Campus-Maut Theater-Studenten sollen falsch spielen

Sind angehende Theaterwissenschaftler in Bochum besonders engagierte Studentenvertreter – oder nur besonders clever, wenn es um das Vermeiden von Studiengebühren geht? Die Uni will jedenfalls nicht glauben, dass die Fachschaft plötzlich 134 aktive Mitglieder hat.

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Paragraf 5, Absatz 4.2 der Gebührenordnung an der Ruhr-Universität Bochum ist eindeutig: "Für die Mitwirkung als gewählte Vertreter/in in Organen der Hochschule, der Studierendenschaft, der Fachschaften oder der Studentenwerke für die Dauer der Amtszeit" müssen Studenten keine Campus-Maut bezahlen. Im Klartext: Wer sich als Studentenvertreter engagiert, spart 500 Euro Studiengebühr pro Semester – möglicherweise mit ein Grund dafür, dass sich gleich 134 Studierende in den Fachschaftsrat Theaterwissenschaften wählen ließen.

Studiengebühren-Proteste an der Uni Bochum: Der Rektor will die Zahl der Fachschaftsmitglieder begrenzen
DPA

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Natürlich, sagt Kathrin Ebmeier vom Fachschaftsrat, sei dieses Versprechen auf Gebührenerlass ein Anreiz zur Mitarbeit, "aber bei uns Theaterwissenschaftlern gab es immer schon sehr viel mehr Engagement als in anderen Fächern: Zeitschriften, Lesekreise, Theaterfahrten, jede Menge Projekte – man braucht einfach viele Leute, um das alles zu organisieren." Einen zusätzlichen Motivationsschub habe es für viele Studierende auch deshalb gegeben, weil die Finanzmittel des theaterwissenschaftlichen Instituts in Bochum von rund 45.000 Euro im Jahr 2003 auf aktuell rund 8000 Euro gekürzt worden seien: "Wir Studenten wollen dieses Institut am Leben erhalten, deshalb machen so viele mit."

Das allerdings will der Bochumer Uni-Kanzler Gerhard Möller nicht glauben. "Die Fachschaften sind ein Repräsentationsorgan der Studierenden, dort sind üblicherweise zwischen fünf und zwölf Personen aktiv", sagt er. Wenn 134 Studentenvertreter gewählt würden, sei das eine Situation, "die man als Rechtsmissbrauch bezeichnen kann". Schließlich, so Möller, gebe es in den Theaterwissenschaften nur rund 400 Studierende: "Das ist ja fast so, als wenn sich mehrere Millionen Deutsche in den Bundestag wählen lassen." Ganz offenbar, mutmaßt der Jurist, handele es sich beim massenhaften Studenten-Engagement um "eine politische Aktion".

70 Rückmeldungen für ungültig erklärt

Die Uni-Verwaltung hat deshalb Konsequenzen gezogen: Im automatischen Online-Rückmeldesystem hatten rund 70 Studierende bereits die Bestätigung erhalten, dass sie wegen des von ihnen angegebenen Engagements im Fachschaftsrat keine Gebühren bezahlen müssen. Diese Bestätigung wurde nun gelöscht, die Zahlungspflicht wieder hergestellt. Alle anderen Fachschaftsmitglieder können sich nicht mehr als gebührenbefreit einstufen lassen. "Das ist ein automatisches System, das die Meldung nur registriert", sagt Gerhard Möller, deshalb sei mit den gelöschten Bestätigungen auch kein Verwaltungsakt rückgängig gemacht worden.

Stimmt nicht, entgegnen die Studentenvertreter und schlagen per Pressemitteilung zurück: "Ruhr-Uni Bochum dreht durch: Fachschaftsrat Theaterwissenschaft wurde faktisch exmatrikuliert". Denn mit ungültiger Rückmeldung könne man nicht weiter studieren und sich nicht zu Prüfungen anmelden – ein kalter Rausschmiss und ein klarer Gesetzesbruch sei das, so die Studenten. Kanzler Möller schüttelt den Kopf: "Die hier beanspruchte Rechtsposition hat weder Hand noch Fuß."

Wer Recht hat, muss demnächst wohl vor Gericht geklärt werden. Der direkte Gesprächsfaden zwischen den Beteiligten ist derzeit jedenfalls abgerissen: Die Studierenden beklagen eine Verweigerungshaltung und massiven Druck der Uni-Verwaltung, während der Kanzler sich über Gesprächsanfragen per Mail kurz vor dem Osterwochenende wundert und seine Antwort-Mail an die Fachschafts-Adresse "offenbar nicht zugestellt wurde". Beide Seiten erklärten jedoch gegenüber SPIEGEL ONLINE, sie seien gesprächsbereit – auch wenn es bei der Terminabstimmung noch hapert.



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