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Eklat beim Deutschen Burschentag Marsch nach rechts

Der Deutschen Burschenschaft droht der Zerfall: Nach dem Eklat um einen hohen rechtsextremen Funktionär beim Burschentag in Eisenach haben liberalere Burschenschafter ihre Posten geräumt. Sie wollen, dass ihre Bünde den Dachverband verlassen.

Erschütterung, Entsetzen, Trauer - solche Worte fallen, wenn liberalere und konservative Burschenschafter über ihre Gemütslage nach dem offenen Streit beim Burschentag sprechen. Sie waren ihren rechtsextremen Verbandsbrüdern unterlegen, die künftig endgültig den Ton angeben werden in der Deutschen Burschenschaft (DB), dem Dachverband mit seinen über hundert Bünden und knapp 10.000 Burschenschaftern.

So wird man bald die Zahlen nach unten korrigieren müssen. Zahlreiche Burschenschafter bereiten ihren Rückzug vor; sie wollen raus aus dem Dachverband, spätestens seit dem Eklat von Eisenach am Wochenende. Dort war der Streit zwischen den Lagern eskaliert, nachdem ein rechtsextremer hoher Funktionär im Amt bestätigt worden war.

Es geht um Norbert Weidner, "Schriftleiter" der Verbandszeitung "Burschenschaftliche Blätter". Ihn wollten die liberaleren Burschenschafter abwählen lassen, unter anderem weil Weidner den evangelischen Theologen und Widerstandskämpfer gegen die NS-Diktatur, Dietrich Bonhoeffer, öffentlich einen Landesverräter genannt hatte. - Er hatte Bonhoeffers Verurteilung außerdem "rein juristisch" als "gerechtfertigt" bezeichnet. Die Bonner Staatsanwaltschaft leitete daraufhin Ermittlungen ein wegen des Verdachts auf Verunglimpfung des Andenkens Verstorbener. Die Abstimmung war der vorläufige Höhepunkt eines Streits, der sich im Kern um die Frage dreht: Dulden Burschenschaften Rechtsextreme in ihren Reihen?

Wie es zum Eklat von Eisenach kam

Doch die liberaleren Burschenschafter scheiterten, auch wenn die Abstimmung knapp ausfiel. Daraufhin traten fünf Vorstände aus Protest zurück; erste Burschenschafter kündigten an, ihr Bund werde austreten aus dem Dachverband. Auch über Auflösung der DB wurde gesprochen. Am Samstag wurde der Burschentag dann vorzeitig beendet.

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Deutscher Burschentag: Der Eklat von Eisenach

Foto: dapd

Im Winter soll es nun einen außerordentlichen Burschentag geben, allerdings ist unklar, welche Burschenschaften sich noch daran beteiligen werden. Friedrich Engelke etwa, Rechtsanwalt in Hamburg und Burschenschafter seit den sechziger Jahren, sagte, er sei dafür, dass seine Burschenschaft austrete: "Was sollen wir Wertkonservative noch in einem Verband, in dem wir nur noch Aushängeschild sind?"

Auch Michael Schmidt, der am Freitag als Pressereferent der DB zurücktrat und einer der Wortführer der liberaleren Burschenschafter ist, glaubt nicht daran, dass die beiden Lager wieder zueinander finden: "Dass sich etwas so massiv ändert, dass man sich eine gemeinsame Zukunft vorstellen kann, halte ich für unwahrscheinlich", sagte er. "Die grundlegenden Probleme bleiben." Er wolle sich nun bei der Initiative Burschenschaftliche Zukunft engagieren, einem Zusammenschluss von 24 liberaleren Burschenschaften. Mittelfristig würden sicher mehrere dieser Verbindungen aus der DB austreten, sagte er.

Selbst DB-Sprecher Christoph Basedow räumte ein, er glaube nicht, dass der Verband in seiner aktuellen Gestalt weiter bestehen werde. Seine Worte wiegen schwer, denn das Sprecheramt innerhalb der DB entspricht dem eines Verbandsvorsitzenden. Dass mit dem Burschentag ein Signal der endgültigen Spaltung gesetzt wurde, wollte er allerdings so nicht stehen lassen. "Wir haben uns stark mit inhaltlichen Verwerfungen befasst und die Diskussionen darüber nicht zum Abschluss bringen können."

Wie die liberaleren Burschenschafter unterlagen

Mit dem Streit in Eisenach misslang der Versuch der liberaleren Burschenschafter endgültig, den Dachverband vom Marsch nach rechts abzuhalten. Denn immer wieder waren es Burschenschafter wie Weidner, die das Bild der DB in der Öffentlichkeit prägten. Dessen Alte Breslauer Burschenschaft der Raczeks zu Bonn hatte zum Beispiel bereits mit den rassistischen sogenannten "Ariernachweis"-Anträgen im vergangenen Jahr für einen Eklat gesorgt.

Immer wieder hatten seitdem liberalere Burschenschafter innerhalb wie außerhalb der DB versucht, dem Eindruck entgegenzutreten, die Burschenschaften tolerierten oder unterstützten rechtes Gedankengut. Selbst einen öffentlichen Aufruf gab es, den 400 teilweise prominente Burschenschafter unterzeichneten. Doch die Image-Rettungsversuche scheiterten spätestens bei diesem Burschentag.

Kritiker werfen dem Burschenschaftswesen insgesamt vor, ein Sammelbecken für Rechtsextreme zu sein. Traditionen wie das Singen aller drei Strophen des "Deutschlandlieds" tragen nicht gerade zur Besänftigung der Skeptiker bei. Der Sprecher des Bündnisses gegen den Burschentag in Eisenach, Phillip Schmidt, bezeichnete die Ankündigungen von liberaleren Burschenschaftern, womöglich mit der DB zu brechen, als Lippenbekenntnis. "Außerdem halten wir eine Trennung nach liberalen und rechtsextremen Burschenschaftern für unangebracht", sagte er. Man solle besser zwischen Ideologen und Pragmatikern trennen.

Die Zukunft des Dachverbands ist nun völlig offen. Auf der Internetseite der DB hieß es am Wochenende: "Inhaltlich zeigte sich, dass die seit über 100 Jahren bestehenden Flügel der Deutschen Burschenschaft einer neuen Bewertung ihres Verhältnisses zueinander bedürfen." Das ist sehr, sehr zurückhaltend formuliert.

otr
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