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Behinderter Student Constantin Grosch: "Jeder Mensch braucht Ziele, ich auch"

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Bewegungsunfähiger Student Sozialstaat gegen Constantin

Er kann sich kaum bewegen, aber er studiert Jura, will arbeiten, vielleicht heiraten: Constantin Grosch, 20, wäre ein Musterbeispiel für gelungene Inklusion - wenn ihn nicht die Sozialgesetze behindern würden.

Schokomüsli auf der Anrichte, leere Bierflaschen unter der Spüle, ein iPad auf dem Tisch - Constantin Grosch, 20, wohnt in einem Studentenwohnheim. Ein Bad und ein großer Raum mit Küchenzeile, Bett und Schreibtisch. Grosch studiert Jura im zweiten Semester an der Uni Bielefeld, um zwölf hat er Vorlesung, "Allgemeines Schuldrecht". Doch allein wird er es auch an diesem Tag nicht in den Hörsaal schaffen.

Er kann nicht allein aufstehen, aufs Klo gehen, die Tür zum Hörsaal öffnen, das BGB aus seiner Tasche holen. Er kann nicht das Schnitzel in der Mensa selbst schneiden, das er dort trotz des heißen Juli-Wetters essen wird, mit Bratkartoffeln und dicker, brauner Sauce. Constantin ist zu 100 Prozent behindert, Pflegestufe drei, nur Komapatienten werden höher eingestuft. Deshalb hat er vom Aufwachen bis zum Einschlafen eine Begleitperson bei sich.

Muskeldystrophie heißt seine genetische Erkrankung, bei der die Muskelkraft immer weiter schwindet. Constantin sitzt im Rollstuhl, er kann nur noch seinen Kopf bewegen und seine Finger, Handgelenke und Unterarme; nicht viel, aber genug, um zu tippen, zu schreiben und mit einer Gabel zu essen. Ob er 60 Jahre alt wird oder mit 30 an einem Herzinfarkt oder Lungenversagen stirbt, kann niemand sagen. Deshalb denkt Constantin darüber auch nicht nach. Lieber denkt er über Politik nach und darüber, wie er das Beste aus seinem Leben machen kann.

Behinderte werden wie Hartz-IV-Empfänger behandelt

Constantin will kein Mitleid, er will nicht anders behandelt werden, er will nicht alles bezahlt bekommen. Er will so selbstständig leben, wie es irgend geht. Er will später arbeiten, Geld verdienen, vielleicht heiraten. Ein normales Leben führen, wenn es so etwas gibt.

Doch das ist in Deutschland schwer, dem Land, dessen Kultusminister 2013 zum Jahr der Inklusion gekürt haben. Behinderte Menschen wie Constantin fallen in eine Gesetzeslücke. Das Problem: Der Staat übernimmt die Kosten für eine Begleitperson nur, wenn der Bedürftige auf Hartz-IV ähnlichem Niveau lebt. Ein Behinderter, der Geld verdient, gespart oder geerbt hat, muss die Kosten selbst tragen.

Die 16-Stunden-Begleitung für Constantin kostet zwischen 7000 und 8000 Euro im Monat. Noch zahlt das Sozialamt, doch sobald Constantin als Anwalt oder gar Richter arbeitet, würde nur die Begleitung während seiner Arbeitszeit vom Staat übernommen werden. Die Hilfe am Morgen, am Abend, in der Nacht, in der Freizeit, am Wochenende und im Urlaub müsste Constantin selbst bezahlen. Tausende Euro wären das im Monat. "Dann bliebe mir praktisch nichts mehr übrig", sagt er.

Constantin hat für sich errechnet, dass er monatlich nur 1600 Euro zur Verfügung haben und insgesamt nur 2600 Euro Vermögen ansparen dürfte - hat er mehr, müsste er davon seine Assistenz bezahlen. Ihm würde es gehen wie Nancy Poser, einer Richterin aus Trier, die fast ihr ganzes Gehalt für die Assistenzen ausgeben muss. Selbst das Einkommen und Vermögen von Eltern behinderter Kinder oder von Ehepartnern wird herangezogen. "Für behinderte Menschen ist es schon schwer genug, überhaut jemanden zu finden, der einen heiratet. Und der wird dann auch noch belastet", sagt Constantin.

Deutschland verstößt gegen die Uno-Konvention

Manchmal fragt er sich, warum er überhaupt studiert, warum er sich so anstrengt. Bei der Gesetzeslage lohne es sich eigentlich nicht, sagt er. "Ich könnte auch in einer betreuten Wohngruppe wohnen, vier Stunden am Tag in einer Behindertenwerkstatt arbeiten und den Rest der Zeit frei haben. Einmal im Jahr würde es ein Benefizkonzert für uns geben. Das wäre allerdings teurer für den Staat als meine jetzige Assistenz. Und ich würde eingehen."

Constantins Mutter hat alles dafür getan, dass ihr Sohn sich nicht ausschließen lässt. Dass er seine Intelligenz zeigen kann. Er machte ein Einserabi auf einem normalen Gymnasium, gab Mitschülern Nachhilfe, Zivis begleiteten ihn in die Schule und auf Klassenreisen. An seinem rechten Handgelenk trägt er bunte Armbänder, auf einem steht "Ibiza" - eine Erinnerung an die Abifahrt.

Vor zweieinhalb Monaten hat Constantin eine Petition  auf der Internetplattform change.org  gestartet. Darin fordert er das Recht auf Sparen und gleiches Einkommen für Behinderte. Mehr als 38.000 Menschen haben die Petition bereits unterschrieben. Constantin will sie an Sozialministerin Ursula von der Leyen übergeben. Er weiß: Dann kommen die Fotografen, die Aufmerksamkeit steigt und mit ihr der Druck auf die Entscheider. Deshalb will er sich nicht begnügen mit einem Termin bei einem Staatssekretär oder Abteilungsleiter.

In der kommenden Legislaturperiode werde über ein entsprechendes Gesetz diskutiert, sagt Ministeriumssprecher Jens Flosdorff. Aber: "Im Sozialrecht gilt bei jeder Abwägung der Grundsatz der Subsidiarität, wonach dir die Gemeinschaft nur soweit hilft, wie du dir nicht selbst helfen kannst. Ohne dieses Prinzip würde der Sozialstaat überfordert."

"Jeder Mensch braucht Ziele"

Das "Forum Behinderter Juristinnen und Juristen" (FBJJ) hat bereits einen Entwurf für ein Teilhabegesetz  fertig. Ihrer Ansicht nach verstößt Deutschland derzeit gegen die Uno-Behindertenrechtskonvention (hier als pdf ). Auch Ulla Schmidt, SPD-Politikerin und ehemalige Gesundheitsministerin, fordert eine gesetzliche Neuregelung, "überparteilich, unabhängig vom Einkommen und als echten Nachteilsausgleich für Menschen mit Behinderungen".

Constantin kennt die Spielregeln der Politik. Er war Landtagskandidat bei den Piraten, jetzt sitzt er als Abgeordneter im Kreistag seiner Heimat Hameln-Pyrmont. Nachrichten, Gedanken und Kommentare twittert und chattet er in die Welt hinaus. "Das Internet bedeutet Freiheit für mich. Ich habe Zugang zu allem und niemand schaut mich komisch an", sagt er. In der Welt außerhalb seines Apartments kommt Constantin mit seinem 300-Kilo-Elektrorollstuhl keine Stufe hoch oder runter. Wenn der Abstand zwischen U-Bahn und Bahnsteigkante zu breit ist, muss er an einer anderen Station aussteigen. Wenn der Aufzug kaputt ist, hat er ein Problem. Und wo es gar keinen Aufzug gibt, kann er nicht hin.

Das größtmögliche Maß an Mobilität ist sein eigenes Auto, extra angepasst. Er kann es allein fahren, auch mit 170 über die Autobahn. 80.000 Euro hat der Umbau des Kia gekostet, die Ersparnisse seines Vaters gingen dafür drauf. Unter den jetzigen Gesetzen könnte Constantin nicht auf ein neues Auto sparen, falls dieses mal kaputt geht. Er bräuchte dann einen Fahrdienst. Der allerdings würde ihm bezahlt werden. "Das ist doch absurd", sagt er.

Constantin muss an diesem Sommerabend noch lernen, vier Klausuren stehen in der kommenden Woche an. Er wird eine Nachtschicht einlegen in der Bibliothek. "Wir müssen noch Red Bull einkaufen", sagt er zu seinem Assistenten David. "Jeder Mensch braucht Ziele, ich auch."