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Links gegen rechts: Gewalt an der Uni

Foto: Michael Reichel/ dpa

Linke vs. Burschenschafter Kleinkrieg an deutschen Unis

In Deutschlands Uni-Städten werden verstärkt Burschenschaften und Verbindungen angegriffen. Besonders in Göttingen knallt es gewaltig. Nun sorgt sich die Polizei.

Die Täter kamen in der Nacht auf den 17. April, irgendwann gegen 0.30 Uhr. Sie setzten einen Geräteschuppen der Göttinger Studentenverbindung Corps Hannovera in Brand. Die Flammen schlugen auf ein benachbartes Haus über, in dem drei Erwachsene und ein Baby lebten.

Wäre das Feuer nicht von einem Passanten entdeckt worden, hätten vier Menschen wegen der Rauchgase ersticken oder verbrennen können. Die Polizei resümierte später, dass "die konkrete Gefährdung von Menschenleben offenbar billigend in Kauf genommen wurde".

Es gibt bei den Beamten keinen Zweifel, dass der Brandanschlag auf das Konto linker Aktivisten geht. Auf die Rückseite des Gebäudes waren die kommunistischen Symbole Hammer und Sichel geschmiert worden, außerdem die Parolen "Tod und Hass" und "Wir kriegen euch". Zudem hatte es in den Wochen zuvor immer wieder Angriffe auf Burschenschafter gegeben: So schlugen im Januar zwei Männer mit Baseballschlägern auf das Auto des Burschenschafters Lars Steinke ein, der auch Gründer der mit der AfD verbundenen Hochschulgruppe Junge Alternative ist. Und im Juni wurden zwei vermeintlich rechtsgesinnte Studenten auf offener Straße angegriffen. Sie mussten ins Krankenhaus eingeliefert werden.

Der Kampf zwischen Linken und Rechten tobt in Göttingen seit Jahren, aber so extrem wie in den vergangenen Monaten wurde er vorher nicht ausgetragen. Jahrelang schlug man sich gegenseitig die Zähne aus, warf Scheiben ein, riss Transparente ab. Beide Lager agierten gleich extrem, doch seit mehr als einem halben Jahr seien es zumindest in Göttingen in erster Linie die Linken, die zur Gewalt neigten, berichtet die Polizei.

Die Stadt in Niedersachsen ist der Extremfall, doch die Tendenz, dass Burschenschafter stärker und öfter attackiert werden als jemals zuvor, gibt es laut Verbindungsstudenten auch in anderen Uni-Städten - wobei das wahre Ausmaß der Gewalt, die sich beide Lager gegenseitig antun, nicht genau benannt werden kann. Die meisten Behörden erfassen meist nur bei eindeutigen Fällen, ob eine Straftat politisch motiviert war, etwa bei Hakenkreuzschmierereien oder Beschädigungen an Häusern politischer Parteien.

Kriminalhauptkommissar Thomas Habermehl vom Polizeipräsidium Mannheim, das auch für die Studentenstadt Heidelberg zuständig ist, sagt: "Wenn ein Burschenschafter in eine Rauferei gerät, kann es sein, dass dies nur als Körperverletzung erfasst wird." Genauso trügerisch ist, wenn Farbattacken oder eingeworfene Fensterscheiben als Sachbeschädigung verbucht werden.

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Burschenschaften vs. linke Studenten in Göttingen: Plastikgeschosse und Farbbeutelattacken

Foto: SPIEGEL ONLINE

Einige Verbindungen regeln die Konflikte auf eigene Faust

Viele Burschenschafter sehen die mangelhafte Dokumentation als einen Beleg dafür, dass Politik und Polizei die Lage nicht ernst nehmen. "In vielen Städten ignorieren die Medien solche Angriffe", sagt Lucius Lenk. Deshalb hat Lenk, der in Wirklichkeit anders heißt und aus Angst vor linken Übergriffen ein Pseudonym verwendet, die "Initiative für Toleranz und Zivilengagement" gegründet. Auch wenn der Name eher an ein linkes Projekt erinnert: Lenk und seine Mitstreiter dokumentieren hier gewalttätige Anschläge gegen Verbindungsstudenten und -häuser.

Sie schreiben Meldungen, veröffentlichen Fotos von Tatorten und verlinken Polizeimitteilungen und Presseberichte. Ziel sei es, nicht reißerisch zu berichten, sondern so neutral wie möglich, sagt Lenk. "Wir halten uns mit Täterbeschreibungen zurück, auch wenn wir selbst Opfer geworden sind." Manche Studenten meldeten sich direkt aus dem Krankenhaus, nachdem sie von Linken angegriffen worden seien, sagt er.

Einige Verbindungen regeln die Konflikte lieber auf eigene Faust - so wie im Sommer vergangenen Jahres vor dem Göttinger Verbindungshaus der Verdensia. Als ein linker Aktivist Fotos davon machte, wie Burschenschafter den Spruch "Fuck AfD" von der Hausfassade schrubben wollten, kamen zwei junge Männer auf ihn zu und wollten ihn daran hindern. Das führte zu einem Gerangel, bei dem der linke Student stürzte und sich das Kreuzband riss.

Einige Tage später schossen zwei junge Männer aus dem Haus einer Burschenschaft mindestens 60-mal mit Softair-Waffen auf ein schräg gegenüberliegendes Gebäude, in dem einige linke Studenten in einer WG zusammenwohnten.

Burschenschafter empört es besonders, dass viele Linksaktivisten keinen Unterschied machen - egal wie tolerant und modern manche studentischen Verbindungen auch sein mögen. Frank Klauss, Sprecher des Coburger Convents, eines Zusammenschlusses von 100 Landsmannschaften und Turnerschaften in Deutschland, sagt: "Bei uns gibt es Menschen mit und ohne Migrationshintergrund, Hetero- und Homosexuelle. Aber den Angreifern ist das egal."

Der AfD-Erfolg heizt die Stimmung auf

Woher die Aggressivität, die aufgeheizte Stimmung rührt, darüber spekulieren Beteiligte und Außenstehende gleichermaßen. Für Marc-Oliver Schach, Sprecher der Dachorganisation Neue Deutsche Burschenschaft, ist der Erfolg der AfD ein möglicher Grund. "Wegen des Aufschwungs konservativer Kräfte meint die Antifa offenbar, Zeichen setzen zu müssen - und attackiert undifferenziert auch uns."

Burschenschaften

Die Gießener Politikwissenschaftlerin Alexandra Kurth forscht seit Mitte der Neunzigerjahre zu Studentenverbindungen und kann nicht nachvollziehen, warum sich Burschenschafter derzeit primär als Opfer sehen. Auch sie seien bekannt für Schikanen, zum Beispiel bei Aufnahmeritualen. Kurth glaubt, die Verbindungen würden vor allem dann angegriffen, wenn sie medial präsent seien oder mal wieder Redner von der AfD oder politisch noch weiter rechts stehenden Organisationen einlüden.

Der Göttinger Rechtsanwalt Sven Adam verteidigt immer wieder Studenten, die von Verbindungsmitgliedern angegriffen werden. Auch er beobachtet eine Zuspitzung der Lage, die Konflikte würden nun beidseitig offener ausgetragen als früher. Viel häufiger als früher träten die Burschenschafter nun mit Schärpen und Mützen auf und machten aus ihrer Gesinnung kein Geheimnis. Das heize die Situation zusätzlich an.

Bedeckt geben sich die, die sonst gern die großen Debatten führen: Fragt man bei ASten nach den Auseinandersetzungen, heißt es meist: "Das ist halt so und kommt immer mal wieder vor."

Der linksgerichtete Freie Zusammenschluss von StudentInnenschaften will sich, vom UNI SPIEGEL befragt, nicht zu Angriffen auf Burschenschaften und Verbindungen äußern, auch die Basisdemokratische Linke reagiert nicht auf Anfragen.

Reagiert hat dagegen die Polizei in Göttingen: Um weitere Angriffe zu verhindern und jene aufzuspüren, die den Brand auf dem Gelände des Corps Hannovera legten, gründete sie im Mai eine eigene Ermittlungsgruppe.

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Ausgabe 4/2016

Die Bedrängten
Wie Unternehmen um die Gunst und das Geld von Studenten werben

Diesmal mit Geschichten über den Alltag in Nepal nach dem Beben, Jagd auf Verbindungsstudenten, deutsche Studenten in Österreich und die Baustelle Brasilien.
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