Comic-Journalismus Dem Milljöh auf der Spur

Sechs Berliner Kunststudenten haben sich einer bisher wenig beachteten Spielart der Reportage angenommen: In ihrer Kurzgeschichten-Sammlung "Alltagsspione" präsentieren sie Comic-Journalismus.
Von Lutz Göllner

Für Comicwesen ist Journalismus Job-Alltag: Superman tarnt sich als rasender Reporter Clark Kent. Spider-Man Peter Parker verdient sich seine Brötchen als Fotograf und Tim - samt Hund Struppi - bereist den Erdball, um seine Leser mit Neuigkeiten aus den belgischen Kolonien zu beliefern.

Der Comic zeichnende Journalist war bisher jedoch eher die Ausnahme. Einer der Vorreiter ist Art Spiegelman. Der Schöpfer des Kultcomcis "Maus" propagiert die Comic-Reportage seit einigen Jahren und veröffentlich die Ergebnisse im Magazin "New Yorker". Zu echtem Starstatus hat es in den USA inzwischen der Zeichner Joe Sacco gebracht. Er hält in Bildern fest, was er auf seinen Reisen nach Palästina und Bosnien sieht und erlebt.

"Für Zeichner ist diese Art zu arbeiten gut", sagt der Berliner Kunststudent Kai Pfeiffer. "Auch wenn ich nicht gerade darauf brenne, durch die Krisengebiete dieser Welt zu reisen - zum Recherchieren muss man auch mal das Atelier verlassen." Pfeiffer gehört zu der sechsköpfigen Gruppe Monogatari (japanisch für "Geschichten erzählen"), die sich an der Berliner Kunsthochschule Weißensee zusammengefunden hat. Im April haben die Studenten ihren ersten Band vorgelegt: "Alltagsspionage - Comicreportagen aus Berlin". Die Berliner legten damit ein furioses Debüt hin, dass die Szene aufhorchen ließ und ihnen eine Einladung zum größten europäischen Festival des Independent-Comics im schweizerischen Luzern bescherte.

In Zilles Tradition

Vorbilder für die Monogataris sind nicht nur die "üblichen Verdächtigen" Spiegelman, und Sacco. Die sechs Studenten verehren auch den legendären Berliner Zeichner Heinrich Zille. Schließlich habe der auch Fotos von Berliner Hinterhöfen geschossen, ehe er sein "Miljöh" zeichnerisch entstehen ließ. Diese Tradition möchte die Gruppe Monogatari wieder aufleben lassen. Zum größten Teil gelingt ihr das auch.

Ulli Lusts Reportage über eine Berliner Shopping Mall fängt auch die Gesprächsfetzen der modernen Berliner Originale auf. Kai Pfeiffers Gegenüberstellung der Berliner Prachtstraßen Ku-Damm und Stalinallee ist nicht nur für Stadthistoriker von Interesse und Jens Harder stellt in einer raffinierten Parallelmontage drei Restaurants und ihre Stammkundschaft vor.

Die anderen drei Mitglieder der Gruppe berichten eher aus ihrem autobiografischen Umfeld. Das macht die Werke aber kein bisschen weniger spannend. Tim Dinter schildert einen typischen Abend in der Berliner Partyszene, Kollege Markus "Mawil" Witzel erzählt sehr humorig von seiner Wohnungssuche und Kathi Käppel gewährt den Lesern einen intimen Blick in den Alltag eines Start-up-Unternehmens.

Sehnsucht nach dem Foto

Sich mit den gezeichneten Reportagen auf dem Markt durchzusetzen ist für die Monogataris allerdings nicht ganz einfach. Die Möglichkeiten, die Comicjournalismus bietet, würden von den Zeitungen und Zeitschriften noch gar nicht genutzt, klagt die Gruppe. "In den Redaktionen gibt es immer noch diese Sehnsucht nach der Doppelseite mit Foto", sagt Jens Harder. "Dabei kann ein Zeichner doch wunderbar mit den Formen spielen." Bei einem Foto, so findet Harder, fange man eine bestimmte Stimmung doch nur mit sehr viel Glück ein. Bei einem Comic könne man diese Stimmung von Anfang bewusst erzeugen.

Zumindest in der europäischen Comicszene wurde man auf das Phänomen der gezeichneten Reportagen aufmerksam. Das diesjähriges Comicfestival in Helsinki wird ganz unter dem Motto "Comicjournalismus" stehen. Die Berliner sind bereits eingeladen.

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