Comic-Absolventen Zeichner ohne Zaster

Sie sind erstklassige Zeichner, haben für ihr Comic-Diplom Höchstnoten erhalten. Sie räumen reihenweise Preise ab, manche ihrer Geschichten werden sogar verfilmt. Trotzdem können die Kunsthochschul-Absolventen Flix, Mawil, Jens und Stefan mit ihren Werken kaum die Miete bezahlen. Aus-gezeichnet?


Zeichner Flix: "Ein Stück Hoffnung"

Zeichner Flix: "Ein Stück Hoffnung"

Felix Görmann alias Flix ist momentan der wohl höchstdekorierte Comiczeichner Deutschlands. Der 28-Jährige ist frischgebackener Preisträger des "Max & Moritz". Den wichtigsten Comicpreis bekam er für "Held", seinen viel gerühmten Comic-Band, in der Kategorie "Beste deutsche Comicpublikation". Obendrein erhielt der als Diplomarbeit entstandene Band auch eine Auszeichnung vom Art Directors Club Deutschland und diverse andere Preise. Inzwischen ist "Held" in der zweiten Auflage beim renommierten Carlsen-Verlag erschienen.

Mit der selbstironischen Autobiografie "Held" schenkte Flix sich seine Vergangenheit. Und die Zukunft gleich dazu. Er prophezeite darin, dass er die Diplomprüfung an der Hochschule für Bildende Künste in Saarbrücken mit respektablem Ergebnis bestehen würde. Tatsächlich spendierten die Professoren die Bestnote "sehr gut" - nur einer fand sich zeichnerisch nicht so gut getroffen.

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Mit "Sag was" setzt Flix seine Autobiografie fort...




"Sag was": Felix Görmann zeichnet sein verflixtes Leben

Seitdem hat Felix Görmann bei den Comicpreisen richtig abgeräumt. Seine Situation kann man vergleichsweise komfortabel nennen. Zuletzt trat das nordrhein-westfälische Innenministerium an ihn heran, Auftrag: ein Aufklärungscomic über Rechtsradikalismus. "Die kannten mich eigentlich gar nicht und hatten nur gelesen dass ich diesen Preis bekommen habe", erzählt er. Außerdem sitzt er gerade am Nachfolgeband von "Held", der im Herbst unter dem Titel "Sag was" erscheint.

Professoren sehen Comics nicht länger als Spinnerei

Leben kann er trotzdem nicht von Comics. Auch wenn das der Langzeitplan ist. "Ich sehe da schon ein Stück Hoffnung. Aber das Geld kommt im Moment nur zur Hälfte vom Comiczeichnen rein", sagt er, "der Rest sind Werbegrafiken und ähnliche Dinge." Außerdem leitet er, obwohl inzwischen in Berlin zuhause, Zeichenkurse an der Hochschule in Saarbrücken.

Will sich nicht nach der Masse richten: Zeichner Harder

Will sich nicht nach der Masse richten: Zeichner Harder

Genährt wird die Hoffnung auch durch den jüngsten Verkauf der Filmrechte für "Who the Fuck is Faust" in die Niederlande. Die eigenwillige Adaption der "Faust"-Geschichte hatte Flix bereits während des Studiums produziert und veröffentlicht.

Comiczeichner kann man in Deutschland nicht studieren. An den Kunsthochschulen hat sich in den letzten Jahren trotzdem eine quirlige Szene breit gemacht und Trends gesetzt. So sieht Felix Görmann die Situation für junge Comiczeichner an seiner alten Hochschule positiv. "Natürlich haben die sich stärker dem Thema Comic geöffnet, vorher galt das ja eher als Spinnerei", erzählt Görmann. Nicht zuletzt sein Verdienst - "durch den Erfolg von 'Held' werden andere Projekte schon stärker gefördert."

"Leviathan": Ein Wal schwimmt seinen Weg

"Leviathan": Ein Wal schwimmt seinen Weg

Schwieriger ist die Lage für Jens Harder, der im vorigen Jahr mit "Leviathan" seine Meisterschüler-Arbeit an der Berliner Kunsthochschule Weißensee eingereicht hatte. Die fast wortlose Geschichte vom großen alten Wal vereint Motive aus "Moby Dick", der Bibel und dem Werk des klassischen Soziologen Thomas Hobbes. "Leviathan" erschien bei einem französischen Verlag und wurde als viersprachige Ausgabe gleichzeitig im deutschen Sprachraum, in den USA und Japan vertrieben.

Für den Band erhielt auch Harder den "Max & Moritz"-Preis als bester deutscher Comic-Künstler. Aber das bringt nicht die Miete rein. Der vielschichtige "Leviathan" ist nicht massentauglich genug für große Verkaufszahlen.

Der Band "Alltagsspionage" erschien als Gemeinschaftsproduktion der Monogatari-Gruppe...

"Alltagsspionage": Monogatari-Auszüge - Start per Klick auf das Bild

"Ich will das auch gar nicht so", erzählt Harder, der gerade einen Illustrationsauftrag für die renommierte Zeitschrift "Mare" abgeliefert hat, "ich will mich nicht nach der Masse richten." Die nächsten drei Comicprojekte habe er bereits fertig im Kopf. Und spätestens nach seiner "Max & Moritz"-Auszeichnung klopften diverse internationale Verlage bei ihm an.

"Ich bin ja auch faul", gibt Mawil zu

Trotzdem sieht er sich zuerst nach weiteren Grafik- und Illustrationsjobs um. "Das bietet mir die finanzielle Sicherheit, um Comics zu machen."

Hatte kleinen Bestseller: Zeichner Mawil

Hatte kleinen Bestseller: Zeichner Mawil

Harder ist Mitglied der Comicgruppe "Monogatari", die sich 1999 an der Kunsthochschule Weißensee gefunden hat. Die während des Studiums entstandenen Projekte sorgten überregional für Aufsehen, etwa der Comicreportagen-Band "Alltagsspionage". Doch an der Hochschule hat ihre Tätigkeit kaum etwas bewegt.

"Viele Professoren können mit dem Medium Comic einfach nichts anfangen", sagt Harder. Entsprechend werde kaum in diese Richtung gearbeitet. Auch unter den Studenten sei das Interesse eher gering, "etwas Ähnliches wie Monogatari gibt es in Weißensee derzeit nicht, seit wir alle mit dem Studium fertig sind".

Markus Witzel arbeitet gerade am Album "Die Band"...




"Die Band": Der nächste Mawil - per Klick auf das Bild starten

Bekanntestes Monogatari-Mitglied ist sicher Markus Witzel alias Mawil. "Es ist schon mein Masterplan, irgendwann vom Comiczeichnen leben zu können", sagt er. Der Berliner hat letztes Jahr ebenfalls in Weißensee mit seinem Comicdiplom abgeschlossen. Die folgende Veröffentlichung unter dem Titel "Wir können ja Freunde bleiben" um einen lupenreinen Loser geriet dabei zum kleinen Bestseller, inzwischen ebenfalls in der zweiten Auflage. Auch eine US-Ausgabe ist in Vorbereitung.

"Man muss sich halt umschauen, dann wird das schon

Witzel gibt offen zu, sich bei seinem Masterplan ein wenig selbst im Weg zu stehen. "Es ist einfach viel verlockender, mit einer Werbegrafik genau so viel Geld zu verdienen wie mit einem ganzen Comic", erklärt er. "Ich bin ja auch faul." Aktuell gestaltet er unter anderem einen regelmäßigen Strip für die Kundenzeitschrift der AOK. Außerdem sitzt er an seinem nächsten albenlangen Comic "Die Band", der im Herbst erscheinen soll.

Langer Atem: Zeichner Atzenhofer

Langer Atem: Zeichner Atzenhofer

Stefan Atzenhofer hat sein Studium schon 1995 an der Fachhochschule für Gestaltung in Nürnberg mit einem Comic als Diplom-Arbeit abgeschlossen - Note 1,0. Trotzdem ist "Blue Moon of Kentucky" erst jetzt erschienen.

Genau wie "Leviathan" ist der Band über einen Rock'n'Roll-Musiker aus der Provinz, dessen Leben nach einem Unfall an seinem inneren Auge vorbei zieht, zu speziell für ein Massenpublikum. "Den großen Verlagen war der Band zu verkunstet, die kleinen konnten sich den Farbdruck nicht leisten", erklärt Atzenhofer die lange Wartezeit bis zur Veröffentlichung.

Atzenhofer ist ein Beispiel für einen Zeichner, der langen Atem bewiesen hat. Und viel nebenher gemacht. Bereits während des Studiums publizierte er professionell Comics, nach dem Studium war er lange Zeit als Grafiker tätig, zwischenzeitlich auch als Kreativdirektor für eine TV-Trickfilmproduktion.

Atzenhofers Band über einen Rock'n'Roller aus der Provinz...




"Blue Moon": Neun Jahre Anlauf - Comic per Klick aufs Bild starten

Seit drei Jahren produziert er mit seiner Kreativpartnerin Regina Mischeff im eigenen Studio "Cora & Nessie", den Comicstrip alle zwei Wochen im Girlie-Magazin "Mädchen". "Ich kann derzeit von den Comics leben", sagt er nicht ohne Stolz. Und: "Man muss sich halt umschauen, dann wird das schon."



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