Christen-Kongress "Gott heult mit dir"

2. Teil: "Homosexualität ist heilbar und die Erde eine Scheibe"


Lars, 29, einer der Demonstranten, ist wütend. "Wir sind doch nicht hier, um Stress zu machen", sagt er. Er will friedlich dagegen demonstrieren, dass die Jugendlichen hinter dem Bauzaun beigebracht bekommen, Homosexualität sei etwas Abartiges. "Ich habe kein Problem mit Menschen, die an Gott glauben, aber ich habe ein Problem mit Leuten, die über mich richten", sagt Lars.

Lars hält ein Plakat in die Luft, auf dem steht: "Homosexualität ist heilbar und die Erde eine Scheibe." Er stand damit schon den ganzen Nachmittag vor dem Bremer Bahnhof. Ein "Christival"-Teilnehmer kam zu ihm, um sich anzuhören, was er zu sagen hat - "am Ende hat er für mich gebetet. Damit Gott sich mir offenbaren möge." Einer seiner schwulen Freunde musste sich anhören, dass er krank sei.

Ein "Christival"-Teilnehmer wagt sich aus der Bauzaun-Burg. Er sei gekommen, um mit den Leuten zu reden und klarzumachen, dass sie gar nichts gegen Homosexualität hätten. In der Bibel stehe zwar, dass das Sünde sei, aber - "sind wir nicht alle Sünder?" Ist Jesus nicht für die Sünden der Menschen ans Kreuz geschlagen worden? "Jesus liebt uns alle", sagt auch er. Es klingt wie ein Mantra. Die Demonstranten beeindruckt das wenig, der Protest geht weiter. Am Abend hackt jemand die Internetseite des Christival und legt sie lahm.

"Die Frau ist doch gleichgestellt"

Angelika, 25, auch eine Christivalistin, versteht das alles nicht. Sie schüttelt den Kopf. Dass die Leute da ausgerechnet gegen die angebliche Unterdrückung der Frau im Christentum auf die Straße gehen, findet sie völlig überflüssig: "Die Frau ist doch gleichgestellt", sagt sie. "Gott hat sich vielen Frauen offenbart. Jesus hat eine Frau vor der Steinigung bewahrt." Wenn Frauen unterdrückt würden, dann doch nur aufgrund von unsinnigen Traditionen. "Die lassen sich aber nicht biblisch begründen. Und deswegen sind sie falsch."

Angelika liest viel in der Bibel. Jeden Morgen, wenn sie aufsteht. Dann weiß sie, dass Gott bei ihr ist und ihr Tag gut wird. Einmal hat sie ihn auch ganz nah bei sich gespürt: "Mein Vater hatte Krebs und musste operiert werden. Nachdem ich mit ihm gesprochen hatte, ging ich ans Fenster und heulte. Draußen donnerte und blitzte es, plötzlich begann es zu regnen. Ich dachte nur: 'Gott heult mit mir.'"

"Bitte komm jetzt und erfülle uns mit deinem Geist"

Am nächsten Morgen in Bremen hat Gott gute Laune. Die Sonne brütet heiß über der Konzerthalle an der Bürgweide, hier treten sonst Bands wie die Fantastischen Vier auf. Heute heißt es: Morgenandacht. Drinnen stampfen und johlen die jungen Christen. Sie trampeln mit den Füßen, klatschen, rufen. Einige von ihnen sitzen auch nur so in kleinen Grüppchen herum und quatschen.

Auf den ersten Blick sind sie kaum von jungen Menschen zu unterscheiden, die zum Beispiel darauf warten, dass gleich die Toten Hosen die Bühne entern. Einige haben tief hängende Hosen an, da läuft einer mit hoch aufgetürmtem Irokesenschnitt herum, dort ein Mädchen mit High Heels, da einer mit zerrissener Jeans.

Ein kleines Detail verrät den Unterschied: Viele von ihnen tragen ein Kreuz. Dem einen sitzt es fest am solariumgebräunten Hals, der andere lässt es lässig über dem schlabbrigen Pullover baumeln. Die Band steigt auf die Bühne. Die Toten Hosen sind es nicht, auch nicht die Ärzte oder Wir sind Helden, die "Jesustreffband" spielt jetzt. Die Sängerin fordert die Menge auf aufzustehen. "Wir haben einen Gott anzubeten", sagt sie. Absolute Stille. Dann der erste Gitarrenakkord. Ab jetzt wird mitgesungen.

"Du hast mein Herz erobert, ich gebe mich deiner Liebe hin", hallt es durch die Konzerthalle. Die Sängerin säuselt ins Mikro: "Gott, ich danke dir, dass wir deine Kinder sein dürfen. Bitte komm jetzt zu uns und erfülle uns mit deinem Geist." Die Christivalisten breiten ihre Arme aus, einige falten die Hände, Scheinwerfer erleuchten die wiegenden Körper. Ein paar raufen sich das Haar. Anschließend gibt es eine Predigt, alle kramen nach ihrer Bibel. Dann kommt der Segen.

Jugendliche können den "Burka"-Test machen

Nach der Andacht starten die Teilnehmer in ihre über 200 Seminare, eins heißt "Mein Maskottchen bringt mir Glück", ein anderes "God is a DJ?!? Christus und die Charts" oder: "God's next Topmodel". Bei "Die Bibel für Liebende" gibt es Tipps für christliche Pärchen, "wie sie in ihre Beziehung religiösen Schwung" bringen können. Wer gerade kein Seminar besucht, räkelt sich in der Sonne, hockt mit anderen in singenden Grüppchen zusammen oder schaut sich auf der "Messe Missionarischer Möglichkeiten" um.

Da gibt es einen T-Shirt-Stand mit Sprüchen wie "Der Herr der Dinge" oder "Mein Vater ist ein Außerirdischer". Bei "SMS von Gott" kann man sich Bibelsprüche aufs Mobiltelefon schicken lassen. Ein paar Meter weiter machen Jugendliche den "Burka-Test": Ein Mädchen zieht das lange Gewand mit Sichtschutz über, das Frauen in manchen muslimisch geprägten Ländern tragen müssen. Den "Burka-Test" hat die Organisation "frontiers" aufgebaut - ihr Ziel ist es, muslimische Gemeinden zum Christentum zu bekehren.

"Frontiers" hält Muslime für "ein vernachlässigtes Volk", weil sie nicht an Jesus glauben. "Jesus ist die Wahrheit, Allah ist es nicht", sagt eine ältere Dame am Stand. Ihre Augen scheinen zu leuchten. An dieser Stelle, nein, da könne sie nicht tolerant sein. "Ich liebe Jesus einfach. Und weil er mir soviel gibt, muss ich ihn anderen näher bringen." Hinter ihr lässt sich ein Junge in den Schador einhüllen, ein anderes bodenlanges schwarzes Gewand muslimischer Frauen. Ihm reicht es gerade bis knapp übers Knie.

Draußen vor der Tür ist es mit der Sonne vorbei - eine Wolke schiebt sich vor die Sonne. Es beginnt zu regnen. Angelika, die Christivalistin, hätte jetzt wohl gesagt: "Gott heult."



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