auch wenn sie eben strohdumm ist. Alles andere ist Linksfaschismus - da sollten sich die Linksextremisten mal überlegen, wem sie gerade nacheifern.
bastian.moritz 27.07.2016
4. Ja wogegen verteidigt er denn ...
"Der Göttinger Rechtsanwalt Sven Adam verteidigt immer wieder Studenten, die von Verbindungsmitgliedern angegriffen werden."
runesmith 27.07.2016
5. Jeder mit Band ist Ziel
In allen Uni-Städten ist das so. Da spielt es gar keine Rolle, wie die Verbindung überhaupt inhaltlich positioniert ist, ob nun liberal oder ultra-national. Mit Glück werden nur die Scheiben eingeschmissen und die Hauswände verunstaltet. Mit Pech brennt es halt. Uns malt man immer gerne Galgen an die Tür.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Diskussion geschlossen - lesen Sie die Beiträge! zum Forum...

© UNI SPIEGEL 4/2016
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.